Geschlechterrollen - Der Fall Caster Semenya ist weiter ungeklärt. 2009 holte sie Gold über 800 Meter bei der Leichtathletik-WM - bei den Frauen. Seitdem wird heftig diskutiert, ob sie Mann oder Frau ist. Biologisch ist Caster Semenyas Geschlecht nicht eindeutig zu bestimmen. Und sie ist damit nicht allein. Aber die Gesellschaft stellt das vor Probleme. Die Kirche auch, schreibt Kristin Bergmann, Referentin für Chancengerechtigkeit der EKD.
Der Fall von Caster Semenya ist eigentlich nichts Neues. Wahrscheinlich hat jede/r schon mal eine solche Situation erlebt: Beim Kneipenbummel, im Supermarkt, bei einer Tagung oder im Zugabteil begegnet man einer Person, deren Erscheinung sich auch auf den zweiten Blick nicht eindeutig einordnen lässt. Ist sie eine Frau? Ist er ein Mann? Obwohl es immer mal wieder vorkommt, sind wir meist stark verunsichert, wenn wir auf ein Gegenüber treffen, dass sich nicht eindeutig dem Schema männlich/ weiblich zuordnen lässt.
Erste Frage: Junge oder Mädchen?
Denn diese Zuordnung war seit jeher und ist auch heute noch von fundamentaler Bedeutung für die Lebenswege und Lebenschancen von Menschen. Wo Menschen sich begegnen, unterscheiden sie automatisch und augenblicklich nach dem Geschlecht. Schon die Schöpfungsgeschichten berichten von der Unterscheidung der Geschlechter, der Mensch wird von Gott als Mann und Frau geschaffen. Und auch heute noch lautet die erste Frage bei der Geburt eines Kindes: Ist es ein Junge oder ein Mädchen?
Doch bei genauerem Hinsehen ist es nicht so einfach mit der Geschlechterdichotomie.
Da ist zum einen die Tatsache, dass biologische Unterschiede kaum Bedeutung haben für das, was unter "Mannsein" und "Frausein" verstanden wird. Die Genderforschung hat dargelegt, dass die bedeutsamsten Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht naturgegeben sondern gemacht (sozial konstruiert) sind. Von der Berufswahl über Familienrollen bis hin zu spezifischen Verhaltensweisen – es sind Erwartungen und kulturelle Zuschreibungen, die bestimmen, was typisch männlich beziehungsweise typisch weiblich ist.
Dass diese Geschlechtsrollenerwartungen Lebens- und Entfaltungsspielräume begrenzen und zu ungleichen Chancen führen, haben bisher vor allem Frauen zu spüren bekommen. Lange Zeit hat die Kirche solche Rollenklischees religiös legitimiert. Hier hat in den vergangenen Jahrzehnten ein grundlegender Wandel stattgefunden. Heute setzt sich die evangelische Kirche für Geschlechtergerechtigkeit ein und ermutigt, die Vielfalt und die Verschiedenheit der ganzen Schöpfung anzuerkennen und zu loben.
Intersexualität ist stark tabuisiert
Zum anderen ist auch das biologische Geschlecht manchmal nicht so eindeutig zuzuordnen, wie es die dichotome Sicht vorsieht. Humanbiologische Forschungsergebnisse unterstützen die Annahme, dass Geschlecht auch biologisch nur bedingt eindeutig verifizierbar ist und eher eine Variationsbreite mit fließenden Übergängen als zwei klar umrissene Alternativen darstellt. In einigen Fällen lässt sich medizinisch beim besten Willen nicht feststellen, ob ein Mensch ein Mann oder eine Frau ist. Schätzungen gehen davon aus, dass allein in Deutschland 80.000 bis 100.000 Menschen mit nicht eindeutigem biologischen Geschlecht leben.
Doch ist die Befassung mit Intersexualität auch in modernen Gesellschaften stark tabuisiert – mit gravierenden Folgen für die Betroffenen, wie die Stigmatisierung Caster Semenyas zeigt. Auch in der evangelischen Kirche steht eine theologische und sexualethische Bearbeitung dieser Thematik noch aus.
Oberkirchenrätin Dr. Kristin Bergmann ist seit 2000 die Leiterin des Referates für Chancengerechtigkeit der EKD.




Kommentare
>> Die Genderforschung hat
>> Die Genderforschung hat dargelegt, dass die bedeutsamsten Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht naturgegeben sondern gemacht (sozial konstruiert) sind.<<
Also Menstruation und Schwangerschaft sind soziale Konstrukte?
Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als
Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich
bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das
Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich,
indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen
zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder
mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas
ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem
eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht
geglaubt zu werden - in solchen Fällen wird der Dumme
sogar kritisch - und wenn sie unausweichlich sind, können
sie einfach als nichtssagende Einzelfälle
beiseitegeschoben werden.
Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft
“Die Ehrfurcht vor der Vergangenheit und die Verantwortung gegenüber der Zukunft geben fürs Leben die richtige Haltung.” - Dietrich Bonhoeffer
"Sollte Gott gesagt haben?"
Es ist wirklich erstaunlich, wofuer die Autorin so viel Zeit hat und was sie alles fuer wichtig haelt.
Die alttestamentliche Lesung fuer den kommenden Sonntag INVOKAVIT enthaelt die Frage der Schlange aus 1. Mose 3:
"Sollte Gott gesagt haben...?"
Der Artikel gemahnt genau an die selbe Frage, naemlich: "Sollte Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen haben?"
Mensch, Leute, lasst doch bitte endlich wieder 1+1=2 sein!
Was ist noch mal eine dichotome Sicht?
Ich lese gern und viel. Aber den Begriff kannte ich noch nicht.
Nur gut, dass es Wikipedia gibt. Der (die?, das?) sagt:
Dichotomie (griechisch dichótomos „halbgeteilt, entzweigeschnitten“ aus dícha „entzwei, getrennt“ und témnein „schneiden“[1]; manchmal auch Dychotomie) bedeutet die Aufteilung in zwei Strukturen oder Mengen, die nicht miteinander vereinbar bzw. einander genau entgegengesetzt sind.
Vielleicht kann frau beim nächsten Mal bei Fremdwörtern eine kleine Hilfe mitgeben? Nicht immer hat mann Zeit, auch die Bedeutung eher seltener Begriffe zu eruieren.
Dazu auch der Roman
Dazu auch der Roman "Middlesex" von Jeffrey Eugenides ...
Als Mann und Frau geschaffen
Wenn Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat, dann ist es meine Aufgabe, zu meiner Lebenszeit die angemessene Ausfüllung dieser Rolle zu suchen und anderen dabei zu helfen.
Diesen Leistungssport, bei dem das Geschlecht so entscheidend ist, halte ich für pervertiert. Das sollte die Kirche eher kritisieren. Dass diese Sportlerin so maskuline Kräfte hat, sollte man nicht zum Anlass nehmen, sie in ihrer Geschlechterrolle zu verunsichern.
Intersexualität
Danke,das Sie diese Thematik ansprechen; jeder Mensch der nicht von Intersexualität oder Transsexualität betroffen ist kann danbar sein, denn es kann eine sehr schwere seelische Last sein; insbesondere wenn behauptet wird,das Gott solche Menschen nicht gewollt hat.
Klar wäre es angenehmer wenn kein Mensch davon betroffen wäre, Anderssein ist immer mit sehr viel Spott, Verachtung, Isolation und Depressionen verbunden.
Es gibt keine Schuld diesbezüglich; kein Mensch hat sich im Mutterleib als Fötus ausgesucht wie sich seine Geschlechtsorgane entwickeln undob auch die Hirnstruktur dazu passt.(Genausowenig wie ein geistig schwer behindertes Kind oder ein Kind mit schweren Gesichtsdeformationen;z.B. John Merrick,welcher als sogenannter "Elefantenmensch" bezeichnet wurde.
Gott hat zugelassen,das es durch Hormone, Chromosomem im Mutterleib zu dem sogenannten Anderssein kommen kann, aber
Gott hilft auch diese Lasten zu tragen,damit ein Mensch nicht dadurch im Selbstmord endet.
Gott ist nicht grausam,grausam sind wir Menschen welche
andere Menschen,ders sind seelisch quälen.
Durch Schuldgefühle machen, durch Verachtung,durch Ausgrenzung.
Jesus hat dies nicht getan; wer weiß ober damals nicht auch solch betroffene verachtete Menschen kannte
und ihnen Trost und Herzenswärme schenkte?
Es wäre schön, wenn jeder Nichtbetroffene( bei dem Seele und körperliches Geschlecht übereinstimmen) sich mal fragt:Wie möchte ich behandelt werden wenn ich betroffen wäre? Liebe Grüße sendet Thomas
Intersex
Ich empfehle allen den Schattenbericht auf www.xy-frauen.de zu lesen.
Erst dann kann man ermessen wie schlimm die Geschlechtzuweisung intersexueller Menschen ist.
Frances Kreuzer