"Keine Messer, keine Revolver, keine Toten"
Von Sabine Horst - Diese Woche ist Pernell Roberts gestorben, mit 81. Er war Adam in Bonanza. Der älteste der Cartwright-Brüder. Der gelassenste, der smarteste. Er trug cooles Schwarz, und er beherrschte diesen 1A-Western-Blick, so unter dem Hut hervor, von halb unten nach halb oben. Bonanza lief am Sonntagnachmittag, und ich habe kein Date mit Adam verpasst – bis er, viel zu früh, aus der Show ausgestiegen ist . Die Serie war immer ein bisschen betulich, und ich glaube, ich habe schon damals gewusst, dass die Büsche, zwischen denen die Cowboys ihre Lager aufschlugen, von der Studiogärtnerei da hingepflanzt waren. Aber das war egal. Für mich war es der Westen, das große Abenteuer, die letzte Grenze.
Und Western schaue ich ja immer noch gerne. Rauchende Colts und Saloonschlägereien, schimmernder Whiskey in billigen Gläsern, speckige Hüte und staubige Stiefel, der allmählich vergehende Glanz der Sonne hinterm Horizont, ein Mann tut, was ein Mann tun muss… das ganze Programm.
Aber Western im Kino gibt’s nicht mehr so oft. Und sie sind nicht leicht ans Kind zu bringen. Cowboy und Indianer – das hatten wir als Partythema, da war Nick fünf oder sechs. Für ihn ist das Babykram; heute, mit zehn, ist sein Blick in die Zukunft gerichtet, seine Final Frontier liegt irgendwo zwischen der Wega und Alpha Centauri, nebenher machen wir gerade wieder eine Yu-Gi-Oh-Welle durch. Wir haben nie versucht, Western mit einer Kindergruppe zu schauen. Das heißt aber nicht, dass mein Mann und ich aufgegeben hätten. Tun die Kerle in den Western ja auch nie. Man muss halt Pionierarbeit leisten. Und den epischen Atem haben. Wir haben mit klassischen Stadtwestern angefangen, weil wir dachten, dass die sich einem Stadtkind leichter erschließen – und weil lange Landschaftseinstellungen, wie wir von Autofahrten wissen, noch nicht Nicks Ding sind. Hier unser persönliches Starter-Set.
Level 1: "Auch ein Sheriff braucht mal Hilfe"
Naja, eigentlich ist das nicht ganz richtig. "Support Your Local Sheriff", heißt der Originaltitel des Films: Unterstützen Sie den örtlichen Gesetzeshüter. Dabei ist Jason McCullough – gespielt von James Garner, ebenfalls ein Smarter, schwarzer Hut, klasse Blick – ein von sich selbst überzeugter und tatsächlich sehr kompetenter Typ, der es versteht, einen Konflikt auch mal gewaltfrei zu lösen. McCullough ist auf der "Durchreise" nach Australien, als er in einer chaotischen kleinen Goldgräberstadt im amerikanischen Westen zum Aufräumen angeheuert wird. Dass das Gefängnis noch im Bau ist und keine Gitter hat, ist für einen wie ihn kein Problem. Er tröpfelt einfach ein bisschen rote Farbe auf den Boden und schüchtert den depperten Sohn des Viehbarons, der die Stadt terrorisiert, mit dem Hinweis ein: Das sei das Blut des Typen, der neulich versucht hat zu fliehen. In dieser Komödie kann es schon mal vorkommen, dass ein Schurke, der in der vorletzten Szene tot umgefallen war, zum Showdown wieder im Line-up steht. Der ideale Film für Einsteiger – enorm unterhaltend. Man kann das Frauenbild hier ein bisschen … dubios finden. Aber, hey, wo sind wir denn?
