"Setzen, fünf!"
Wer hätte sich in der Schule nicht manchmal gewünscht, dass es so etwas wie Noten nicht gäbe? Gut, Waldorfschüler/Innen in den Unter- oder Mittelstufen einmal ausgeschlossen. Nicht, dass ich damit sagen möchte, dass sie außen vor stehen – auch sie müssen nach bestimmten Kriterien bewertet werden.
Noten sollen die Schüler untereinander vergleichbar machen und den Konkurrenzdruck fördern.
So ist das bekannte Bewertungsschema mit den Zahlen von eins bis sechs in Deutschland der Einstieg in die Ellenbogengesellschaft, in der derjenige belohnt wird, der sich gegen andere durchsetzt und eigennützig ist. Menschen, die nicht bereit sind, in Konkurrenz zueinander zu treten, bleiben meist auf der Strecke.
Ähnlich verhält es sich mit den Altenpflegeheimen und ambulanten Diensten, die nach den neuen Transparenzkriterien geprüft werden. Zugang dazu bekommt man unter www.pflegenoten.de, wo zu den Veröffentlichungen der Landesverbände der Krankenkassen verlinkt wird.
Diese öffentliche Transparenz ist maßgeblich dafür verantwortlich, die Einrichtungen unter immensen Druck zu setzen. Wenn eine gute Pflege gewährleistet wird, werden die Anforderungen erfüllt und eine gute Note ist die logische Konsequenz daraus.
Was sind denn genau die Erwartungen an die Einrichtungen?
Die Endnote ergibt sich aus dem Ergebnis der Benotung vier großer Bereiche. Diese sind:
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Pflege und medizinische Versorgung
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Umgang mit demenzkranken Bewohnern
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Soziale Betreuung und Alltagsgestaltung
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Wohnen, Verpflegung, Hauswirtschaft und Hygiene
Eine weitere Note, die das Ergebnis einer Befragung der Bewohner widerspiegelt, wird nicht mit in die Endnote aufgenommen, sondern steht aus Gründen der Subjektivität außen vor.
Die Prüfer des medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) suchen sich einen prozentualen Anteil von repräsentativen Bewohnern der jeweiligen Einrichtung heraus. Dann wird beispielsweise in den Bereichen Pflege und Umgang mit demenzkranken Bewohnern die nachvollziehbare Kommunikation mit dem behandelnden Arzt, der Umgang mit Medikamenten, die Durchführung von Prophylaxen und die Einbeziehung der Biographie demenziell Veränderter in die Pflege bewertet. Die letzten beiden Bereiche legen das Augenmerk auf das Angebot von Einzel- und Gruppenangeboten oder auf den Gesamteindruck bezüglich Sauberkeit und Hygiene.
Die Vorteile eines Bewertungsschemas liegen auf der Hand. Es soll eine Vergleichbarkeit der Pflegeeinrichtungen ermöglichen und sie weiter unter Druck setzen, moderne Qualitätsstandards umzusetzen. In Zeiten der oft negativen Berichterstattung und daraus resultierender Verunsicherung soll eine Pflegenote eine vermeintliche Sicherheit für Kunden suggerieren.
Ich als Kunde vergleiche natürlich die Pflegeheime und die ambulanten Pflegedienste – nicht nur untereinander, sondern auch miteinander. Aber ist das überhaupt möglich? Für Pflegeeinrichtungen gelten andere Kriterien, als für den ambulanten Bereich. In der stationären Pflege lassen sich aufgrund der Vielzahl an Angeboten Mängel besser kaschieren.
Eugen Brysch, der geschäftsführende Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung kommentiert in einer Pressemitteilung vom 03.12.09 den Pflege-TÜV: „Die jetzt im Internet veröffentlichten Noten für Pflegeheime sind weichgespült und geschönt. Transparenz in der Pflege wird durch sie wenn überhaupt nur bedingt erreicht. Dass ambulante Dienste im Schnitt schlechter abschneiden als Pflegeheime, liegt nur daran, dass dort Kuschelkriterien fehlen.“
„Die Ergebnisse werden in keiner Weise der Realität gerecht. Sie führen in die Irre.“, sagt Andreas Peifer, Landesvorsitzender des Sozialverbandes VdK in Rheinland-Pfalz dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Er beruft sich auf erste Ergebnisse, wonach 14 von 29 geprüften ambulanten Pflegediensten mit der schlechtesten Note Fünf abschnitten. Dieser Befund verzerre die Pflegewirklichkeit auf groteske Weise. Er kritisiert, dass den Pflegediensten nicht die „Weichspülkriterien“ der Heime zur Verfügung stünden, die im stationären Bereich zu ungerechtfertigt guten Benotungen geführt hätten.“
Wie fast immer, ist eine Neuerung mit Fehlern behaftet. Wie fast immer, sind Kritiker nicht weit, die das System in Frage stellen – gut so! Dennoch denke ich, dass die Pflegenoten lediglich als Richtschnur verstanden werden wollen. Man sollte sich, genauso wie bisher, sein eigenes Bild von der Einrichtung machen und das individuelle Bewertungsschema über die Einrichtung legen. Die Gesamtnote und noch wichtiger, die aufgeschlüsselten Einzelnoten können einem bei der Bewertung behilflich sein, und den Ratsuchenden mitteilen, wo man genauer hinschauen und kritisch hinterfragen sollte.
