Mobbing: Ohne Hemmungen im virtuellen Raum

Mobbing ist ein Problem nicht nur in der Schule, sondern auch im Internet.

Mobbing ist ein Problem in den Schulen, es ist aber umso schlimmer im Internet, wo die normalen Kontrollmechanismen in der Regel versagen. Foto: Hans-Bernhard Huber/laif

Zusammenleben - Die Erfahrung ist neu und alt zugleich. Lisas (Name geändert) Klassenkameraden machen sich im Internet über sie lustig. Auf der eigens eingerichteten "Lisahasser-Seite" tauschen sie gemeine Kommentare aus. Die Eltern schalten die Polizei ein, die Internetseite wird gelöscht, der Verantwortliche bestraft. Es ist nicht das erste Mal. Schon auf ihrer früheren Schule wurde Lisa gemobbt.

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger

"Cyberbullying" nennen Soziologen das gezielte und wiederholte Schädigen, das Einschüchtern und Schikanieren eines Menschen über die neuen interaktiven Medien. Die Opfer ziehen sich meist zurück, werden depressiv. In der virtuellen Welt mobben Kinder und Jugendliche anders als auf dem Schulhof: Hinter dem Rücken eines Mitschülers setzen sie per Handy ein Gerücht in die Welt. Jemand schickt anonym wieder und wieder dieselbe Mail: "Du bist fett". Bei einer Diskussion im Chatroom lassen alle ihren Klassenkameraden links liegen. Als besonders demütigend erleben es die Opfer, wenn ein obszön verändertes Foto oder ein Video im Internet kursiert, das sie betrunken oder beim Gang auf die Toilette zeigt.

Das kann drastische Auswirkungen haben: In Großbritannien brachte sich schon im September eine 15-Jährige ums Leben, weil sie sich in Online-Netzwerken gemobbt fühlte. Die Eltern hatten damals beklagt, ihre Tochter sei nicht mit dem Druck und dem Mobbing auf Netzwerken und in Freundschafts-Gruppen im Internet wie Facebook und MySpace zurecht gekommen. Freunde erklärten, mehrere Mädchen hätten die 15-Jährige auf ihrer Facebook-Seite reihenweise beschimpft. Sie sei auch in der Schule gemobbt worden und habe kein Selbstvertrauen gehabt.

Jeder fünfte Jugendliche ist beteiligt

Viele Kids kennen das Phänomen. "Jeder fünfte Jugendliche ist beteiligt, entweder als Täter, als Opfer oder auch beides", hat Anja Schultze-Krumbholz festgestellt. Die Psychologin von der Freien Universität Berlin untersucht Cyberbullying von 12- bis 15-Jährigen an Berliner und Bremer Schulen. Die hohe Zahl der Beteiligten habe sie überrascht, sagt sie, sie decke sich aber mit den Ergebnissen anderer Studien.

Cyberbullying ist in Deutschland kaum erforscht. Noch scheint unklar, ob virtuelles Mobbing etwas Neues ist oder bloß eine ins Netz verlagerte Variante der altbekannten Ausgrenzungen auf dem Schulhof. Die Sozialpsychologin Catarina Katzer hat als erste Wissenschaftlerin in Deutschland rund 1.700 Schüler und Schülerinnen repräsentativ befragt. Sie betont den Unterschied: Das Mobbing in der Schule sei meistens ganz offensichtlich: "Wenn ich jemanden verprügle oder in der Klasse ausschließe, sieht das jeder."

Den Tätern im Cyberspace sei hingegen gar nicht bewusst, wie sich ihre Taten auswirkten, sagt Schultze-Krumbholz: "Ihnen fehlt dieses direkte Feedback. Sie sehen ihr Opfer nicht und können weder an Mimik und Gestik noch an Worten erkennen, dass es verletzt ist."

Opfer unterschätzen Öffentlichkeit des Internet

Dies verführe Jugendliche dazu, "über die eigenen Schamgrenzen hinweg zu gehen und Dinge zu äußern, die sie sich im realen Leben niemals erlauben würden", weiß auch Jürgen Wolf vom Evangelischen Beratungszentrum München.

