Kirche und Gewerkschaften - eine Liebeserklärung

Michael Sommer und Nikolaus Schneider

Schon vor Beginn der Veranstaltung ins Gespräch vertieft: Der DGB-Bundesvorsitzende Michael Sommer und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider. Foto: Ralf Stieber/Evangelische Akademie Baden

Streitgespräch - Es war eine harmonische und freundschaftliche Begegnung zwischen den Spitzen der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Deutschen Gewerkschaftsbund: Nikolaus Schneider und Michael Sommer trafen sich in der Evangelischen Akademie Baden in Bad Herrenalb, um darüber zu reden, wie sie gemeinsam die Krise überstehen und den arbeitenden Menschen im Land Gutes tun können. In fast allem waren Schneider und Sommer sich einig - nur nicht beim Streikrecht für Diakonie-Mitarbeiter.

Von Anne Kampf

Auch wenn Kirchen und Gewerkschaften in vergangenen Jahrzehnten nicht immer dieselbe Sprache gesprochen haben: Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider ist einer, der die Barriere schon aufgrund seiner Biografie überwinden konnte. Als Sohn eines Hochofenarbeiters lernte er in seiner Kindheit Arbeiterlieder auswendig und stellte sich in den Achtziger Jahren als Pfarrer an die Seite der streikenden Stahlarbeiter in Rheinhausen. Weihnachten 2006 kümmerte Schneider sich als Seelsorger um streikende Flughafen-Mitarbeiter in Düsseldorf - Michael Sommer ist davon bis heute gerührt: "Ich werde es Ihnen persönlich nie vergessen, dass Sie zu diesen Menschen gegangen und mit ihnen einen Gottesdienst gefeiert haben."

Im Lebenslauf des studierten Politologen Michael Sommer, der erst in der Postgewerkschaft, dann beim DGB Karriere machte, finden sich keine Hinweise auf kirchliche Aktivitäten. Wenn er mal in einen Gottesdienst geht - zum Beispiel am 1. Mai - hört er sich die Predigt sehr kritisch an. Doch sein Zugang zur Kirche funktioniert gut über den persönlichen Kontakt: "Ich bin auch deshalb gekommen, weil ich Sie, Präses Schneider, außerordentlich schätze", war der erste Satz von Sommers Rede in Bad Herrenalb. Und dieser Satz klang nicht wie eine höfliche Floskel.

Die Welt von heute ist nicht mehr die von gestern

So ist das Gespräch am Freitagnachmittag von Anfang an von einem freundschaftlichen Ton geprägt. Schneider und Sommer sind sich darin einig, dass Kirche und Gewerkschaften gemeinsam die heutigen Probleme der Menschen in der Arbeitswelt angehen sollten. Selbst dazu fällt dem Ratsvorsitzenden ein Arbeiterlied ein: "Wann wir schreiten Seit' an Seit'" könne für das Verhältnis von Kirche und Gewerkschaften durchaus gelten.

Bei der Analyse dessen, woran die Gesellschaft in Deutschland heute krankt, gibt es keinen Widerspruch. Mehrfach klopft Michael Sommer auf seinen Tisch, als Nikolaus Schneider sich gegen Steuerreduzierungen ausspricht, das von Teilen der CDU/CSU geplante Betreuungsgeld für Eltern kritisiert, und besonders, als er Spekulationen mit Weizen anprangert ("Das müsste verboten werden").

Sommer selbst holt bei der Beschreibung der Krise weiter aus. "Was wir in den vergangenen 25 bis 30 Jahren erlebt haben, war der Versuch, einen völlig ungehemmten Kapitalismus auf die Gesellschaft zu übertragen." Die Arbeitswelt sei zunehmend fragmentiert, Menschen müssten zu viel arbeiten, seelische Erkrankungen nähmen zu. Er rechnet vor, wie viele Menschen durch die Finanzkrise arbeitslos geworden seien und spricht auch über Krieg, Brutalität und Rassenhass - "Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass die Welt von heute nicht mehr die Welt von gestern ist."

Die "Arbeiter im Weinberg" als Mindestlohn-Gleichnis

Was also sollen Kirche und Gesellschaft tun, und auf welche Werte beziehen sie sich in ihrem Handeln? Auch hier marschieren Schneider und Sommer "Seit' an Seit". Der EKD-Ratsvorsitzende beginnt ganz grundsätzlich: "Die Würde der Einzelnen ist unverfügbar. Sie ist zu achten und zu schützen, unabhängig von Intelligenz und Gesundheit, von Herkunft und Religionszugehörigkeit, von Geschlecht und Alter." Produktive Arbeit sei Teil der Identität eines Menschen dazu, erklärt Schneider und zitiert Martin Luther: "Wie das Fliegen zum Vogel, so gehört Arbeiten zum Menschen."