Quellen: http://www.hospize.de/servicepresse/2009/mitteilun...
http://www.ksta.de/html/artikel/1246884005647.shtml
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Kommentare
In Sachsen-Anhalt...
...ist übrigens den Pflege-TÜV schon nach sieben Monaten wieder gestoppt worden:
Mehr als sieben Monate nach dem Start des Pflege-TÜVs gegen Missstände in Altenheimen hat die Justiz in Sachsen-Anhalt erstmals die Benotung im Internet gestoppt. Zwei Eilanträgen von Altenheim-Betreibern sei stattgegeben worden, berichtete die «Magdeburger Volksstimme» am Samstag. Die Krankenkassen haben demnach Beschwerde dagegen eingereicht.
Das Gericht folgte der Auffassung der Kläger, die Bewertungskriterien seien fehlerhaft und ließen keinen objektiven Vergleich verschiedener Dienste/Einrichtungen zu - im Prinzip das, was ja auch hier bemängelt wurde...
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"Frischer Wind" auf ScienceBlogs.de
"ex libris" auf evangelisch.de
"Setzen, fünf!
Ein solches System finde ich im Grunde sehr vernünftig, wobei man bei der Bewertung natürlich auf größtmögliche Transparenz achten muss, denn letztendlich kann eine schlechte Benotung für eine Einrichtung schwerwiegende Folgen haben. Die Tatsache, dass 50% der ambulanten Pflegedienste im "Testlauf" mit der schlechtestmöglichen Note abschneiden, macht mich auf jeden Fall schon mal stutzig: Sind die Bewertungskriterien nicht sauber oder womöglich zu streng definiert, oder ist ambulante Pflege wirklich so schlecht?
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"Frischer Wind" auf ScienceBlogs.de
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RE: "Setzen, fünf!
Danke für deinen Kommentar!
Generell finde ich eine einheitliche Prüfung, deren Ergebnisse offengelegt werden müssen, auch gut. Es werden aber bei der Prüfung, die zu den Pflegenoten führt, Kriterien angewendet, die von den Pflegediensten aufgrund Zeitmangels nicht umgesetzt werden können. Zum Beispiel ist ein großer Kritikpunkt das unzureichende Führen der Dokumentation. Für mich kein Wunder, dass die nicht ausreichend geführt werden kann: Das Zeitkontigent ist sehr begrenzt, und der Patient soll adäquat versorgt werden. Die Pflege ist bestimmt nicht überall schlecht, es bleibt nur oft zu wenig Zeit, alles nach den strengen MDK-Vorgaben zu erledigen, was dann in einer schlechten Gesamtnote endet.
Wenn ich mir vorstelle, ich wäre ein Prüfer: Ich würde womöglich der Pflegequalität eines Pflegedienstes die Note 2 geben. Der Dokumentation eine 5. Bleibt im Schnitt eine 3,5.
Der Pflege im Heim würde ich eine 3 bescheinigen. Der Dokumentation ebenfalls eine 3. Es gibt dann aber noch die sogenannten Kuschel- oder Weichspülkriterien, wie von Brysch und Peifer tituliert - wie z.B. psychosoziale Angebote. Ich würde denen als Prüfer eine 1 geben. Sie sind überaus wichtig - keine Frage - sorgen aber dafür, dass aus der Gesamtnote 3 eine 2 wird.
Es ist in der ambulanten Pflege generell nicht möglich bzw. nicht erwünscht ist, psychosoziale Angebote durchzuführen. Für die Pflegedienste gibt es zwar einen angepassten Prüfkatalog, der aber wohl nicht in ausreichendem Maße die Kuschelkriterien der Heime ausgleicht. So werden die Pflegeheime im Vergleich zu den ambulanten Pflegediensten besser dargestellt - der ambulanten Pflege ist es nicht möglich, die Noten mittels anderer Kriterien aufzuwerten bzw. "weichzuspülen".
RE: "Setzen, fünf!"
Wurde Ihre Einrichtung eigentlich schon geprüft?
RE: RE: "Setzen, fünf!"
Ich weiss, dass zuletzt Ende März eine Regelprüfung vom MDK durchgeführt wurde. Was ich nicht weiss ist, ob meine Einrichtung schon nach den neuen Kriterien geprüft wurde.