"Feuer frei" in Utah: Häftling vor blutiger Hinrichtung

Häftling in Todeszelle

Fünf bezahlte Schützen werden aller Voraussicht nach den verurteilten Mörder Ronnie Lee Gardner am 18. Juni im State Prison in Draper, Utah, erschießen und auf diese Weise die vor 25 Jahren über ihn verhängte Todesstrafe vollstrecken. Foto: dpa

Todesstrafe - Ein in den USA Inhaftierter wird aller Voraussicht nach in dieser Woche hingerichtet. Auf seinen Wunsch hin per Todesschuss - als Protest gegen den "staatlich sanktionierten Mord".

Von Gabriele Chwallek

Die Entscheidung eines Ausschusses am Montag fiel einstimmig. Es gibt keine Gnade für Ronnie Lee Gardner. Und das heißt: Schreiten nicht noch Gerichte ein, wird er wahrscheinlich um kurz nach acht Uhr am Freitagmorgen deutscher Zeit im Staatsgefängnis von Utah durch Gewehrkugeln sterben. Schüsse statt Giftspritze - so hatte es sich der 49-Jährige im April selbst ausgesucht, als 25 Jahre nach dem Todesurteil schließlich der Hinrichtungstermin festgesetzt wurde: 18. Juni, gleich nach Mitternacht Ortszeit.

Gardner hatte 1985 bei einem Fluchtversuch in einem Gerichtsgebäude einen Rechtsanwalt getötet. Er würde zum dritten Gefangenen, der seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 in den USA durch ein Erschießungskommando getötet wird - zum dritten in Utah, das damit erneut in Schlagzeilen gerät, die es nicht will.

Ein Vierteljahrhundert gewartet

Journalisten aus aller Welt waren 1996 ins dortige Staatsgefängnis geströmt, als der verurteilte Kindermörder John Albert Taylor im Kugelhagel starb. Davor war es Gary Gilmore, der 1977 Sekunden vor den Schüssen seine Scharfrichter aufforderte: "Let's do it", nun macht schon.

Auch jetzt kommt auf das Gefängnis in Draper ein Ansturm von Reportern aus aller Welt zu. Ungewöhnlich: Denn ist die Zahl der Hinrichtungen in den USA in den letzten Jahren zurückgegangen, sind sie doch immer noch so häufig, dass die Öffentlichkeit meistens kaum Notiz davon nimmt. In diesem Jahr waren es bis zum 10. Juni 27, hat das Todesstrafen-Informationszentrum in Washington aufgelistet. Aber alle Häftlinge starben "sauber", durch eine Giftinjektion. Bei Gardner dagegen wird Blut fließen, das, so heißt es, in einer Art Schüssel aufgefangen wird.

"Staatlich sanktionierte Morde"

Gilmore konnte sich seinerzeit für Erschießen oder Erhängen entscheiden. Er sagte, er wolle dem Staat nicht die Gelegenheit geben, sich hinter einer "unblutigen" Hinrichtung zu verstecken. Der Welt müsse die Barbarei von Exekutionen drastisch vor Augen geführt werden.

Ähnlich hatte sich auch Taylor geäußert, der - wie jetzt Gardner - durch eine Giftinjektion hätte sterben können. Taylor erklärte, dass er durch die blutige Exekutionsmethode auf die Hinrichtungen in den USA als "staatlich sanktionierte Morde" aufmerksam machen wolle.

Gegen die Mär von der humanen Hinrichtung

Gardner hat - jedenfalls bis zum Dienstag - nicht klar gemacht, warum er erschossen werden will. Utah hat 2004 die Erschießungskommandos abgeschafft, nur noch davor verurteilte Häftlinge können sie wählen. Vielleicht hat Gardner ähnliche Gründe wie seine "Vorgänger", vielleicht hält er das blutige Sterben aber auch für leichter und schneller als das mit der Giftspritze. Schließlich hat es mittlerweile eine Reihe von Fällen gegeben, in denen lange in den Armen der Delinquenten herumgestochert wurde, um eine geeignete Vene für den tödlichen "Cocktail" zu finden, Fälle, in denen der Todeshäftling anscheinend Qualen erlitt, weil das zuerst verabreichte Betäubungsmittel nicht ausreichte.