Seine Arbeitsethik belegt der Theologe mit Versen aus dem Neuen Testament: "Jeder aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit." (1. Korinther 3, Vers 8) und "Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert" (Lukas 10, Vers 7). Etwas gewagt ist sein Auslegungsvorschlag für das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, die nach unterschiedlich langer Arbeitszeit alle denselben Lohn bekommen (Matthäus 20, 1-16). Für Gewerkschaften sei das "ein schwieriges Gleichnis", gibt Schneider zu und versucht eine Interpretation im Sinne eines Mindestlohns: "Der gerechten Entlohnung eines Arbeitenden ist eine Schranke nach unten zu setzen."

Von der Arbeitsethik ausgehend, fasst Schneider das Menschenbild der Bibel so zusammen: "Der Mensch ist auf Gemeinschaft angewiesen", er könne nur in Beziehungen überleben. "Der Mensch hat die Aufgabe und die Fähigkeit, Verantwortung für die Welt und für die Gemeinschaft zu übernehmen", genau darauf ziele die Rede von der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Und: "Gerechtigkeit ist die unverzichtbare Grundlage eines friedlichen Zusammenlebens von Menschen", dabei gehe es ganz wesentlich um die Integration von wirtschaftlich und sozial Schwachen.

Gleiche Werte - verschiedene Begründungen

Michael Sommer reagiert mit Lob und Dankbarkeit: "Sie haben in der Kirche angefangen, über Denkschriften diese Grundwerte mit einer kirchlichen Legitimation in die Köpfe wieder hereinzukriegen." Er sei ausgesprochen dankbar dafür, "dass die Kirche daran mitgewirkt hat, ein Klima zu etablieren, dass wir auch eine Thema wie Würde in der Arbeit ansprechen können. Das ist doch ein ganz zweckmäßiges Bündnis, das wir da miteinander schließen." Schneider nickt zustimmend.

Einigkeit also bei den Werten - aber nicht bei deren Herleitung. Er achte den Bezug zur Bibel sehr, sagt Michael Sommer, doch bei den Gewerkschaften sei das anders. Der DGB-Vorsitzende zitiert eine Stelle aus der Satzung der Postgewerkschaft, die ihn sehr zum Nachdenken gebracht habe: "Dass wir, die Mitglieder der Postgewerkschaft, miteinander tolerant umgehen müssen." Klingt recht selbstverständlich - doch dahinter steckt die Tradition der Gewerkschaften, ganz unterschiedliche Menschen, "Sozialisten, Liberale, Protestanten, Katholiken", zusammenzubringen und gemeinsam Werte zu bestimmen. Der Solidaritäts- und Toleranzgedanke bei den Gewerkschaften, die Bibel bei den Protestanten - "Gemeinsame Werte müssen keine gemeinsamen Wurzeln haben", meint Schneider.

Doch die Einigkeit hat ein Ende beim Thema "Streikrecht für Diakonie-Mitarbeiter". Nachdem der Ratsvorsitzende das Thema "Dritter Weg" in seinem Statement erfolgreich umschifft hat, kommen Michael Sommer und auch einige Pfarrer im Publikum vehement darauf zu sprechen. Zuletzt hatte die Synode der EKD bekräftigt, dass sie beim so genannten "Dritten Weg" bleiben will: Paritätisch besetzte Kommissionen aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern entscheiden im Konsens über Bezahlung und andere Tariffragen. Streik und Aussperrung gibt es nicht.

Keine Harmonie-Soße beim Streit um den "Dritten Weg"

Michael Sommer gibt sich kämpferisch: "Ich sage Ihnen, Präses Schneider, dass wir uns in der Frage des Dritten Weges streiten! Es nützt niemandem, wenn wir über alles die Soße der Harmonie gießen." Die Gewerkschaften könnten nicht zulassen, "dass Menschen in Dienstverhältnisse gezwungen werden, in denen ihnen elementare Freiheitsrechte von Arbeitnehmern vorenthalten werden." Sommer macht auch keinen Hehl daraus, dass er die kirchlichen Arbeitgeber braucht, um ein wichtiges Anliegen durchzusetzen: Einen Mindestlohn in der Pflegebranche. Das geht nur, wenn mindestens 50 Prozent der Arbeitgeber tarifgebunden sind.

