Liebling, ich habe Clint Eastwood geschrumpft!
Von Sabine Horst - Wir sind wieder zurück. War schön. Drei Wochen Frankreich, Atlantikküste. Ich hatte mir das ja so vorgestellt: kein Fernsehen, keine Filme, keine Mail und schon gar kein Facebook. Nur wir und der Blick aufs Meer, hübsch gerahmt von einer Kiefer links und einer blauen Fahne rechts, die sagt, wo man heute ins Wasser darf. Ist nicht ganz aufgegangen. Wir hatten einen Koffer voller Kabel. Für die mobilen Endgeräte, die wir natürlich doch mitgeschleppt haben. Könnte ja sein, dass man in einen Jahrhundertstau kommt, oder es regnet tagelang. Dann wär’s schon gut, was dabeizuhaben. Das kleine Flimmern und Rauschen, visuelles Junkfood für unterwegs.
Angefangen hat das bei uns, als Nick vier war. Da hatte eine Familie auf unserer Ferienanlage am malerischen Lac d’Orient in der Champagne ein Notebook mit und ein Kinderfilmsortiment. Die Kids haben sich abends nach dem Grillen getroffen, um bei denen im Chalet "Die wilden Fußballkerle" zu gucken. Großer Renner. Nicks schönstes Ferienerlebnis? Im nächsten Jahr haben wir das kopiert und für die lange Fahrt nach Umbrien "Shrek" eingeplant. Leider war der Akku meines damals schon historischen Laptops überfordert. Nick hat den Film dann portionsweise geschaut, über zwei Wochen gestreckt, Oger in Häppchen. Hat ihn aber nicht weiter gestört.
Überhaupt sind Kinder ja nicht so puristisch – technische Macken, falscher Kasch im Kino, Laufstreifen oder Hänger bei der DVD bringen sie nicht aus der Ruhe, wenn eine Geschichte stimmt. Und die Vorstellung, dass ein Spielfilm nur richtig "gilt", wenn man ihn unter perfekten Bedingungen auf einer großen Leinwand gesehen hat, scheint heute ziemlich nostalgisch. Cineasten behaupten so was. Und der Verband der Filmtheaterbesitzer. Wir Alten haben noch erlebt, wie das Kino zu VHS geworden ist. Die Generationen, die jetzt kommen, sind an eine Vielfalt der Formate gewöhnt. Sie sind mobil und flexibel. Verschaltet und vernetzt. Irgendwie haben sie auch bessere Augen. Eine spontane Genmutation muss da eingetreten sein, die es modernen Kindern und Jugendlichen erlaubt, über die Schultern von drei Freunden Schlachten mit hunderten von Statisten im Nano-Format – 5 x 3 Zentimeter! – zu verfolgen, ohne eine einzige taktische Finesse zu verpassen.
Nick hat also im Auto schon mal den Antikenfilm "Die letzte Legion" auf dem iPod geschaut, den ich meinem Mann zum Geburtstag geschenkt hatte. Das Teil hat sich auch bewährt, als eines Abends im Feriencamp der Strom ausfiel. Während ich im Finstern nach der Duftkerze suche, die ich eigentlich unserer blumengießenden Nachbarin mitbringen wollte, liegen die Männer entspannt auf dem Bett und gucken einen Western. "Pale Rider". Clint Eastwood als Briefmarke. Hey, das ist ein Cinemascope-Film! Breitwand! Überlebensgroß wie der Erlösertyp, der predigende Scharfschütze, den Eastwood hier spielt. Na und? meint mein Mann. Eastwood sei sowieso überschätzt, und "Pale Rider"… so lala.
Der Filmindustrie ist das alles natürlich nicht entgangen, und sie versucht jetzt, das Kino als Freizeiterlebnis zu retten: mit 3D. Aber das ist auch schon auf dem Weg nach unten, ins Kleinformatige, Praktische. Augmented Reality heißt das dann - es gibt fürs iPhone bereits Apps, die Bewegungen lesen, und Spiele, bei denen man mit den Fingern virtuelle Schmetterlinge einfangen kann. Irgendwann werden sie uns den Kram direkt in den Kopf beamen. Das wäre tatsächlich schick. Dann könnten wir all die Kabel und Akkus wegräumen. Oder müssten wir uns dann aufladen?
Ein bisschen erinnert mich das alles an Asterix und das Wettzaubern der Druiden im Karnutenwald. Da ist es einem gelungen, aus seinem Zaubertrank ein Pulver zu machen, das man in Säckchen verpackt unterwegs stets zur Hand hat. Aber um den Trank zuzubereiten, brauche man doch immer noch einen Topf, wendet ein Druidenkollege ein. Auch daran habe er gedacht, meint der Convenience-Pionier und zieht ein weiteres Säckchen aus der Tasche: Es ist ihm gelungen, auch die Töpfe zu Pulver zu machen.
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