Als besonders problematisch bewerten Experten, dass die Opfer die Gefahren im Netz unterschätzen und zu viel über sich preisgeben. "Die Kinder und Erwachsenen sind sich nicht darüber bewusst, dass das Internet öffentlich ist. Sie breiten oft ihre privaten Erlebnisse und Geheimnisse dort aus, führen eine Art Online-Tagebuch, durch das jeder an ihrem Leben teilhaben kann. Dadurch macht man sich angreifbar", sagt Schultze-Krumbholz.

Mobbing auf dem Schulhof und im Internet überlappen sich häufig. Catarina Katzer hat in ihrer Studie festgestellt, dass 80 Prozent der Jugendlichen, die in der Schule als "Bullies" auftreten, auch im Chatroom andere beleidigen und ausgrenzen. Umgekehrt erleben 63 Prozent der Opfer von Schulmobbing ähnliche Angriffe im Internet-Chat.

Die Motive der Täter sind vielschichtig. Manche schikanieren Jugendliche, die als Außenseiter gelten. Andere halten Konkurrenten klein oder wollen ihren Freunden imponieren. Ein Teil der Opfer dreht den Spieß um und wird aus Rache selbst zum Täter. "Es gibt aber auch Spaßhandlungen oder Dinge, die im Chatroom als normal gelten. Es gehört dazu, dass man sich im sozialen Netzwerk beschimpft. Man proletet ein bisschen herum", sagt Katzer.

Die Tränen sind so echt wie im realen Leben

Die Erwachsenen reagieren meist hilflos. Sie kennen sich mit der Medienwelt nicht aus, in der sich ihre Kinder zu Hause fühlen. "Viele wissen gar nicht, was ihr Kind am Computer oder auf dem Handy tut. Sie reagieren nur mit Hinweisen wie: 'Dann schalte doch das Handy ab, mach den Computer aus. Dann musst du es nicht mehr sehen'", hat Schultze-Krumbholtz beobachtet.

Deshalb ist Aufklärung nach Ansicht von Catarina Katzer besonders wichtig. Insbesondere an den Schulen und bei den Erwachsenen müsse das Bewusstsein geschärft werden, dass Cyberbullying ein Problem sei und den Opfern schade. "Denn vielfach argumentieren Eltern und Lehrer: 'Das ist alles nur virtuell, das spielt keine Rolle.' Doch die Tränen, die im Netz geweint werden, sind genauso echt wie die im realen Umfeld."


Weiterführende Informationen gibt es im Internet unter www.chatgewalt.de. Direkte Beratung, nicht nur per Chat, sondern auch per eMail und Telefon, gibt die Telefonseelsorge auf ihrer Internetseite.

epd/han

 

Kommentare

Verfasst von Gast am 3. Februar 2011 - 13:10.

Ich habe das ausprobiert! Ich

Ich habe das ausprobiert! Ich wollte wissen, was tun die sich da an!? Das ganze...

Ich habe das ausprobiert! Ich wollte wissen, was tun die sich da an!?
Das ganze habe ich vor ca. 9-10 Jahren mal durchpraktiziert, weil ich eben auch Kinder habe, die irgendwie in dieser Welt verschwanden, nicht mehr ansprechbar waren, anfingen zu zittern...u.s.w.! Im Laufe der Zeit mußte ich feststellen, das mein eigener Mann da mitspielte! Auf diese Idee war ich bis dahin nicht gekommen!
Liebe Eltern: Ich kann euch nur sagen, was da abgeht, ist das Grauen schlechthin. Ich wurde auch gemobbt, vor allem ging das auch in der Realität weiter. Mir wurden lauter falsche Artikel von Versandhäusern zugeschickt, falsche Zahnprothesen angefertigt.....! Sämtliche Telefongespräche, Fernsehsendungen, Radioberichte und wirklich alles, was man irgendwie technisch manipulieren kann, wurde manipuliert.
Mein Mann erzählte mir die ganze Zeit: Ich hätte Depressionen. Meine ehemalige Chefin hatte nur eine Antwort parat: Schmeiß doch Dein handy weg!
Warum soll ich denn mein handy wegschmeißen? Die Freundin meines Sohnes verurteilte mich, weil ich meinem Sohn ein falsches Hemd gekauft hatte.
Eine ehemalige Freundin sagte zu mir: Die wollen, das du bei Du bei Rewe einkaufst!Andere verurteilten mich, weil ich Fleisch esse...aber wie!? Und so weiter, und so weiter. Die virtuellen Kriege nehmen kein Ende!!!
Im Gegenteil: Unsere Polizei hat da eine ganz schreckliche Entwicklung vollkommen übersehen. Jetzt ist es zu spät! Schließt sich die eine Seite, öffnet sich sofort eine andere! Man fragt sich: Wer hat etwas davon? Und es erscheint einem so, als wenn niemand etwas davon hätte! Aber das kann ich mir beileibe nicht vorstellen. Dahinter steht irgendeine Organisation, die ihre Waren auf den Markt bringen will, auf Kosten aller anderen! Und die gehen über Leichen!
Die kiddies, die den ganzen Tag hier rumhängen, kaufen nur noch dieses Shampoo und jene Creme,gehen nicht mehr ungeschminkt auf die Straße(die Mädchen!), kaufen nur noch bei h&m. Ansonsten haben die keine Meinung mehr, sind völlig manipuliert!Und die machen das, weil sie Angst haben, gemobbt zu werden! Wer die jetzt erst mal im Sack hat, hat die als Kunden auf ewig!

