Iiiek, mach das weg!

Von Sabine Horst - Neulich haben wir uns in der Kantine über unseren Spaghettitellern mit der Frage beschäftigt, was eigentlich gruselig ist… Die "Harry-Potter"-Filme zum Beispiel? Die Kollegen waren sich ziemlich einig, dass zumindest der "Gefangene von Askaban" Momente hat, die einem ganz schöne Schauer über den Rücken jagen können. Wobei manche den Werwolf erschreckend fanden, andere aber diese Zombies im Putzlappen-Look, die Dementoren, die den Menschen die Seele rauben. Kein wirklich klares Ergebnis. Schon gar nicht, wenn man die Kids einbezieht. Eine Mutter konnte vermelden, dass ihr Siebenjähriger alle Potters gesehen hat, ohne darüber auch nur eine Nacht Schlaf zu verlieren. Gruseln macht ja Spaß. Und es heißt nicht umsonst "Angstlust" Man muss nur wissen, dass es ein Film ist. Dass einen die Dementoren nicht kriegen können. Und dass, wie in irgendeinem Pixie-Buch mal stand, die Welt in der Nacht dieselbe ist wie am Tag – nur dunkler.

Wir haben das Kinosegment Grusel mit unserem Sohn noch nicht richtig ergründet. Was daran liegt, dass er im Kindergartenalter den "Kleinen Eisbären" und "Findet Nemo" mittendrin verweigert hat – und die sind ja nicht mal gruselig, sondern nur spannend. Jedenfalls haben wir uns danach nichts mehr getraut. Ich würde mal sagen, Monster lassen Nick relativ kalt. Aber Hexen … die waren seltsamerweise immer ein Problem. Deshalb ging der "Zauberer von Oz" gar nicht. Die "Herr-der-Ringe"-Filme mit den kariösen Orks werden wir erst mit, sagen wir vierzehn, einführen; von den Potters hat Nick nur die ersten zwei gesehen, auf DVD, und selbst da haben wir am Anfang immer den dreiköpfigen Hund überspielt. Klasse sind die "Ghostbusters", aber die stammen ja auch aus einer Zeit, als das Mainstreamkino insgesamt noch ein bisschen kuschliger war. Der Endgegner ist hier ein riesiger, lächelnder Marshmallow-Mann im Matrosenhemd. Nicht gerade der Stoff, aus dem die Alpträume sind. Tja, und dann hat Nick gesagt, er möchte auch endlich mal was Gruseliges gucken. Wir sind da immer noch unschlüssig.

Jedenfalls würde ich nicht so weit gehen wie dieser amerikanische Filmkritiker, der neulich in einer Web-Glosse erzählt hat, dass er mit seinen Töchtern in "District 9" war. Das ist ein erfolgreicher und tatsächlich auch guter Science-Fiction-Film aus dem letzten Jahr, der im Stil eines Computerspiels ein ziemlich düsteres gesellschaftspolitisches Szenario entwirft. Mittendrin: eine Gruppe gestrandeter, in einem Getto eingesperrter Aliens mit Fühlern und Panzern – ja, wie Riesengarnelen -, die so hungrig sind, dass sie alles tranchieren, was ihnen unterkommt. Der Journalist beschreibt, wie er immer auf seine jüngere Tochter schaute, während der Film lief. Bis sie irgendwann genervt aufstöhnte: Dad, aliens aren’t scary – Aliens machen keine Angst, an sich und überhaupt nicht. Weil es sie nicht gibt?

Nun ist "District 9" definitiv kein Kinderfilm. Aber an der Geschichte ist was dran. Vielleicht ist es wirklich so, dass Kinder im Kino mehr durchschauen als wir Eltern wahrhaben wollen. Vielleicht sind wir es ja, die ihnen Angst machen. Weil wir uns schon im Nebensessel winden oder diese kleine Hand ganz fest in unsere nehmen, bevor vom Monster auch nur der Pickel auf der Nase zu sehen ist. Im übrigen finde ich, dass grenzwertige oder schlechte Filmerfahrungen irgendwie auch zum Leben gehören. Und dass man Kinder nicht auf Dauer davor bewahren kann, weil sie bestimmte Dinge für sich entdecken müssen. Als meine Eltern mal aus waren, da muss ich dreizehn oder vierzehn gewesen sein, habe ich im Fernsehen heimlich den "Werwolf von Washington" geguckt, einen von diesen billigen Siebziger-Jahre-Horrorfilmen. Aber da gibt es diese Szene, in der der Held, der als Pressesprecher fürs Weiße Haus arbeitet, mit dem Präsidenten bowlen geht, und er hat gerade die Finger in die Kugel gesteckt, da merkt er, dass er sich jetzt in den Werwolf verwandelt. Und die Finger schwellen an, und er kriegt sie nicht mehr aus der Kugel raus, und gleich wird er… Mann, war das eine Scheißnacht. Allein der Weg vom Sofa ins Bett … Iiiek! Aber ich bin sicher, ich bin daran gereift. Es ist gut, zu wissen, dass man so was überlebt. Wenn man nicht in den Keller geht, wird man nie rausfinden, dass es bloß die Heizung ist, die dieses scheußlich gluckernde Geräusch macht.

Wir sind dann beim Mittagessen in der Kantine von einem Film zum anderen gefloatet und haben Revue passieren lassen, was uns so Angst gemacht hat, als Kind oder später. Jeder konnte etwas beisteuern. Die Szene in "Das indische Grabmal", wo die Leprakranken im Palastkeller entdeckt werden. Die Riesenbohnen, aus denen diese automatenhaften Ersatzmenschen schlüpfen in "Die Körperfresser kommen". Wenn "Rosemaries Baby" dich ansieht. Das Alien, das Alien, das Alien! Mein ganz persönlicher Dauerspuk ist Frank, das Riesenkaninchen aus "Donnie Darko". Manchmal, wenn ich nachts ins Bad muss, erscheint er mir im Spiegel, mit seinen blöden Ohren und dem grässlichen Grinsen. Und wissen Sie was? Allmählich fange ich an, mich an ihn zu gewöhnen. "Hey, Frank, altes Haus", sage ich, "schon die Zähne geputzt?" Besser der als ein Monster, das ich nicht kenne.

 

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