Lauter kleine Loser

Von Sabine Horst - Ich lese keine Erziehungsratgeber mehr. Zu deprimierend. Jedenfalls, wenn man einen Sohn hat. Jungs sind seit einigen Jahren die Loser auf dem Pädagogikmarkt. Offenbar kriegen sie es nicht geregelt: müssen immer raufen, sind emotional und sozial unterentwickelt, schlechter in der Schule, lesen nicht und hocken zuviel vorm Computer – alles in allem einfach dysfunktional, egal, wer nun dran schuld ist. Und wenn man sich mal so in der Kulturgeschichte umschaut, merkt man: Das war eigentlich schon immer so. Seit Gretel ihren kleinen Hänsel aus dem Hexenkäfig befreite, sind Mädchen das starke Geschlecht.

Während Pippi Langstrumpf, die patente Connie aus der „Pixi“-Buchserie oder Harry Potters Hermine Granger freiwillig und ohne die geringsten Schmerzen Berge versetzen, schwimmen, kochen, tanzen, reiten und Einser schreiben, sind Jungs Minimalisten: Sie versuchen, mit möglichst wenig Aufwand durchs Leben zu kommen. Hausaufgaben verursachen bei ihnen Krämpfe, ihr Radar ist unfähig, dreckiges Geschirr und volle Müllsäcke zu registrieren, dafür spürt es mit unfehlbarer Präzision versteckte Keksdosen und waffentaugliche Naturmaterialien auf. Immerhin ist es diesen Kerlen aber gelungen, eine eigene literarische Gattung zu begründen und Generationen von Gleichaltrigen zu unterhalten. Denken Sie nur mal an Tom Sawyer und Huckleberry Finn, an Charlie Brown, Dennis "die Nervensäge", Calvin und seinen Tiger Hobbes. Alles Nichtsnutze und Chaoten, Typen, aus denen später bestimmt nichts wird. Jedenfalls kein Bankmanager oder Außenminister.

In dieser Saison kommen zwei davon auch ins Kino. Ein ganz neuer und ein Klassiker. Die Verfilmung von "Gregs Tagebuch", das sich beim Hugendubel in unserem Vorort wegverkauft wie warme Brötchen, startet Mitte September. Den anderen, den "Kleinen Nick" habe ich gestern gesichtet. Erstmal ohne die angepeilte Zielgruppe, das Kind, unseren Nick. Der hat nämlich die Geschichten von Sempé und Goscinny schon im Kindergartenalter abgelehnt, rundheraus, unbesehen. Vielleicht ging ihm das zu nahe. Oder er hat geahnt, dass sie eher was für Erwachsene sind, die sich wehmütig an ihre eigene Jugend zurückerinnern wollen.

Der "Kleine Nick" stammt schließlich aus den Sechzigern und beschreibt, in eleganten Strichzeichnungen und trockener Rollenprosa, eine Welt, die es so nicht mehr gibt: eine Jungsschule in Frankreich, in der die Lehrerin noch ein "Fräulein" ist und keiner Ali oder Mehmet heißt, eine Familie, in der Papa das Geld ranschafft und Mama kocht. Der Film, der aus Cartoonfiguren lebende, atmende Menschen macht, versucht gar nicht erst, den umtriebigen Nicolas (so heißt er im Original) und seine Freunde ins Hier und Jetzt zu versetzen. "Der kleine Nick" ist vollgestopft mit Gummibäumen und Flokatis, die Kinder tragen echte Schultaschen und Pullunder in Primärfarben. Das ist liebevoll gemacht, gibt der ganzen Sache aber etwas Museales.

Und die Story, die das Autorenteam des Films aus lauter kleinen, hingetupften Erzählungen kondensierte (ein paar davon wurden erst in den letzten Jahren von René Goscinnys Tochter Anne wiederentdeckt), hat sich leider auch nicht so gut gehalten. Der Kino-Nick findet, dass er von einigen Zumutungen abgesehen – wer interessiert sich schon für "die Flüsse Frankreichs"? - ein prima Leben führt. Ein paar Fehlwahrnehmungen lassen aber in ihm die Idee entstehen, seine Mutter sei schwanger, ein "Brüderchen" unterwegs. Und er selbst werde nach der Geburt von seinen finanziell überforderten Eltern im Wald ausgesetzt werden, wie der Däumling im Märchen. Nicks Plan: einen Gangster engagieren, der, perspektivisch, den Bruder entführt. So ein Gangster kostet freilich. Und deshalb wendet Nicks Jungsbande die Energie, die eigentlich in die französischen Flüsse geleitet werden sollte, ans Geldverdienen. Dazwischen gibt es Genreszenen. Die manchmal witzig sind - die Klasse im Rorschach-Test beim Schularzt -, manchmal aber auch peinlich und irritierend. Was ist so komisch an einem Jungen, der mit einer Mädchengruppe Blindekuh spielt? An einer Frau, die im mittleren Alter den Führerschein macht? Und: Kann man von einem Kind erwarten, dass es so etwas im Kino als "historisch" identifiziert?

Die Nick-Geschichten finde ich immer noch gut; schließlich habe ich selbst Schulimpfungen erlebt und Kniestrümpfe getragen. Aber ich werde dieses spezielle Jungenschicksal meinem Sohn ersparen. Wir warten jetzt mal ab, wie der Neuzugang, Greg, sich im Kino macht. Und lesen bis dahin "Calvin"-Comics, auf der Couch, bei Kakao mit Marshmallows, während sich ungemachte Hausaufgaben, Mülltüten und ungewaschene Klamotten in der Ecke stapeln. Ich sag Ihnen: Von diesen dysfunktionalen Jungs kann man schon was lernen.

Der kleine Nick, Frankreich 2009, Regie: Laurent Tirard. FSK: ohne Altersbeschränkung.

Noch keine Bewertungen vorhanden

© 2009 - 2012 evangelisch.de  |  Tel: 069 58 098 - 189  |  Fax: 069 58 098 - 418  |  Kontakt  |  Impressum  |  Presse  |  Datenschutz  |  AGB