Jugendgewalt - Mit 22 Schlägen und Tritten ist Dominik Brunner vor anderthalb Monaten in einer Münchner S-Bahn-Station zu Tode geschlagen wurden, minutenlang prügelten zwei junge Schläger auf den mutigen Mann ein, der eine Gruppe von Kindern schützen wollte. Ganz Deutschland war geschockt - und ratlos. Wenn selbst Zivilcourage lebensgefährlich ist: Wer soll die jungen Gewalttäter noch stoppen?
Denn was Experten längst wissen, beginnt nun auch die breite Öffentlichkeit zu ahnen: Höhere Jugendstrafen und mehr Videokameras werden das Übel nicht aus der Welt schaffen. So soll der Plan der schwarz-gelben Koalition, die Höchst-Jugendstrafe bei Mord von 10 auf 15 Jahre zu erhöhen, wohl eher das Gerechtigkeitsempfinden einer zunehmend empörten Bevölkerung besänftigen; dass sich dadurch junge Exzessivtäter abschrecken lassen, glaubt wohl kaum jemand.
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Ob die Jugendgewalt wirklich zugenommen hat, darüber sind sich die Fachleute jedoch nicht ganz einig. Die Zahlen der jüngsten Kriminalstatistik verzeichneten einen leichten Rückgang. Doch langfristig, so meint beispielsweise der Bremer Staatsanwalt Daniel Heinke, habe die Jugendgewalt zugenommen. Einigkeit herrscht aber darüber, dass herkömmliche Erklärungsversuche zu kurz greifen: Dass junge Männer mit bisher nicht gekannter Brutalität zuschlagen, lässt sich jedenfalls nicht mit Allgemeinplätzen wie Orientierungslosigkeit oder Werteverfall erklären.
"Geheiligte Zornkollektive"
Der Soziologie Heinz Bude spricht von den "Ausgeschlossenen". Junge Männer fallen aus der Arbeitsgesellschaft heraus, weil sie die Jobs nicht bekommen, die sie wollen. Und die Jobs nicht wollen, die sie bekommen: Man will Automechaniker werden, doch das ist durchaus anspruchsvoll heutzutage, und wenn die Schulbildung nicht reicht, bleibt halt die Altenpflege - was mit dem übersteigerten Ehrbegriff bestimmter junger Männer aber nicht vereinbar ist. "Sie treten als geheiligte Zornkollektive auf, die auf Rache an einer Welt sinnen, die ihnen die Bedeutung verweigert", schreibt Bude.
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Männlichkeitsmythos und übersteigerter Ehrbegriff: Nach Erkenntnissen von Daniel Heinke liegt dort eine Wurzel für die unglaublich Brutalität, mit der bestimmte subkulturelle Jungmänner- Cliquen - oft unter Alkoholeinfluss - auf den geringsten Anlass reagieren. "Sie verteidigen das, was sie noch haben, nämlich ihr Verständnis von Männlichkeit", sagt Heinke, der eine kriminalwissenschaftliche Untersuchung über das "Tottreten" veröffentlicht hat. Dabei geht es um den Rang in der Clique: "Wer seinen Platz in der Gruppe behalten will, muss vermeintlichen Ehrverletzungen gewaltsam entgegentreten."
Joachim Kersten, Soziologe an der Deutsche Hochschule der Polizei in Münster, spricht sogar vom "Spaß und Kick", den die Gewalt vermittelt. "Die Tat gilt als cool, gar als gerecht, weil das Opfer diskriminiert oder verweiblicht wird." Die Erniedrigung bringe einen "Zuwachs an maskuliner Bestätigung", schreibt der Professor in einem Aufsatz. "Gerade wenn sozialer Status und Perspektive, Bildung und andere Ressourcen fehlen, hat Gewalt Sinn und macht Spaß."
Warnungen vor Folgen exzessiven Medienkonsums
So ist es wenig überraschend, dass nach Heinkes Untersuchungen die Gewalttäter sich vorwiegend aus sogenannten bildungsfernen Schichten rekrutieren. Und häufig aus Familien mit Migrationshintergrund: "Herkunftsbereiche wie die Türkei und der arabische Raum sind deutlich überrepräsentiert", sagt der Jurist - ein Befund, der sich mit Erkenntnissen des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) deckt.
