Alles auf Null - ich bekenne mich

„Wie kamen Sie eigentlich auf das Thema Werteorientierung“? Eine Frage, die ich sehr häufig gestellt bekomme und so auch wieder letzte Woche.

Die Frager sind sehr unterschiedlich, was sich in der Erwartungshaltung bezüglich meiner Antwort widerspiegelt. Da gibt es die, die einen intellektuellen Hintergrund vermuten, andere denken, dass ich eine Forschungsarbeit betreibe und demnächst mit einer Sensation aufwarte, die meisten jedoch unterstellen mir, dass ich einen Trend der Zeit erkannt habe und ganz marketingorientiert den wirtschaftlichen Erfolg anstrebe.

Wie groß ist dann die Enttäuschung, wenn von allem dem nichts, aber auch gar nichts in der Antwort nur annähernd genannt ist. Nein, das Thema ist ursprünglich ein ganz persönliches gewesen und war damals überhaupt nicht für die Öffentlichkeit gedacht.

Die Geschichte fing vor etwa 12 Jahren an, also im Jahr 1998, ich schrieb mein erstes größeres Manuskript, was ein Buch (es wurde nie veröffentlicht) werden sollte. Während des Schreibens wurde ich von den damaligen Botschaften für noch mehr Erfolg („Mit wenig Aufwand viel erreichen“, „Du schaffst es – wenn du an dich glaubst“, „Denk positiv und du schaffst dir deine Lebenswelt selbst“ usw.) richtig angesteckt.
Ich fand das sehr verführerisch und ich wurde zu einem echten Anhänger dieses Zeitgeistes, denn ich wollte auch mit wenig Aufwand viel Erfolg haben. Meine Wertevorstellungen waren sehr stark mit monitärem Erfolg verbunden.

Was soll ich sagen, es fing gut an und ich lernte alles über Werte und Wertedefinition mit dem Versuch eine Verbindung zu mehr Erfolg, Reichtum und Anerkennung herzustellen. Wie es häufig im Leben ist, läuft es gut, wird man schnell übermütig und unvorsichtig. So erging es mir auch, mittlerweile schrieb man das Jahr 2002 und mein ganzes Streben war dem Erfolg unterworfen. Ohne es zu bemerken wurde ich Opfer eines sehr trickreichen Betrügers und akzeptierte Dinge ohne diese zu prüfen. Schicksal, Pech oder einfach nur blauäugige Dummheit? Ich denke von jedem etwas, wobei die Blauäugigkeit und Dummheit den größten Anteil hatte. Es musste kommen wie es kam, mein Leben geriet heftig durcheinander und fast außer Kontrolle.

Kennen Sie den Wunsch: Bitte alles auf Anfang, auf Null, auf Reset - aber wo ist die Taste?
Ich fand die Taste, drückte sie und hatte den Mut zu einer Kehrtwende, einer Abkehr, einem Neuanfang oder einfach gesagt – zu einem großen Spurwechsel.

Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich eine Menge über Werte, Wertevorstellungen und allem was dazu gehört. Doch zwei Dinge waren irgendwie falsch gelaufen

1) Welche Werte sind es wert Werte genannt zu werden?
2) Was hilft die beste Theorie, wenn sie im Alltag versagt, weil sie den Alltag einfach nicht berücksichtigt.

Welche Werte sind es wert? Schaut man sich um, werden viele Begriffe zu Werten gemacht wie z.B. Qualität, Ehrgeiz, Höchstleistung oder gar Gewinnmaximierung, was ich neulich auf einer Unternehmenswebsite fand.

Das will ich hier nicht kommentieren, auch will ich nicht darüber schreiben, was wirkliche Werte sind und welche nicht, dass muss jeder für sich ausmachen. Die für mich wichtigere Frage lautet: In welcher Rangordnung diese Werte rangieren. Ist der Wert „Qualität“ höher angesiedelt als „Fairness“? Wenn ein Unternehmen dem Zulieferer die Luft zum Atmen nimmt, weil es die Preise derart nach unten drückt, dass Zulieferer und dessen Mitarbeiter um ihre Zukunft bangen müssen – ist das noch werteorientiert?

