Die Jugend ist gut

Der Artikel "Die Ausgeschlossenen schlagen zurück" vom 21.Oktober 2009 beschäftigt mich sehr.

Meine These: Die Jugend ist gut

Es waren wieder sehr schöne Tage, die ich im Rahmen dreier Seminare mit insgesamt 37 jungen Menschen verleben durfte. Es hat sich wieder bestätigt, dass junge Menschen sich sehr wohl mit Werten auseinandersetzen können und wollen.

Ich frage mich nur: Haben sie eine Chance diese auch anzuwenden? Oder haben wir, die so genannten Erwachsenen, wieder Regeln, Normen und Maßnahmen um das zu verhindern. Aber warum?

- Weil wir uns zu lange schon eingeredet haben, dass diese Jugend schlecht ist und wir an unserem Weltbild festhalten wollen?

- Haben wir Angst, nicht damit umgehen zu können, weil wir verlernt haben jungen Menschen zuzuhören?

- Kann es sein, dass wir uns selbst unserer Werte nicht mehr bewusst sind?

- Liegt es daran, dass wir der Jugend nicht mehr die Zeit geben, sich zu entwickeln?

Wir beschweren uns über die jungen Menschen, geben ihnen aber nicht den Raum und die Zeit sich auszuprobieren, Fehler zu machen und sich selbst zu definieren. Wir machen sie zu Maschinen und füttern sie mit Informationen wie:

Erfolg hat…
…wer sich durchsetzt
…wer 110% Leistung bringt
…wer keine Fehler macht
…wer sich nur auf Fakten konzentriert
…usw.

Wir, die heutigen Erwachsenen, wären heute nicht so erfolgreich, wenn wir nicht Eltern, Mentoren und Lehrer gehabt hätten, die uns mit Geduld, Sorgfalt und Weisheit förderten. Ist uns das noch bewusst? 

Siehe in das Gesicht deiner Eltern, jede Falte hat mit dir zu tun, ob Lach- oder Sorgenfalte.
 

Ihr Oliver Groß

 

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Kommentare

Verfasst von Gast am 25. Oktober 2009 - 10:24.
Kommentar auf: Die Jugend ist gut

RE: Die Jugend ist gut

Schöner Beitrag. Doch sollten wir uns nicht gleichzeitig mal darüber Gedanken...

Schöner Beitrag. Doch sollten wir uns nicht gleichzeitig mal darüber Gedanken machen, warum in unserer Gesellschaft niemand mehr erwachsen werden will? Ist es nicht so, daß vor allem die immer komplizierter werdenden menschlichen Zweierbeziehungen schuld daran sind, daß sich Erwachsene am liebsten dauerhaft in die Kindheit zurückbeamen möchten? Jede menschliche Bindung steht heute unter der Erwartung ihres Scheiterns. Die heilige Ehe und überhaupt partnerschaftliches Zusammenleben sind äußerst wackelige Veranstaltungen geworden und kaum mehr in der Lage, Menschen ein Gefühl dauerhafter Stabilität zu vermitteln. Sie erleben ihr Privatleben mehr und mehr als Risikofaktor, als Quelle persönlicher Verunsicherung. Weil sie ahnen, daß sie verletzt werden können, gehen sie persönlichen Bindungen tendenziell aus dem Weg. Liebe verstehen sie als schwer kalkulierbares Risiko. Diese Ängste haben zahllose Erwachsene dazu gebracht, emotionale Bindungen zu vermeiden oder zumindest aufzuschieben.
Und solange sie darüber nachdenken, ob sie sich vielleicht doch nochmal irgendwann irgendetwas trauen sollen, sitzen sie bei Mutti auf der Couch. Sie gucken "Bernd, das Brot" auf dem Kinderkanal und laden sich "Schnappi, das Krokodil" als Klingelton auf's Handy. Und je länger sie darüber nachdenken, wie es ihnen noch einmal soll, ein Leben zu wagen, desto unmöglicher kommt es ihnen vor.
Letztlich ist es doch so, daß die tradierte und kaum auszurottende Vorstellung vom Erwachsensein an ein Lebensmodell gekoppelt ist, daß ein Mindesmaß von Berechenbarkeit und Stabilität verlangt: Wer "erwachsen" sein möchte, muß vorallem eines sein: finanziell unabhängig. Dazu braucht der Mann: einen festen Arbeitsplatz. Dieser sollte entweder so gut bezahlt sein, daß er von seinem Verdienst a) eine Frau und b) die mit dieser in die Welt gesetzten Kinder ernähren kann. Oder aber, neuerdings emanzipierter: Seine Frau sollte am gleichen Ort ebenfalls über einen gutbezahlten Arbeitsplatz verfügen. Der Doppelverdienst erlaubt dem Musterpaar dann, die anfallenden Zusatzkosten für Kinderkrippen, Babysitter, Au-Pair-Mädchen, Nachhilfelehrer, Kinderpsychologen usw. relativ locker aufzubringen. Dazu müssen zwei Menschen am selben Ort über einen längeren Zeitraum über einen festen, ordentlich bezahlten Arbeitsplatz verfügen. Darüber, daß ihnen dieser Arbeitsplatz auch noch Spaß machen, ja, sie erfüllen soll, und daß sie sich darüber hinaus auch noch auf Dauer lieben sollen, damit das mit dem Erwachsensein funktionieren kann, darüber wollen wir an dieser Stelle noch garnicht reden.

Verfasst von Gast am 25. Oktober 2009 - 13:32.
Kommentar auf: RE: Die Jugend ist gut

RE: RE: Die Jugend ist gut

Ich stimme dem vorangegangenen Kommentator zu und möchte ergänzen, daß die...