Und was ist mit den Medien? Was der Konsum brutaler Actionfilme und Computerspiele zur Gewaltbereitschaft beiträgt, gehört zu den besonders heftig umstrittenen Forschungsfeldern. Insbesondere das KFN warnt vor den brutalisierenden Folgen eines exzessiven Medienkonsums. Andererseits: Eine unmittelbare Ursächlichkeit lässt sich jedenfalls nicht feststellen - längst nicht jeder, der Gewaltvideos sieht, wird selbst gewalttätig.




Kommentare
RE: Die Ausgeschlossenen schlagen zurück
Nicht jeder, der Gewaltvideos sieht, wird gewalttätig. Aber die meisten, die gewalttätig werden, haben auch Gewaltvideos konsumiert. Sie können ein bestandteil der De-Sensibilisierung gegenüber der Gewalt sein. Diese De-Sensibilisierung hat viele Aspekte und ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. (Für herta Müller beginnt sie bereits mit einem Werbeplakat, bei dem ein Frauenschuh auf eine Männerhand tritt) Der Desenbilisierung entgegenwirken kann einerseits bedeuten: Die Faktoren in ihrer Wirksamkeit begrenzen, die sie auslösen. Noch wichtiger aber ist eine Sensibilisierung für den Nächsten udn auch für die eigenen Schwächen; das kann mit der Pflege von Pflanzen und Tieren im Kindergarten anfangen, Begegnungen zwischen den Generationen gehören dazu, damit Kinder, die keinen kranken Opa zuhause haben sich in die Hilfsbedürftigkeit von Alten einfühlen können und sie gleichzeitig als Menschen auch mit Stärken wahrnehmen. Das Zusammenleben von Behindetren und Nichtbehinderten gehört dazu ("Das behinderte Kind im Kindergarten nimmt vier gesunden Kindenr den Platz weg" ist dann schon eine unzulässige, weil falsche Formulierung: Sowohl von der kleineren Gruppe als auch von der Begegnung mit den besonderen Grenzen als auch den besonderen Stärken des Kindes mit Down-Syndrom hat auch mein nichtbehindertes Kind profitiert!). Und - auch wenn es die meisten meiner linken gesinnungsgenossen nicht hören wollen: Auch dass das ungeborene Leben in unserer Gesellschaft nicht ausreichend geschützt wird, sondern manche immer noch beschönigend von "Schwangerschafts-Unterbrechung" reden (als ob man nur mal eine Pause machen würde und die Schwangerschaft dann später wieder fortsetzen könnte, obwohl in Wahrheit Leben getötet wird) prägt eine Grundatmosphäre mangelnder Sensibilität für das Lebendige, die der Alltagsgewalt Vorschub leistet.
Nicht nur ein Problem der Gewalt
Ich denke es ist nicht nur das Problem der Gewalt.
Wir müssen gucken, wie dieses Problem hervorgerufen wird.
Es fängt schon im Kindergarten an: Durch das neue KiBiz werden die Erzieherstellen immer weiter zusammengestrichen und der Streß ist nicht mehr tragbar. Von individueller Betreuung und Förderung ist in städtischen Kindergärten nicht viel zu spüren.
Weiter geht es in der Schule. In einem selektierenden Schulsystem werden sowohl die Schüler als auch die Lehrer überbelastet.
Die Lehrer kriegen immer weniger Zeit, um sich mit ihren Schülern zu befassen, unter anderem durch das Turboabi, und immer mehr sinnlosen Stoff. Die Kinder werden nach der vierten Klasse aussortiert nach Schülern, deren Eltern mehr Geld haben und diesen, die weniger Geld haben.
Weiter geht es dann in der Freizeitgestaltung der Jugendlichen
Die Sozialarbeiterstellen werden immer weiter zusammengekürzt, um mit dem gewonnenen Geld marode Banken zu retten und ein neues Altersheim zu bauen.
Im Berufswesen sieht es ähnlich perspektivlos aus:
Immer weniger Unternehmen bilden aus und so werden immer mehr Jugendliche arbeits- und lehrstellenlos.
Und die Politiker fragen sich, woher diese Gewalt und dieser Hass kommt: Es ist die Perspektivlosigkeit der Jugendlichen.
Was sollen sie den machen? Sie haben nichts zu tun und ihnen ist langweilig. Sie haben keine Perspektive und flüchten sich in Drogen und Alkohol.
Und ich denke, dass sich unter schwarz/gelb an dieser Situation auch nicht besonders viel ändern wird.