Verfasst von DD am 23. November 2009 - 14:40.

"Opfer" als Schimpfwort

Als ich das Foto von dem Jungen mit dem Zettel auf dem Rücken sah, musste...

Als ich das Foto von dem Jungen mit dem Zettel auf dem Rücken sah, musste ich daran denken, wie der Begriff "Opfer" dabei ist zu einem Schimpfwort zu degenerieren. Da werden Kinder und Jugendliche nicht einfach nur fertig gemacht, sie werden auch noch fertig gemacht, weil sie zu schwach sind um sich zu wehren. "Wer ein Opfer ist, hat es halt nicht besser verdient", kann es eine noch unchristlichere Haltung geben als diese?

"Die Ausschaltung der Schwachen ist der Tod der Gemeinschaft."
-Dietrich Bonhoeffer-

Verfasst von bundesbedenkent... am 19. November 2009 - 20:54.

RE: Mobbing: Ohne Hemmungen im virtuellen Raum

Schon zu meiner Zeit beim normalen Schulhofbullying konnten die Eltern nicht...

Schon zu meiner Zeit beim normalen Schulhofbullying konnten die Eltern nicht viel helfen. Hör nicht drauf ist ungefähr das selbe, wie Computer abschalten. Sich der Wirklichkeit verschließen.

Aber irgendwo auch nicht so falsch. Man muß lernen, mit den Dingen umzugehen. Schwierig wird's, wenn's schwierig wird. Meine Mutter sagte mir immer, ich solle mich wehren, zurückschlagen (durchaus wörtlich gemeint), sie ist eher direkt.

Helfen kann es nicht immer. Es hilft aber auch nicht, auf das böse Internet zu schimpfen. Das wird nicht weggehen. Man muß lernen, als Gesellschaft, mit der Situation umzugehen. Auf dem Schulhof passen die Lehrer auf, daß es keine Schlägereien gibt und niemand gemobbt wird. Das ist ihre Afgabe. Zu Hause haben die Eltern die Aufgabe zu sehen, daß ihr Kind geschützt ist.

Eltern, die heute noch sagen: "Das mit dem Computer, das versteh ich eh nicht.", die tun eigentlich nichts anderes als ihre Kinder nachts weggehen zu lassen und zu sagen, sie wissen nicht, welche Gefahren da lauern könnten.

Es ist ihre Pflicht, sich zu informieren, und dann ihren Kindern beizstehen, ihnen zu helfen, sich in der Welt zurecht zu finden. Denn wer, wenn nicht sie, sollte eine Verfolgung der Täter initiieren. Af dem Schulhof gibt es auch Sanktionen für Mobbing, wo die Lehrer fehlen, sind halt die Eltern in der Pflicht. Die Mobber sind ja nun nicht die größten Verschlüsselingskünstler, die Identität sollte schnell rauszufinden sein, und ein klärendes Gespräch mit deren Eltern... naja, wie es früher eben war: Wenn der Täter zu hause Druck kriegt, überdenkt er vielleicht sein Tun.

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