Essen im Eimer

Von Sabine Horst - Reden wir mal über Popcorn. Und Nachos mit Käsesoße. Also: Essen im Kino. Wenn ich mich recht erinnere, war das früher ja eigentlich kein Thema. Bei uns gab’s eine Rolle Rolo – für zwei: "denn Sie sind alt genug, alles zu teilen". Tja, und wenn man mal eine Tüte Kekse mitbrachte oder seine eigene Limo, dann hat das niemanden aufgeregt.

Jeder weiß, dass man in den anderthalb, zwei Stunden, die ein Kinofilm dauert, nicht verhungern kann. Aber heute schlägt einem in den Multiplexen schon im Foyer so ein nahrhafter Geruch entgegen. An den Theken stapeln sich die Knabbersachen, Zusatzprodukte, Kino-Begleit-Ware – ein Geschäft, das man Concession nennt. Und da fangen die Probleme an.

Letztes Wochenende zum Beispiel waren wir mal wieder mit Nicks Gang unterwegs. Fünf Jungs, zehn, elf Jahre. Die verfügten über sehr unterschiedliche Budgets, was im Kino zu heftigen Diskussionen führte. Einer hatte sowieso nur das Geld für die Eintrittskarte, bei zweien reichte es für Chips und Gummiteufel. Der letzte war mit sieben Extra-Euros ausgestattet, die er komplett ins "Menü 3" investierte - "das hol ich mir immer". Menü 3 besteht aus einem Liter Cola plus Nachos plus Käse… Wie bitte? Ein Liter Flüssigzucker in neunzig Minuten? Ist ja Folter. Wir haben uns aber auch nicht wirklich berechtigt gefühlt, ihm das zu verbieten. Um wenigstens ein Gleichgewicht des Schreckens herzustellen, haben wir dann noch ein Menü für alle anderen dazugekauft. Außerdem eine mittlere Popcorn, die für eine Kompanie gereicht hätte, das habe ich aber zu spät gesehen, und da war es schon eingetippt. Die Käsesoße, hat sich im Kino herausgestellt, wurde allerdings gar nicht ausgegeben, weil sie "noch zu kalt" war und sich nicht aus dem Spender bewegte… Über Käse aus dem Spender sollte man nicht nachdenken. Jedenfalls: 6,90 Euro für Cola und eine Handvoll Nachos… hey, ich wollte es mir abgewöhnen, aber: das waren mal 14 Mark.

Nun könnte man seinen Kindern einfach sagen, dass im Kino prinzipiell nicht gegessen und getrunken wird. Aber erstens sind Kids im Triebaufschub noch nicht so gut wie wir Erwachsenen. Zweitens macht es Spaß, zu fünft irgendwas aus einer Tüte zu knurpseln. Und drittens und vor allem haben natürlich die großen Kinos mit ihrem Essen in Eimern Bedürfnisse geweckt. Der Begriff "Menü" sagt es ja schon: ein Kinobesuch ist nicht mehr einfach "Film gucken", sondern "Ausgehen". Und viele Kinos sind im Begriff, sich in Gaststätten mit angeschlossenem Unterhaltungsprogramm zu verwandeln.

Tatsächlich verdienen die Kinos heute neben der Werbung vor allem an der Concession – beim Popcorn sind die Gewinnspannen einfach größer, vom Eintritt selbst bleibt am Ende kaum was hängen. Auch die Programmkinos mit ihrer gemäßigten Angebotspolitik und den angenehmeren Preisen wären ohne Nebengeschäft nicht überlebensfähig. Begraben unter Popcornbergen? Weggespült von Softdrink-Fluten? Konkurs durch Kindergeburtstag?

Man könnte da auf Ideen kommen. Zum Beispiel die, seinen Knabberbedarf vorab im Aldi zu decken. Aber darf man überhaupt sein Essen ins Kino mitbringen? Das ist eine Frage, die nicht nur mich beschäftigt - es gibt im Internet einen Haufen Foren, in denen das diskutiert wird, vor allem nach langen "Herr der Ringe"-Nächten. Also, ich habe beim Hauptverband Deutscher Filmtheater angerufen, und die sagen: Verzehr mitgebrachter Waren - das liegt im Ermessen des Kinobetreibers, der Hausrecht hat. Wie es im einzelnen gehandhabt wird, muss man selbst abchecken. Das habe ich dann mal getan, stichprobenweise, bei einem Frankfurter Programmkino und beim örtlichen Multiplex. Niemand will den selbstversorgten Zuschauer. Das Programmkino ist mit einer Kneipe gekoppelt, und natürlich, das ist einzusehen, sollte man hier sein Bier nicht importieren. Knabbersachen haben sie aber nicht so viele – bei Kleinigkeiten würden sie schon ein Auge zudrücken.

Im großen Kinocenter hieß es, man kann nicht alles kontrollieren – wenn Schulklassen kommen, wird’s schwer. Aber grundsätzlich gilt: zero tolerance. Und da hat sich dann an die Verzehr-Komplikation gleich eine weitere angeschlossen: Dürfen die Kinos Ihre Tasche kontrollieren? Das tun einige – immer öfter, wie mir scheint – in erster Linie, um Raubkopierer auszuschalten. Aber natürlich entlarvt man so auch Apfelsaftflaschen, Sandwichtüten und Bierdosen. Die der Besitzer dann angeblich irgendwo einschließen kann bis zum Ende der Vorstellung. Wobei ich ja grundsätzlich finde, dass Taschenkontrolle im Kino eine ganz blöde Sitte ist. Ich habe nicht im Entferntesten die Absicht, eine Kopie von den "Teufelskickern" zu machen – warum sollte ich mich schon vor dem Betreten des Kinosaals unter Verdacht stellen lassen? Und die Butterbrote für die Kids – je nun. Gibt’s nichts Kriminelleres?

Die Branche sagt ja, die Zusatzprodukte, die es am Multiplex-Counter gibt, seien vom Kunden gewünscht. Vielleicht ist das auch so. Haben wir denn Nein gesagt zum Käse-Dip? Für die Zukunft habe ich mir aber überlegt, dass ich low fat-Kinos den Vorrang geben werde. Und im übrigen zu den Rolos zurückkehre. Die riechen nicht und erzeugen beim Verzehr nicht mehr als ein sanftes Schmatzen. Wenn zwei sich eine teilen, trägt’s auch nicht so auf.
 

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