"Einen Cappuccino, bitte!"

Wenn ich mir ein Thema gefunden habe, über das ich schreibe, überlege ich mir, wie ich anfange – für mich das Schwierigste an einem Bericht. Wenn ich dann in Schwung gekommen bin, schießen die Gedanken nur so aus dem Kopf, dann in die Finger, und mittels Tastatur weiter auf den Bildschirm.

In Schwung kommen musste erst auch ein Patient, den ein Kollege und ich vorletzte Woche von der Intensivstation abgeholt haben. Sein Zustand ist nach einem Schlaganfall soweit stabil, dass die Therapie auf der Inneren weitergeführt werden kann.

Er war noch am nächsten Tag sehr schwach und sagte kaum ein Wort. Am dritten Tag fühlte er sich wohl besser. Denn ich sah ihn im Nachthemd im Raum stehen, als ich rein zufällig in sein Zimmer kam. Er wackelte etwas hin und her – ein stabiler und sicherer Stand sieht anders aus. Nachdem ich mir Hilfe geholt habe und wir ihn wieder ins Bett gelegt haben, frage ich ihn: „Warum sind Sie aufgestanden?“ Er antwortet: „Ich weiß nicht, warum muss ich denn liegen bleiben?“ „Sie sind erst heute von der Intensivstation gekommen und noch schwach und müssen sich selbst noch etwas Zeit lassen, bis sich der Körper erholt hat!“ „Ja Ja, da haben Sie wohl Recht!“ antwortet er mir. Mit einem guten Gewissen schließe ich von außen die Türe.
Am nächsten Morgen sehe ich eine Kollegin in sein Zimmer laufen. Herr G. ist wieder aufgestanden und über die Bettseitenteile geklettert, die die Ärztin zum eigenen Schutz angeordnet hat.

Neben diesen zwei Situationen gab es für uns noch weitere Begebenheiten, die den Entschluss rechtfertigten, Herr G. morgens im Bett zu versorgen und die Bettseitenteile oben zu lassen. Er wirkte ruhiger und hat nun seine Situation akzeptiert – so sah es jedenfalls aus.

Denn am Freitag vormittag sitze ich in der „Kanzel“, dem vorgeschobenen Posten an der Pflegefront. Eine Kollegin sagt auf einmal: „Schaut mal, da drüben!“ Interessiert, wie ich nun mal bin, stehe ich kurz auf und schaue in Richtung Fahrstühle den Flur hinab. Dort steht Herr G., der sich ganz angeregt mit einer Reinigungsdame zu unterhalten scheint. Er geht kurze Zeit später nett grüßend an uns vorbei – ganz sicher, ohne Anzeichen einer eventuellen Sturzgefährdung. Er hat eine getönte Brille auf der Nase und war vollständig bekleidet – selbst die Jacke hat er selbstständig angezogen.

Ich serviere ihm später das Mittagessen. Herr G. sitzt an seinem Tisch unter dem Fernseher und liest seine Zeitung – ein schöner Anblick. Ich denke kurzzeitig an so etwas wie Spontan-Genesung und frage grinsend, was er denn zu seiner Mahlzeit trinken möchte. Er sagt freundlich: „Habt ihr auch Cappuccino!“ „Wir haben hier leider nur Kaffee!“ Er überlegt: „Mmh, ja... das ist schade.“ „Ich kann Ihnen aber heißes Wasser bringen!“ Auf seinem Tisch steht eine Dose Cappuccino-Pulver. „Ja, das wäre sehr nett, wenn Sie das machen würden!“
Ich bringe ihm also seinen Cappuccino. Nachdem er aufgegessen hat, sage ich ihm: „Kommen Sie mal mit, ich zeige Ihnen, wie der Getränke-Automat funktioniert.“ Bereitwillig folgt er mir in meinem Windschatten – ich erklärte und zeigte ihm, wie das heiße Wasser in seine Tasse kommt und wie viele Löffel seines Lieblingsgetränks hineingehören. Er sagt, dass er es verstanden hat – soweit so gut.

Die folgenden Tage wurde Herrn G. lediglich bei der Versorgung geholfen – vieles konnte er wieder selbstständig. Trotzdem musste ich ihm erneut erklären, wie das mit den Getränken funktioniert. Ich sagte ihm aber freundlich und bestimmt, dass er sich gerne selber bedienen könne.
Trotzdem hörte ich ihn noch häufiger nach einem Cappuccino fragen – vielleicht wollte er doch noch nicht so selbstständig sein.

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Kommentare

Verfasst von Gast am 14. März 2010 - 13:29.

sehr gute Arbeit!

Sehr geehrter Pflegeprofi, großes Lob für deine Artikel. Unsere alten Mitbürger...

Sehr geehrter Pflegeprofi,

großes Lob für deine Artikel. Unsere alten Mitbürger sind sicherlich sehr dankbar, dass solch ein engagierter und liebenswerter Mensch wie du für sie da ist. Manchmal habe ich den Verdacht, du bist ein verdeckt arbeitender Journalist, wenn ich mir so deinen Schreibstil anschaue. Wie auch immer, wir bräuchten so Menschen wie dich auch hier in Bayern – die Rheinländische Lebenseinstellung ist einfach unschlagbar.
Mach weiter so!

Mit freundlichen Grüßen,

Thomas Tschikjan

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