Der Ü-Film

Von Sabine Horst - Es trommelt. Das kommt aus der Kiste. In der Kiste ist was. Ein Spiel nämlich. Und das sucht nach Kindern, zum Gespieltwerden. Das Spiel heißt "Jumanji", und wenn man es einmal angefangen hat, muss man es um jeden Preis zu Ende bringen. Tatsächlich, von Aufhören könnte jetzt keine Rede sein. Nick und sein Freund sitzen auf unserem blauen Sofa und löchern uns mit Fragen. Was machen die da? Wer trommelt? Es ist ein kleines bisschen unheimlich.

Schon deshalb, weil die beiden keine Idee haben, was sie da gucken. Sie wollten eigentlich zum x-ten Mal "Star Wars – The Clone Wars" schauen, aber mein Mann hat wortlos diesen Film eingelegt, den er neulich im Internet bestellt hat: Überraschung! Mein Mann ist nämlich ein Anhänger der These, dass man Kinder verblüffen muss, wenn man sie unterhalten will. "Jumanji" stammt aus dem Jahr 1995, ist also älter als die beiden da auf dem Sofa, und aus ihrer Peer Group kennt den heute keiner mehr. Es geht, wie gesagt, um ein Spiel. Das man damals wahrscheinlich schon als interaktiv bezeichnet hätte: "Jumanji" bringt den Dschungel zu Dir nach Hause. Erst sieht es trügerisch einfach aus: Würfeln… dann zieht das Spiel Deine Figur. Doch jeder Zug bringt den Spieler in größere Schwierigkeiten. Roarr – Löwe im Wohnzimmer. Skreech – Spinnen auf dem Dachboden. Karrompf – eine Stampede. Und das alles "in echt jetzt" - damit muss man erstmal fertigwerden. Robin Williams spielt einen Mann, der als Kind in das Spiel gerät und nach einem Vierteljahrhundert von zwei neuen jungen Spielern in die Wirklichkeit zurückgeholt wird. Da befindet sich die Kleinstadt aber schon im Würgegriff von cleveren Affen, einem durchgeknallten Großwildjäger und einer Herde Dickhäuter. Nicht ganz leicht, die wieder loszuwerden. Nur der Robin-Williams-Typ – eine Mischung aus Tarzan und Crocodile Dundee – bringt die nötige Outdoor-Kompetenz mit. Aber die jüngeren Spieler wachsen an ihren Aufgaben.

Nick und sein Freund verbringen eine halbe Stunde damit, überhaupt rauszukriegen, was abgeht. Sie finden die Situation ungewohnt, das merkt man. Normalerweise wissen sie, wovon ein Film handelt. Nicht umsonst gibt es Werbekampagnen. Wenn ein amerikanischer Blockbuster ins Kino kommt, ist klar, wie der aussieht – die Hauptfiguren stecken im "Happy Meal", im Web hat man drei verschiedene Trailer gesehen, die Programmzeitschrift liefert Inhaltsangaben und Hintergrundberichte. Und dann spricht sich so was natürlich auch rum: "Avatar... ja, da ist dieser Typ, der eigentlich im Rollstuhl sitzt, und der kommt dann zu diesen Aliens, und die kämpfen dann gegen die Soldaten, die den Urwald kaputtmachen … klasse Grafik, cooler Endkampf." Wenn man selbst im Kino setzt, hat man schon die Bilder im Kopf. Und gut ausgehen tut es sowieso; das hat Nick ganz früh rausgekriegt, dass in Kinderfilmen keine Helden sterben und die Bösen wieder zurückmüssen in die Kiste.

Komischerweise scheint er bei "Jumanji" nicht so ganz sicher zu sein. Die Jungs stecken in einer Art Blase, als ob das Spiel sie auch gekriegt hätte. Und am Ende sind sie hochzufrieden, von "Clone Wars" keine Rede mehr; "Jumanji" geht auf Tour im Freundeskreis. Wir werden das jetzt öfter machen. Zeitschriften und Internet sperren. DVD-Cover zukleben. Kein Beipackzettel, keine Schauspielernamen, kein Genre-Hinweis, kein "wenn Dir Harry Potter gefallen hat, könntest du auch diesen Film mögen" … nichts. Sich einfach dem Fluss einer Geschichte anvertrauen und mal schauen, wohin der führt. Es gibt ja sonst nicht mehr so viele Abenteuer.

Natürlich werden Sie, liebe Eltern, sich als Veranstalter trotzdem vorab informieren wollen, welche Filme für ein Ü-Viewing in Frage kommen. Deshalb hier noch ein kleiner Buchtipp. Gerade frisch erschienen ist in der Reclam-Reihe "Filmgenres" ein Band zum Kinder- und Jugendfilm. Der liefert mit Texten zu siebzig Titeln, von "Betragen ungenügend" bis "Stand By Me", von "Bambi" bis "Ratatouille", nicht nur einen filmhistorischen Überblick über die Entwicklung der Sparte seit den Dreißigern, sondern er ist im Alltag gut zu gebrauchen: Die Auswahl ist originell, aber nicht verschroben, das Unterhaltungsbedürfnis der Kinder wird berücksichtigt, und man kann alle vorgestellten Filme kaufen oder ausleihen (was allerdings bedeutet, dass osteuropäische, afrikanische oder asiatische Produktionen, die oft nur auf Festivals laufen, zu kurz kommen – das wissen die Herausgeber selbst). Wir haben uns da schon ein paar Sachen angekreuzt für die nächste Sitzung. "Ein Fall für die Borger" werden wir probieren, "Zazie in der Metro" und "Mein Nachbar Totoro". Sollen gut sein. Hab ich auch schon mal gehört.

"Jumanji": Ist bei Sony Pictures erschienen und ab 12 freigegeben.

Filmgenres: Kinder- und Jugendfilm. Hg. von Bettina Kümmerling-Meibauer und Thomas Koebner. Reclams Universal-Bibliothek. Stuttgart 2010, 369 S., 9 €.


Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.7 (3 Bewertungen)

© 2009 - 2012 evangelisch.de  |  Tel: 069 58 098 - 189  |  Fax: 069 58 098 - 418  |  Kontakt  |  Impressum  |  Presse  |  Datenschutz  |  AGB