Sommer argumentiert leidenschaftlich in Sachen "Dritter Weg", Schneider gibt sich eher zurückhaltend und wiederholt zunächst seine Grundeinstellung: "Diakonie ist Lebens und Wesenäußerung der Kirche. Sie ist Verkündigung des Wortes Gottes in Wort und Tat, sie macht die Liebe Gottes erfahrbar." Ansonsten verhält der EKD-Ratsvorsitzende sich bei dem Streitthema eher nachdenklich. "Vorteil der Diskussion ist, dass man die Positionen nochmal prüft.", meint er. Nach einigen solchen Ausweichmanövern sagte Schneider zu Sommer: "Ich bin eigentlich ganz sicher, dass wir in dieser Auseinandersetzung zu einem Ziel kommen, der das gemeinsame Miteinander nicht beschädigt." Der DGB-Chef nickt - auch er will "offen und freundschaftlich miteinander umgehen."

Also am Ende doch die "Soße der Harmonie" über Kirche und Gewerkschaft? Harmonie ja, Soße nein. Michael Sommer ist beim Dritten Weg zwar hartnäckig, aber er hat bei diesem Treffen mehr als deutlich gemacht, dass er eine Diskussion auf freundschaftlicher Ebene sucht und Nikolaus Schneider als Person sehr schätzt. Schneider selbst ist ohnehin ein seelsorglicher Kommunikator, theologisch überzeugend und am Wohl der Menschen interessiert. Er will "dass nicht die Polemik überhand nimmt" in der Debatte um den Dritten Weg: "Der Ton ist mir sehr wichtig." Fazit: Wenn Kirche und Gewerkschaften es schaffen, so miteinander zu kommunizieren wie an diesem Freitag in Bad Herrenalb vorgeführt, dann kann das für die arbeitenden Menschen in Deutschland nur gut sein. 


Anne Kampf ist Redakteurin bei evangelisch.de und zuständig für die Ressorts Politik und Gesellschaft.

Kommentare

Verfasst von Gast am 28. November 2011 - 23:36.

Rheinhausen

In den EKD-Foren bekam man noch eins übergebraten, wenn man an ein Jubiläum des...

In den EKD-Foren bekam man noch eins übergebraten, wenn man an ein Jubiläum des großen solidarischen Rheinhausenprotests erinnerte, verbunden mit dem Vorschlag der "flächendeckenden" Löschung...

Viele Theologen haben dort mitgemacht. Und dort ist auch ihr Platz, nicht vor dem PC.

Verfasst von WeißeWucherblume am 27. November 2011 - 9:21.

Tageslohn

Das Wort Denar bezeichnet schon vom Namen her den Tageslohn. Und das hat...

Das Wort Denar bezeichnet schon vom Namen her den Tageslohn. Und das hat urbiblische Tradition. Den Menschen, die sich das Manna in der Wüste aufsparen wollten (Ex 16), ist das denkbar schlecht bekommen. Die Vorräte sind über Nacht verrottet. Insofern wäre eine Wirtschaft gut, wo persönlich nichts gehortet wird. Das heißt, alle müssten darauf vertrauen, dass sie auch am kommenden Tag ihr Dasein fristen können. Glaube und Vertrauen wären dann nicht nur in der Kirche gepflegte und persönliche Tugenden, sondern sie würden zur Grundlage unseres Wirtschaftens. Was uns jetzt ständig als Sachzwänge verkauft wird, das sind doch Denkzwänge. Nicht Gewinnmaximierung, Kontrolle, Konkurrenz können unser Zusammenleben und Wirtschaften begründen sondern Treu und Glauben müssen wieder ihre Geltung bekommen. Übrigens hat Lenin in Wirklichkeit gesagt: "Misstrauen ist gut, Kontrolle besser." Wir haben keine Schuldenkrise sondern eine Vertrauenskrise. Und ich sehe die Aufgabe von Kirchen und Christen darin, an die wirtschaftliche Botschaft wieder anzunüpfen, wie sie zumal bei den Propheten und im Neuen Testament vertreten wird.

Verfasst von Lisa Simpson am 26. November 2011 - 11:33.

Wenn wir scheitern Seit an Seit...

...wäre der passendere Liedvers für beide Dinosaurier-Organisationen. Sie...

...wäre der passendere Liedvers für beide Dinosaurier-Organisationen. Sie lernen nicht und haben deshalb den Sprung in das 21.Jahrhundert nicht wirklich überlebt. Die Einsicht, "dass die Welt von heute nicht mehr die Welt von gestern ist.." hatte keine organisatorischen Veränderungen zur Folge, die die zivilen Institutionen wieder an die "Seit" der Bürger gebracht hätte.
Ein Trost: man scheitert wenigstens Arm in Arm, denn Sommer muss sich um Trennendes wenig Gedanken machen. Den fehlenden Bezug zur Bibel findet er auch in kirchlichen Leitungsgremien.

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