Immer schön cool bleiben
Von Sabine Horst - Die Amerikaner haben ein ausgefeilteres Vokabular für die Beurteilung von Filmen als wir, scheint mir. Zum Beispiel habe ich neulich mal gegoogelt, was die Kritik drüben über den Blockbuster "Prince of Persia" schreibt. Und da bin ich auf den Ausdruck gestoßen: "goes well with air condition" – passt gut zur Klimaanlage. Bitte wie?
Naja, man kann sich das zusammenreimen. Kino und Klimaanlage haben in den USA eine lange gemeinsame Geschichte. Letztere wurde 1902 in Buffalo, NY, erfunden. Die Kinos wiederum gehörten in den zwanziger Jahren zu den ersten größeren Industriezweigen, die elektrische Klimaanlagen einsetzten und daraus ein Verkaufsargument machten: "Stay cool in our air conditioned theaters". In den Fünfzigern und Sechzigern muss sich das Prinzip flächendeckend durchgesetzt haben. Wer sich an Billy Wilders Komödie "Das verflixte 7. Jahr" erinnert, in der Marilyn Monroe und Tom Ewell einen besonders heißen Sommer in New York mit dem "Schrecken vom Amazonas" erleben, weiß jedenfalls, dass Amerikaner um diese Jahreszeit schon deshalb gerne ins Kino gehen, weil die Lichtspieltheater immer schön 'runtergekühlt sind. Was soll man auch tun, wenn über der Stadt die Luft flimmert, die Straßendecken so weich werden, dass die High Heels drin stecken bleiben, und das eigene Hirn sich anfühlt wie ein Marshmallow auf dem Grill? Der Film, der zur Klimaanlage passt, ist denn auch idealerweise einer, der keine spürbare Denkleistung erfordert: ein "no-brainer", wie die Amerikaner (wieder so ein Wort) sagen. Einer, der in der rosagrauen Masse, die in unserem Kopf blubbert, versackt und sich rückstandslos darin auflöst.
Versetzen wir uns also mal in diese Situation. Es ist heiß, sehr heiß, viel zu heiß für den Park oder den Palmengarten. Ins Schwimmbad zu gehen, ist auch nicht ratsam, die Idee haben nämlich alle anderen schon gehabt - am Samstag war es bei uns im Freibad so voll, dass wir für einen Espresso und ein Eis vierzig Minuten anstehen mussten, während man im Nichtschwimmer praktisch kein Wasser mehr sah. Dann schon lieber "Prince of Persia", air conditioned.
Und wie sieht so ein Film zur Klimaanlage nun aus? Irgendwie… schweißtreibend. Jake Gyllenhaal, der den Prince of Persia spielt, fängt nämlich ungefähr in Szene eins an zu rennen, zu springen, zu klettern und sich zu prügeln. Und das geht dann zwei Stunden lang. Kein Wunder, schließlich basiert die Geschichte ja auch auf einem Jump 'n' Run-Spiel, das um die Wende zu den Neunzigern ein paar Maßstäbe gesetzt hatte. Der Erfinder Jordan Mechner designte die Action, nachdem er Filmaufnahmen seines turnenden, fechtenden Bruders studiert hatte – die Bewegungen des Prinzen sollten möglichst realistisch aussehen.
PoP, der Film, ist wahrscheinlich nicht das, was Eltern mögen. Intellektuelle Arroganz erwachsenerseits scheint allerdings unangebracht – schließlich haben wir mit "Sex and the City 2" auch gerade einen vollgültigen No-Brainer im Programm. Die Zielgruppe sind ja auch nicht wir - das sind computerspielende Jungs zwischen zehn und fünfzehn. Für die gibt es hier genug zu sehen: Eine hübsch orientalische Welt, in der sich ausgefallene Schurken tummeln und phantasievoll gekämpft wird. Der Tatsache, dass es auch so etwas wie romantische Beziehungen – Mädchen! Liebe! Küsse! – gibt, stellt sich der Film echt tapfer (der Zwischenruf "Vorspulen!" ist in unserer Testgruppe tatsächlich ausgeblieben). Jake Gyllenhaal gibt als gelungene Fusion aus dem "Gladiator" und Bill Kaulitz ein durchaus interessantes role model ab. Und wahrscheinlich ist "Prince of Persia" der erste Film überhaupt, der am Ende nahezu seine komplette Handlung zurücknimmt, die Toten auferstehen lässt und allen Beteiligten außer dem bösen Ben Kingsley – wie konnte es eigentlich dazu kommen: dass aus "Gandhi" ein Krimineller im Dauerdienst wurde? - neue Chancen gibt.
Die PoP-Experience lässt sich zu Hause verlängern. Ich muss gestehen, dass ich selbst schon dran gedacht habe, die Spielversion von 2008 zu installieren, die ich vor Weihnachten im Sonderangebot erworben habe: Die Grafik sieht wirklich gut aus.
Der Sommer im Kino Ihrer Wahl hat aber gerade erst angefangen. Wenn draußen die Temperaturen richtig steigen, kommt "Für immer Shrek" (30. Juni), in dem sich der populärste Oger der Galaxis in eine Art Spiegel-Universum versetzt. Und dann ist da noch die Fortsetzung der guten alten "Toy Story" – garantiert familientauglich und zweifellos klimaanlagenkompatibel (29. Juli). Wir halten Sie auf dem Laufenden.
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