Auch das habe ich mir vor Augen geführt und mich gefragt, ob mein „Ehrgeiz“ überhaupt ein Wert war den ich haben wollte und was zu dieser Zeit noch wichtiger war, habe ich ihn vielleicht höher als den Wert „Mäßigkeit“ eingeordnet? Es ist eben nicht so einfach mit den Werten, denn ein Wert kann einen anderen Wert entwerten, ob nun beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Auch das musste ich begreifen und so wurde in mir die Frage wach: Wie finde ich in jeder Situation die richtigen Werte und wie kann ich sie in meine Entscheidungen einfließen lassen?

Natürlich fiel mir als erstes die goldene Regel von Imanuel Kant ein: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde! Kann man sich das merken? Auswendig lernen schon, aber im Alltag so wiedergeben bzw. sich an den Wortlaut erinnern und danach handeln nicht. Was war ich froh, dass es noch eine andere Form gab, die das gleiche aussagt, aber viel einfacher zu merken ist.

Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute
tun sollen, das tut ihnen auch!
Matthäus 7,12

Oder wie das abgewandelte Sprichwort aussagt:

Was du nicht willst, das man dir tu,
das füge keinem andern zu

Mein Spurwechsel

Das war gut, dass kann man umsetzen. Nachdem ich meinen Spurwechsel mit einem Umzug zurück in meine Heimatstadt weiter fortführte, begann ich mich für das „WIE“ der Werteorientierung zu begeistern.
Was hilft aber die beste Theorie, wenn sie niemand im Alltag anwenden kann!

Alles Tiefe ist zugleich ein Einfaches und läßt sich als solches wiedergeben,
wenn nur die Beziehung auf die ganze Wirklichkeit gewahrt ist.
(Albert Schweitzer, Humanist 1875-1965)

Das war der Schlüssel und so begann ich meine ersten Manuskripte und Modelle anzufertigen und wann immer ich über das Thema „WIE“ in der Werteorientierung sprach, stellte ich fest, dass ich nicht der einzige war, den das Thema interessierte. So fing ich an darüber zu schreiben und das Thema mehr und mehr in meine Seminare und Vorträge einzubauen.

Das große Interesse meiner Leser und Zuhörer hat mich sogar ermutigt zwei Bücher zu schreiben, in dem es um das „WIE“ im Alltag geht. Zunächst war es die werteorientierte Rhetorik über die ich schrieb. Doch immer wieder wurde ich auch auf meinen Spurwechsel angesprochen und wie ich das gemacht habe. So entstand das Buch „Spurwechsel - Jetzt mach ich es!“

Diesem Thema widme ich mich heute mit ganzem Herzen. Ich habe den Weg des Businessman verlassen und bin heute glücklicher denn je. Ja, es gibt Werte die Menschen glücklich und zufrieden machen können.

Vielleicht habe ich jetzt einige enttäuscht. In meinem Leben lief es nichts so glatt wie man denkt, doch im Nachhinein hätte es nicht besser laufen können. Ich durfte aus meinen Fehlern lernen und aus meinen Niederlagen gestärkt hervorgehen. Heute rede ich nicht nur über das Einfache, sondern ich spreche auch darüber, warum manchmal auch etwas schwierig sein kann, denn beides hat das Leben für uns parat.

Wenn ich also heute die Frage gestellt bekomme; „Wie kamen Sie eigentlich auf das Thema Werteorientierung“?, dann lautet die Antwort:

Ich habe erfahren, was geschehen kann, wenn man keine genauen Wertevorstellungen hat oder sein Leben gar auf falsche oder unvernünftige Werte aufbaut. Aber ich habe auch gelernt, dass es sich lohnt seiner eigenen Werte bewusst zu werden, dass es Möglichkeiten gibt diese im Alltag umzusetzen und dass ein Spurwechsel im Leben jederzeit durchführbar ist.

Ich bin dankbar für das, was ich erleben durfte, war es manchmal auch schwer zu tragen. Dankbarkeit, auch das durfte ich lernen ist stärker als jede Form und Methode des sog. positiven Denkens. Deshalb ist die Dankbarkeit ein großer Wert.

Die Dankbarkeit ist der Schlüssel
zur Zufriedenheit. © Ernst Ferstl, (*1955),

Ihr Oliver Groß

 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 3.7 (3 Bewertungen)

© 2009 - 2012 evangelisch.de  |  Tel: 069 58 098 - 189  |  Fax: 069 58 098 - 418  |  Kontakt  |  Impressum  |  Presse  |  Datenschutz  |  AGB