Der Wert des Fortschritts oder das Vermächtnis

Ein Dialog zwischen Großvater und Enkel

Johannes wachte heute sehr früh auf, was sicher daran lag, dass die Sonne sein Zimmer in ein helles und doch angenehmes Licht hüllte. Urlaub, so dachte Johannes und er erinnerte sich kurz, wie oft er schon auf dem Bauernhof seiner Großeltern die Ferien genossen hat. Mittlerweile war er Student und seine Universität lag 600 km weit weg und so besuchte er seine Großeltern nur noch selten.

Johannes stand auf, und wie er das schon früher als kleiner Junge tat, öffnete er das kleine Fenster seiner Dachkammer, um nachzusehen ob seine Großmutter den Frühstückstisch vor dem Haus deckte. Als er sah, dass die Tischdecke bereits auf dem Tisch ausgebreitet war, lächelte er. Der Garten war sehr groß und wurde umsäumt von einigen Schuppen und Garagen. Er bildete ein Viereck, in dessen Mitte eine mächtige Linde stand, die reichlich Schatten spendete. Unter der Linde stand eine Bank und dort saß sein Großvater, um sich seine morgendliche Pfeife zu stopfen. Er war ein großer und schlanker Mann mit schlohweißen Haaren, die sich farblich gut von seiner sonnengebräunten Haut abhoben.

Johannes ging die Treppen hinunter und betrat den Hof. „Guten Morgen“, rief er. Der Großvater schaute auf und Johannes konnte in seine lächelnden Augen sehen, die viel Geduld und Güte ausstrahlten.

„Schon wach“, lachte Großvater, während er sich wieder auf das Stopfen seiner Pfeife konzentrierte.

„Ja, ich habe geschlafen wie ein Murmeltier. Das müssen die Luft und die Ruhe sein, denn in der Stadt ist es immer irgendwie laut und stickig,“ sagte Johannes, während er sich umsah, um zu schauen, ob sich irgendetwas verändert hatte.

„Das ist gut möglich“, erwiderte der Großvater und legte seine fertig gestopfte Pfeife auf den Tisch. „ Die in der Stadt haben es immer irgendwie eilig und sind immer am Rennen“.

„Ach, Opa“, seufzte Johannes. Wie viele in seinem Alter war auch er der Meinung, dass die ältere Generation mit der jetzigen Zeit nicht zurechtkommt, weil viele Entwicklungen der letzten 20 Jahre einfach zu schnell für sie waren „Die Zeiten sind halt anders geworden und deshalb scheint alles ein wenig schneller zu sein“.

„Scheint es nur so“? Großvater hob die Augenbrauen hoch!

Johannes musste grinsen „ Du hast Recht. Es ist alles schneller geworden, aber das ist nun mal die heutige Zeit, wir sind globaler und vernetzter, was unter dem Strich aber enorme Vorteile für die Menschen bietet, dass ist Fortschritt“.

„Mmh,“ Großvater liebte solche Gespräche und er liebte seinen Enkel, deshalb schien er sorgsam zu überlegen, was er wie sagt. „ Welche Vorteile meinst du?“, fragte er herausfordernd.

„Nun, wir können zum Beispiel über das Internet mit der ganzen Welt kommunizieren und haben auf viel mehr Wissen Zugriff“, sagte Johannes eifrig.

„Mehr Wissen“? Großvater nahm nun seine Pfeife und zündete sie an. Während die ersten Rauchwolken über seinem schlohweißen Haar kreisten, schien er nachzudenken."Es scheint als wären wir heute gebildeter und verfügen über mehr Wissen, aber blickt man sich um, entdeckt man doch oft weniger gesunden Menschenverstand und Urteilsvermögen. Wir haben scheinbar mehr Experten, aber man kann sich dem Eindruck nicht erwehren, dass wir auch mehr Probleme haben. Mehr Medizin, aber immer weniger gute Gesundheit – wenn man den Experten glauben will“.

Johannes schaute seinen Großvater nachdenklich an und entgegnete: „ Ist das nicht ein bisschen negativ Opa?“

„Ich versuch es mit etwas anderem“, sagte der alte Mann und richtete sich auf. Seine Bewegungen waren dabei langsam und bedächtig, sodass man merkte, dass Zeit für ihn eine andere Bedeutung haben muss.“Wir bauen mehr Computer, um mehr Information zu erhalten, richtig?“

Johannes nickte.

„Und dennoch“, so fuhr der Großvater fort, “werden die Menschen immer einsamer, weil wir
immer weniger persönliche Kommunikation und Begegnungen haben. Wir sind die ganze Strecke zum Mond und zurück gewesen und doch kostet es oft Mühe, die Straße zu überqueren, um unsere Nachbarn zu treffen. Und dass, wo doch alle einen…“, er suchte nach dem richtigen Wort, „Timer oder Zeitmanagement haben. Obwohl …“ , er dachte nach, “seit es das gibt, hat keiner mehr Zeit, ist dir das schon mal aufgefallen?“

Johannes schaute seinen Opa an und schwieg.

„Alle sprechen von Fortschritt, wie schnell man um die Welt fliegen kann, wie viel man an Nahrung produziert und dennoch schaffen wir es nicht, dass alle Menschen auf der Erde satt werden. Was hilft es also den Menschen dort, wenn wir schnell nach Afrika oder Pakistan fliegen können!“

„Ja, ich weiß,“ sagte Johannes und erinnerte sich daran, wie oft er sich schon vornahm ehrenamtlich tätig zu werden. Doch das Studium ließ ihm dafür einfach keine Zeit.

