Kreuzfahrtschiffe im Krisengebiet: Enklave des Luxus

Tourismus - Haiti ist zwar nicht so touristisch erschlossen wie sein Nachbarstaat auf der gleichen Insel, die Dominikanische Republik. Aber auch diese Woche werden mehrere Luxus-Kreuzfahrtschiffe Haiti anlaufen. Nur 100 Kilometer von der zerstörten Hauptstadt Port au Prince entfernt können sich dann die Passagiere bei einem Tagesausflug am Strand räkeln und die Drinks an die Hängematte bringen lassen. An Bord sind aber auch Hilfsgüter.

Von Barbara Holt

Während im Erdbebengebiet Haitis Zehntausende um ihr Überleben kämpfen, ankern nur etwa 100 Kilometer entfernt Luxusliner vor der Küste im Nordwesten des Landes. Sie bringen Touristen für einen Tagesausflug nach Labadee, wo die Passagiere die tropischen Strände genießen, sich einen kühlen Drink zur Hängematte bringen lassen, schnorcheln und Kajak fahren oder sich im "Aqua Park" vergnügen können.

Allein in dieser Woche werden drei Kreuzfahrtschiffe der US-Reederei Royal Carribean International Kurs auf Haiti nehmen. Die "Independence of the Seas" war bereits am letzten Freitag im Hafen von Labadee zu Gast. Royal Carribean hat die Halbinsel seit 1986 vom Staat Haiti gepachtet und betreibt dort ein privates Resort, zu dem ausschließlich Touristen und Bedienstete Zutritt haben. Vom wirklichen Leben in Haiti bekommen die Tagesausflügler wenig mit: das Gelände ist eingezäunt und wird von bewaffneten Wachen geschützt.

Entscheidung ist Firma "nicht leicht gefallen"

230 haitianische Mitarbeiter beschäftigt die Anlage, geschätzte 300 weitere Menschen sind direkt von der Touristenanlage abhängig. Vor dem Erdbeben der letzten Woche galt Labadee als hoffnungsvoller Anfang für die Wiederbelebung des Tourismus in Haiti: Royal Carribean hat erst vor kurzem 55 Millionen Dollar in den Ausbau des Hafens investiert, ab Mai 2010 soll auch das größte Kreuzfahrtschiff der Welt, die "Oasis of the Seas" mit bis zu 6.000 Passagieren hier festmachen.

Teaser: Special zum Erdbeben auf Haiti

Die Entscheidung, Haiti trotz der humanitären Katastrophe, die sich gerade im Land abspielt, auch weiterhin anzulaufen, sei Royal Carribean nicht leicht gefallen, schreibt Vize-Präsident John Weis im Weblog des Unternehmens. Doch man sei zu dem Entschluss gekommen, dass das Land gerade jetzt nicht allein gelassen werden dürfe. "Labadee ist wichtig für Haitis Wiederaufbau, der Lebensunterhalt hunderter Menschen hängt davon ab. Das Land profitiert von den Einnahmen, die bei den Landgängen der Touristen erzielt werden." Außerdem könnten die Schiffe nicht nur Touristen, sondern auch Hilfsgüter ins Land bringen.

Eine Million Dollar Spenden

In der Tat waren beim Stopp in Labadee in der letzten Woche 40 Paletten Reis, Bohnen, Milchpulver, Wasser und Konserven an Bord der "Independence of the Seas". Das Unternehmen bezeichnete den Besuch als Erfolg. Die Verteilung der Güter wurde von einer amerikanischen Hilfsorganisation übernommen. Die Geschäfte vor Ort waren alle geöffnet - Labadee selbst ist nicht von dem Erbeben in Mitleidenschaft gezogen worden. Und: "Unsere Gäste waren glücklich zu hören, dass alle Gewinne des Landgangs in Labadee gespendet werden."

Die Kreuzfahrtfirma hat außerdem angekündigt, mindestens eine Million Dollar in Hilfslieferungen und humanitärer Unterstützung für Haiti zu spenden. Auch die über 200 haitianischen Mitarbeiter der Firma und ihre Familien werden davon unterstützt, wenn sie es brauchen, hieß es in einer Pressemitteilung der Firma. An Bord der Schiffe von Royal Caribbean können die Passagiere auch Spenden für Haiti auf ihre Rechnung schreiben lassen.

Kreuzfahrtschiffe als Unterkunft für Obdachlose?

Nicht alle Passagiere der Kreuzfahrtschiffe sehen die Entscheidung des Unternehmens allerdings positiv, Haiti weiterhin anzulaufen. Viele haben Bedenken: "Wie können wir unseren Urlaub genießen, wenn nur einige Meilen entfernt Tod und Zerstörung herrschen?", fragt ein Kommentator des Blogs und möchte seine bereits gebuchte Kreuzfahrt stornieren. "Nahezu unmenschlich" findet ein anderer den Gedanken, am Strand zu dinieren, während nur unweit entfernt Menschen hungern und dursten müssen und um ihr Leben bangen.

Andere Gäste schlagen vor, die Schiffe vor Haiti festzumachen und den obdachlos gewordenen Menschen vor Ort als Unterkunft zur Verfügung zu stellen. Einige möchten auf den Landgang verzichten und nur die Hilfsgüter liefern. Und wieder andere fordern Royal Carribean auf, Haiti von der Tour-Route zu streichen - weil dort die Gesundheit der Passagiere zum Beispiel durch verdorbenes Wasser gefährdet sei.


Was halten Sie von den Kreuzfahrten ins Krisengebiet? Sollte Royal Caribbean seinen Hafen für Schiffe mit Hilfslieferungen öffnen? Sollte Haiti kein Kreuzfahrtziel mehr sein? Würden Sie in diesen Tagen an dem Privatstrand liegen wollen? Schreiben Sie ihre Kommentare unter den Artikel!

Kommentare

Verfasst von Kathy_Valiant am 19. Januar 2010 - 13:02.

RE: Kreuzfahrtschiffe im Krisengebiet: Enklave des Luxus

Ich finde die Entscheidung richtig, die Pläne fortzusetzen. Denn Arbeitspl...

Ich finde die Entscheidung richtig, die Pläne fortzusetzen. Denn Arbeitsplätze werden gebraucht. Die grundsätzliche Kritik am Luxusleben im Angesicht der Armut ist jedoch angebracht - aber verglichen mit dem Leben in Haiti ist unser ganzer Lebensstil sehr komfortabel. Am wichtigsten finde ich, bei Frage nach Spenden nicht zu unterscheiden, ob man nun räumlich und zeitlich direkt am Elend dran ist oder es weiter entfernt ist.

Verfasst von Daniela am 19. Januar 2010 - 15:07.

RE: RE: Kreuzfahrtschiffe im Krisengebiet: Enklave des Luxus

Als Tourist auf dem Kreuzfahrtschiff hätte ich momentan sicherlich ein...

Als Tourist auf dem Kreuzfahrtschiff hätte ich momentan sicherlich ein schlechtes Gewissen, mich an einen haitianischen Strand zu legen und verwöhnen zu lassen. Andererseits: Die Region ist nicht betroffen - sollte man den paar Menschen, die im Tourismus Arbeit finden, diese nun auch noch nehmen? Sicherlich nicht. Und dass die Unternehmen und Reisenden Geld sammeln, und die Schiffe außerdem Hilfsgüter transportieren, das finde ich wesentlich sinnvoller, als wenn die Schiffe aus Pietät einen Bogen um Haiti machen würden, um dann 100 km weiter in der Dominikanischen Republik anzulegen. Im Moment hilft jede Kleinigkeit!

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