Ernst nehmen, Fröhlichkeit geben

Die BewohnerInnen auf meinem Wohnbereich haben allerhand erlebt. Viele haben schlimme Erfahrungen im zweiten Weltkrieg gemacht, eine sogar im Ersten. Davon direkt oder indirekt betroffen, haben sie miterleben müssen, wie Menschen starben, wie ihr Hab und Gut zerstört wurde oder der Ehemann nicht mehr aus dem Krieg heimkehrte.

Trotz oder gerade wegen dieser Erfahrungen haben viele BewohnerInnen gelernt, dass sie auf sich allein gestellt in der Lage sind, für sich und die Kinder zu sorgen und zu überleben – mit familiären und nicht mit staatlichem Rückhalt. Die Familie ist für diese Generation ein nicht zu unterschätzender Faktor, der ihr Wohlbefinden positiv beeinflusst.

„Guten Abend Frau A.!“ „Ja guten Abend!“ Sie sitzt auf ihrem gemütlichen Sessel vor ihrem Wohnzimmertisch in ihrem Appartement. „Ich wollte Ihnen ihr Bett aufdecken!“
„Na, dann tun sie das doch!“ sagte sie grinsend, während sie weiter auf ihren Fernseher schaut. Gesagt getan! „Ist es ihnen so genehm?“ frage ich sie während ich das Bett noch ein wenig glatt streiche. Sie lacht wieder und sagt: „Außerordentlich schön haben Sie das gemacht!“
Ich ziehe vornehm die Mundwinkel nach unten: „Ich empfehle mich weiter!“ Jetzt lacht sie lauter.

„Was schauen Sie denn?“ frage ich. „Eine Sendung, in der es um Jugendliche geht, die sich nicht so gut benehmen können! Der Junge will nicht arbeiten und das Mädchen will nur rauchen!“ Sie schüttelt den Kopf. „Er hat sogar einmal seine Mutter geschlagen. Die wissen gar nicht die Familie zu schätzen!“ fügt sie hinzu. Ich sage, dass das stimme. „Womöglich lassen die Eltern aber auch die Erziehung zu sehr schleifen!“ Sie nickt und zeigt zustimmend mit dem Finger auf mich.

„Die müssen zuhause nichts machen! Noch nicht einmal Hausarbeiten! Den Eltern scheint alles egal zu sein! Die werden einfach für ein paar Wochen ins Ausland geschickt und dann sind sie geheilt!“ ergänzt sie und kichert. „Na wenn das so einfach ist, mach ich das später auch!“ sage ich.
Sie lacht wieder laut.

Wir erzählten noch ein wenig über die Sendung und darüber wie ihr Tag war, bis ich mich verabschiedete und ihr eine gute Nacht wünschte.

Für BewohnerInnen, die aus unterschiedlichen Gründen keinen Kontakt zu den Angehörigen pflegen können, sind MitbewohnerInnen und Pflegepersonal nicht nur Ansprechpartner, sondern auch Familienersatz. Diese Rolle können wir natürlich nicht voll übernehmen – neben einer eigenen Überforderung wäre damit auch ein unprofessionelles Handeln vorprogrammiert.

Es spricht meines Erachtens aber nichts dagegen, den Menschen zu akzeptieren, ernst gemeintes Interesse an der Person zu schenken und nicht zuletzt auch miteinander zu lachen – wie in einer Familie.

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Kommentare

Verfasst von Kathy_Valiant am 2. September 2010 - 17:24.

Hallo, schauen Sie heute mal

Hallo, schauen Sie heute mal in Panorama (oder im Internet). Wie fühlen...

Hallo,

schauen Sie heute mal in Panorama (oder im Internet). Wie fühlen Sie sich da als angehende Pflegekraft?

Verfasst von Pflegeprofi am 9. September 2010 - 19:20.

Bericht auf Tagesschau.de

Gut fühle ich mich nicht dabei, wenn ich den Bericht sehe! Dass der Pflege...

Gut fühle ich mich nicht dabei, wenn ich den Bericht sehe! Dass der Pflege-Tüv kein objektives Bild der Einrichtung liefert, war mir aber schon klar. Das A und O ist nach wie vor, die Einrichtung selber mit allen Sinnen wahrzunehmen. Nicht nur wichtig als angehender Kunde, sondern auch als potentielle neue Mitarbeiterin bzw. neuer Mitarbeiter. Markus Breitscheidel sagt, dass in dem von ihm besuchten Hamburger Pflegeheim kaum Zeit für die Pflegebedürftigen vorhanden ist. Doch warum, was steckt dahinter? Mangelnde Organisation seitens der Pflegekräfte, mangelnde Motivation, unzureichendes Qualitätsmanagement seitens des Trägers? Interessant wäre jetzt für mich zu sehen bzw. direkt bei den Mitarbeitern zu erfragen, wie die Pflege-Situation vor und nach Einführung der neuen MDK-Kriterien gewesen ist. Kommen jetzt nur bereits bestehende Lücken im internen Pflege-Netz ans Licht, oder sind es die Transparenzkriterien, welche die Problematik nur forcieren? Gut wäre es in einer solchen Situation nicht einen schwarzen Peter zu suchen, sondern konkret und konsequent das Problem bennenen zu können und nach Verbesserungsmöglichkeiten zu forschen.

Was mir als Kontrastprogramm in der Berichterstattung zu der Situation in Pflegeheimen nach wie vor fehlt, sind Berichte über Heime, in denen die BewohnerInnen gut versorgt werden. Bringen wahrscheinlich nicht soviel Einschaltquoten? Ich hab keine Lust mehr, die negativen, einseitigen Berichte zu lesen bzw. zu sehen, in denen einseitig alles auf die mangelnde Zeit geschoben wird.

Was letzten Endes doch an allen Ecken und Enden fehlt, ist meines Erachtens das Geld, um sich als Träger mehr Pflegekräfte leisten zu können. So könnte sich die geschilderte Situation in dem Hamburger Heim womöglich soweit entspannen, dass alle BewohnerInnen gut versorgt werden und dennoch die Transparenzkriterien eingehalten werden. Eine entprechend angepasste, verbesserte Vergütung der Pflegekräfte würde die Motivation steigern und wohl auch mehr motivierte Frauen und Männer in den Beruf locken. Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen - die Kassen zahlen nicht mehr.

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