Level 2: Der Ritt nach "El Dorado"
"The big one with the big two", hieß die Werbezeile des Klassikers von Howard Hawks. John Wayne als nicht mehr ganz taufrischer Scharfschütze und Robert Mitchum als total abgerockter Sheriff geben ein altes Ehepaar, während der junge James Caan enge Lederhosen und einen zickigen Namen – Alain Bourdillion Traherne, auch bekannt als Mississippi – durch die übliche, von einem Viehbaron terrorisierte Stadt trägt. Die Wortwechsel zwischen den Männern sind mindestens so wichtig wie die Schießereien: Hast du ihn getroffen? – Nun, ich habe das Schild getroffen, und das Schild hat ihn getroffen. Bei allem trockenen Witz hat der Film aber diese Melancholie, die richtig gute Western auszeichnet: Das ist schon ernstzunehmender Stoff.
Level 3: "12 Uhr mittags"
Hier geht’s ums Ganze. Ein Konflikt, der sich Kindern unmittelbar erschließt: Der hat doch Freunde. Die helfen dem, oder? Fragte Nick zu Recht besorgt, als er kapiert hatte, dass Gary Coopers Ex-Marshall, der mit seiner jungen Frau gerade auf dem Weg in die Flitterwochen war, zurück in die Stadt muss, um sich einer Bande von Killern zu stellen. Der Job ist klar: Da ist das Böse, da sind diese Typen, mit denen sich einfach nicht mehr verhandeln lässt – die müssen weg. Aber der Marshall wäre eigentlich lieber kein Held. Er hat nur keine Wahl. Eine gute Stunde bleibt ihm, um die Stadt hinter sich zu bringen. Dann wird Frank – warum heißen so viele Filmschurken Frank? – am Bahnhof ankommen. Die Angst davor steht Gary Cooper im hageren Gesicht geschrieben, sie zuckt um seine Mundwinkel, flackert in seinen Augen. Dazu die Musik von Dimitri Tiomkin: "Do not forsake me, oh my Darling..." Und dieser tolle Echtzeittrick: Ein Film, der so lange dauert wie seine Handlung. Wobei Nick zwischendurch meinte, es ginge nicht ganz auf. Hätten wir gar nicht gemerkt.
Level 4: "Zwei rechnen ab"
Ein Stadtwestern für Fortgeschrittene, mit Helden, die einen Haufen Probleme haben. Der eine, Kirk Douglas als Doc Holliday, ist todkrank, spielsüchtig, nikotinabhängig, ein echter Loner und so vermutlich schuld daran, dass der Film eine Altersfreigabe ab 16 hat – die aber sicher noch aus einer vorvergangenen Ära stammt und inzwischen dringend überdacht werden sollte. Der andere, Burt Lancaster als Wyatt Earp, kriegt Job und Privatleben nicht zusammen. Gut, dass die Kerle einander haben. Denn die Maxime des Marshalls Earp: "keine Messer, keine Revolver, keine Toten" (in festem Ton gesprochen ist das übrigens ein recht nützlicher Spruch, wenn viele Kinder in unserer Wohnung herumtoben) wird immer wieder von irgendwelchen Outlaws unterlaufen. Und natürlich stecken die Helden in ihrer eigenen Geschichte drin, können also nicht wissen, dass sie aus der berühmten, historischen Schießerei mit der Gang von Ike Clanton – unser alter Bekannter: der Viehbaron – am O.K. Corral als Sieger hervorgehen werden. John Sturges hat mit seinen beiden Stars ein regelrechtes Männerballett inszeniert, in düsteren Interieurs, zwischen ragenden Kakteen. Und Komponist Tiomkin hat hier noch bessere Arbeit geleistet als bei "12 Uhr mittags". Hören Sie doch mal in den O.K.- Corral-Song rein:
Und demnächst in diesem Kino: Die Viehbaronin – Barbara Stanwyck in "40 Gewehre"
Die Filme sind alle als DVD erhältlich und bis auf "Zwei rechnen ab" (16) ab zwölf freigegeben.
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