Menschenrechtsorganisationen hoffen - wie auch damals bei Taylor - dass der Wirbel um Gardners Exekution die Diskussion über die Todesstrafe neu belebt. Aber zugleich befürchten sie, dass dadurch die Hinrichtungen durch die Giftspritze "human" erscheinen - was sie nicht seien. Jede Hinrichtung, so betonen etwa Amnesty International oder Human Rights Watch, sei barbarisch: "Es gibt keine humanen Exekutionen."

Sanitäter für die Zeugen

Und das kommt voraussichtlich am Freitag auf Gardner zu. Er wird auf einen Holzstuhl geschnallt. Nachdem eine Kapuze über sein Gesicht gezogen worden ist, wird mit einem Stethoskop festgestellt, wo genau sein Herz schlägt und die Stelle dann mit einem Stück Tuch markiert, bei Taylor war es rot.

Fünf Todesschützen stehen bereit, rekrutiert aus den Reihen der Strafverfolgungsbehörden. Sie schießen gleichzeitig, einer von ihnen mit einer Platzpatrone, damit offen bleibt, wessen Schüsse tödlich waren. Das soll lebenslange Schuldgefühle verhindern. Und vermutlich werden auch Sanitäter bereitstehen, wie damals bei Taylor: für den Fall, dass die Augenzeugen der Hinrichtung den blutigen Anblick nicht verkraften. 

dpa

Kommentare

Verfasst von WolfgangP am 16. September 2010 - 9:27.

Es spielt keine Rolle...

ob der Verurteilte schuldig oder unschuldig ist. Eine Hinrichtung steht immer...

ob der Verurteilte schuldig oder unschuldig ist. Eine Hinrichtung steht immer für das Versagen des Staates, da dieses Urteil auf dem Prinzip der Rache aufgebaut ist.
Abschreckend wirkt die Todesstrafe mit Sicherheit nicht, kein Mörder wird vor seiner Tat nachdenken, ob er dafür, im Falle des Erwischt werdens, mit lebenslanger Haft oder Todesstrafe zu rechnen hat.
Grundsätzlich sollte ein Justizsystem nach den Maßstäben der Resozialisierung agieren, nicht nach dem nach Rache. Dass es Verbrechen gibt, bei denen eine Resozialisierung nicht möglich scheint, will ich gar nicht verneinen. Hier greift dann der Schutz der Bevölkerung - dennoch hat jeder Mensch, egal was er getan hat, ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben, selbst wenn es eine lebenslange Sicherungsverwahrung bedeutet.

Verfasst von DD am 15. Juni 2010 - 21:05.

In diesem Fall scheint es

In diesem Fall scheint es zwar absolut sicher zu sein, dass der Verurteilte die...

In diesem Fall scheint es zwar absolut sicher zu sein, dass der Verurteilte die Tat wirklich begangen hat, aber wie oft geschieht es wohl, dass die Todestrafe einen Unschuldigen trifft? Selbst wenn alle an der Ermittlung und der Verhandlung Beteiligten sich nach Kräften für die Wahrheitsfindung einsetzen, kann es immer noch zu Fehlurteilen kommen. Dies ist auch der Grund warum ich der Ansicht bin, dass Länder, die die Möglichkeit haben alternative Strafen zu verhängen, dies auch tun sollten.

 

In diesem speziellen Fall bete ich für eine Umwandlung der Strafe in letzter Minute, oder zumindest für einen einfachen Tod des Verurteilten. Möge sich Gott unabhängig von dem Ausgang ihm und der Vollstrecker gnädig erweisen. :(

"Die Ausschaltung der Schwachen ist der Tod der Gemeinschaft."
-Dietrich Bonhoeffer-

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