Ich stimme dem vorangegangenen Kommentator zu und möchte ergänzen, daß die landläufige Vorstellung vom "Erwachsensein" sich nicht nur unter der Voraussetzung relativen ökonomischen Erfolges leben läßt. Das Konzept ist darüber hinaus an einen ganzen Strauß recht altmodischer Werte gebunden: Verläßlichkeit, Langfristigkeit, Berechenbarkeit, Loyalität, Treue, Stabilität. Dieser Wertekanon bildet gleichsam die Grundfeste dessen, worauf sich "Erwachsensein" als moralische Haltung gründet. Wer erwachsen ist hat Charakter.

Verfasst von Gast am 25. Oktober 2009 - 13:55.

Charakter und Kapitalismus

>> Wer erwachsen ist, hat Charakter. Sehr richtig, nur wird leider eben...

>> Wer erwachsen ist, hat Charakter.

Sehr richtig, nur wird leider eben gerade diese Grundfeste vom Kapitalismus in seiner beschleunigten Form permanent torpediert. Denn der globale Kapitalismus basiert auf dem Gegenteil von Charakter - auf Flexibilität. Vielleicht der verwirrendste Aspekt der Flexibilität ist ihre Auswirkung auf den Charakter. In der Geistesgeschichte bis zurück in die Antike gibt es kaum einen Zweifel an der Bedeutung des Wortes Charakter. Es ist der ethische Wert, den wir unseren Entscheidungen und unseren Beziehungen zu anderen zumessen. Horaz hat geschrieben, daß der Charakter eines Menschen von seinen Verbindungen zur Welt abhängt. In diesem Sinne ist Charakter ein umfassenderer Begriff als sein moderner Nachkomme, die Persönlichkeit, bei der es auch um Sehnsüchte und Gefühle im Inneren geht, die niemand anderes kennt. Der Charakter konzentriert sich insbesondere auf den langfristigen Aspekt unserer emotionalen Erfahrung. Charakter drückt sich durch Treue und gegenseitige Verpflichtung aus oder durch die Verfolgung langfristiger Ziele und den Aufschub von Befriedigung um zukünftiger Zwecke willen. Aus der wirren Vielfalt von Empfindungen, mit der wir alle uns jederzeit herumzuschlagen haben, wählen wir einige aus und versuchen sie aufrechtzuerhalten. Diese nachhaltigen Züge werden zum Charakter, es sind die Merkmale, die wir an uns selber schätzen und für die wir den Beifall und die Zuwendung der anderen suchen. Wie aber können langfristige Ziele verfolgt werden, wenn man im Rahmen einer ganz auf das Kurzfristige ausgerichteten Ökonomie lebt? Wie können Loyalitäten und Verpflichtungen in Institutionen aufrechterhalten werden, die ständig zerbrechen oder wieder umstrukturiert werden? Wie bestimmen wir, was in uns von bleibendem Wert ist, wenn wir in einer ungeduldigen Gesellschaft leben, die sich nur auf den unmittelbaren Moment konzentriert? Das sind die Fragen, die der neue flexible Kapitalismus zum Charakter stellt.

Verfasst von Gast am 25. Oktober 2009 - 15:27.

RE: Charakter und Kapitalismus

Ihnen ist vermutlich schon klar, daß das für die Möglichkeit des...

Ihnen ist vermutlich schon klar, daß das für die Möglichkeit des Erwachsenwerdens Folgen hat: Denn wenn "der Markt" nun einmal vor allem den flexiblen Menschen verlangt, dann heißt das im Klartext, daß zwei Bedingungen des Erwachsenseins kaum noch gleichzeitig zu erfüllen sind. Dauerhafter wirtschaftlicher Erfolg und persönliche Berechenbarkeit schließen sich mehr und mehr aus. Wer Erfolg haben will, muß flexibel sein. Wer sich aber den Flexibilitätsanforderungen des Marktes unterwirft, der ist zwangsläufig ständig unterwegs und meist immer schon auf der Suche nach etwas Neuem. Beruflich wie privat. Wer sich auf den Markt begibt, wird über die Welt gejagt und ist infolgedessen persönlich, als Charakter, nur noch schwer berechenbar. Vielleicht ahnt ja der eine oder andere, daß "Erwachsensein" heute nur noch um den Preis totaler Überforderung zu haben ist und bleibt deshalb in vorauseilender Erschöpfung gleich zu Hause auf Muttis Couch sitzen. Dort darf man sich Charakterschwächen erlauben, denn sie sind längst bekannt, und man muß in der Regel auch nicht selbst flexibel sein. Nur ab und zu die Füße hochheben, wenn Mutti mit dem Vorwerk-Sauger kommt.

Verfasst von Gast am 25. Oktober 2009 - 15:32.

RE: RE: Charakter und Kapitalismus

Toll, nun wäre also schon mal klar bewiesen, daß der globale Turbokapitalismus...

Toll, nun wäre also schon mal klar bewiesen, daß der globale Turbokapitalismus eindeutig schuld daran ist, daß kein Mensch mehr erwachsen werden will. Machen wir es uns mit dieser These nicht zu leicht?

Verfasst von Gast am 25. Oktober 2009 - 15:34.

RE: RE: RE: Charakter und Kapitalismus

Doch, klar. Aber hier soll schließlich ein Massenpublikum erreicht werden. Und...

Doch, klar. Aber hier soll schließlich ein Massenpublikum erreicht werden. Und wer mag schon gerne lesen, daß er selbst nicht ganz unschuldig ist.

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