Als hätte Großvater seine Gedanken erraten, sagte er: „Das bisschen Zeit, was noch übrig ist, wollen die meisten nutzen, um sich zu vergnügen oder sich… auszupowern. So nennt ihr das doch, oder?“ Wieder nickte Johannes und der alte Mann sprach weiter. „Es ist schon merkwürdig. Wir haben zwar mehr Freizeit, aber immer weniger Spaß. Deshalb muss auch immer Neues erfunden werden, damit die Leute sich vergnügen können. Aber auch das Neue haben sie sehr schnell satt. Ich glaube“, Großvater schmunzelte jetzt, „man nennt das Szenekultur, trendy oder In sein. Die Menschheit hat gelernt zu eilen, effektiv zu sein und darüber verlernt zu warten, inne zu halten und zu ruhen. Für einige ist sogar die Freizeit Stress“.

„Du hast sicher Recht, doch die Zeiten ändern sich und haben sich schon immer geändert und heute ist alles globaler geworden“, warf Johannes ein, “du musst heute der Beste sein wollen, um es zu etwas zu bringen“.

Großvater sah Johannes lange an: „ Ja, mit dem Ziel die Besitztümer zu multiplizieren, auch wenn dabei die Werte und Traditionen reduziert werden müssen,“ sagte er dann leise. „Schau,“ fuhr er weiter fort, „ was hilft es, wenn die Häuser größer, aber die Familien kleiner werden. Wem nutzen dann die großen Häuser?“

„Mmh“,überlegte Johannes, „sicher sind manche Häuser nichts weiter als ein Statussymbol und erfüllen nicht mehr als diesen Zweck. Aber,“ fügte er gleich dazu, „das kurbelt doch auch die Wirtschaft an. Wenn solche Häuser gebaut werden, können andere davon leben“.

„Ja, wir haben gelernt, wie man einen Lebensunterhalt verdient, aber haben wir auch das Leben gelernt? Wir alle haben bestimmte Jahre zu leben und können keine Jahre hinzufügen, auch dann nicht, wenn wir feststellen müssten, noch einiges nicht erledigt zu haben.“

In diesem Augenblick wurde Johannes traurig, denn ihm wurde klar, dass er nicht immer die Gelegenheit haben wird solche Gespräche mit seinem Großvater zu führen – das Leben ist endlich. „Hast du denn alles erledigen können, Opa?“

„Auch wenn dich das jetzt verwundert, aber ich habe tatsächlich alles erledigt,“ sagte der Großvater. „Ich war schließlich auch mal jung,“ dabei lachte er in sich hinein, “kaum zu glauben, was? Ja, ich war voller Tatendrang und glaubte auch unserem Zeitgeist, so wie du und andere dem heutigen glauben ohne zu prüfen. Das Leben zu lernen läuft wohl immer gleich ab – man beginnt erstmal mit Irrtümern“. Großvater räusperte sich ein wenig, legte die Pfeife beiseite und fuhr fort: „Mit meinem Großvater, also deinem Ururgroßvater, saß ich auch im Garten und wir redeten über unsere Ansichten, so wie wir das gerade tun.“

„Auch hier im Garten?“ fragte Johannes. Er wusste natürlich, dass der Hof schon seit Generationen im Familienbesitz war.

„Ja, genau hier an dieser Stelle,“ erwiderte der alte Mann leise. “Ich höre noch, wie er sagte: Dass Kinder und Jugendliche unbekümmert sind, ist ihr Recht, aber wenn sie Erwachsene geworden sind, sollten sie Besonnenheit lernen, das ist ihre Pflicht. Genau das will ich dir auch auf den Weg geben. Lache viel und verbreite Glück und Fröhlichkeit, sei aber gleichermaßen besonnen in dem, was du selbst tust und in dem, was du beeinflussen kannst. Messe immer mit dem richtigen Maß. Es ist wohl richtig, dass wir mit der ganzen Welt kommunizieren können, viel wichtiger wäre aber, dass wir unsere Vorurteile beiseite legen. Vielleicht hilft das Vernetzen ja, aber darauf alleine sollte man nicht bauen.“

„Das ist wahr,“ sagte Johannes immer noch sehr nachdenklich.

„Lerne zu erkennen, was wirklich wichtig für dein Lebensglück ist und prüfe was du siehst, hörst oder was man dir erzählt. Prüfe es mit Besonnenheit und entscheide mit der Vernunft, einem gesunden Menschenverstand, mit Güte, Weisheit und Barmherzigkeit. Lass dein Barometer die Gerechtigkeit sein, deine Parameter sollen die Freundlichkeit und Bestimmtheit in gleichem Anteil sein und deine Rechte sollten deine Pflichten niemals kleiner erscheinen lassen oder gar entwerten. Wenn du so handelst, dann kann Fortschritt auch Segen werden!“

Als der Großvater fertig gesprochen hatte, schwiegen beide für eine ganze Weile. Jeder schaute woanders hin, als ob jeder für sich seinen Gedanken, Erinnerungen, Wünschen oder Träumen nachhängen wollte.

„Opa,“ flüsterte Johannes nach eine Weile leise, „glaubst du, dass ich das meinen Enkelkindern auch einmal sagen werde?“

Der Großvater überlegte eine Weile und sagte dann mit leiser Stimme: „Genau dafür bereitet das Leben die glücklichen und fröhlichen Tage, aber auch die schmerzvollen Erfahrungen, Niederlagen und Verluste sowie die von Herzen kommenden Sorgen um seine Liebsten.“ Nun tat der Großvater etwas, was er schon seit Jahren nicht mehr getan hat, er strich Johannes über den Kopf, stand auf und ging in den hinteren Teil des Gartens. Vielleicht, so dachte Johannes, damit ich seine Tränen nicht sehe.

Euer Oliver Groß

Eine Kurzgeschichte aus dem Vortrag „Über den Wolken ist der Himmel blau“  von und mit Oliver Groß / 2010 ©

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