Neues vom Schöpfer der Dunkelheit

Von Sabine Horst - Ist Ihr Kind auch schon durch die Mühle "Aufsatzerziehung" gegangen? Also, bei uns geht es jetzt richtig los. Zwei Stück pro Halbjahr. In den Varianten Reizwörter- und Bildergeschichte. Bei der ersten gibt es drei Begriffe, sagen wir: Boot, Wasser und singen. Und dann müssen die Kids daraus was machen. Die Bildergeschichten stammen in der Regel aus dem Standardsatz "Vater und Sohn", das sind diese Strips von e.o. plauen. Aus den dreißiger Jahren! Und wenn Sie mich fragen: Wundert mich gar nicht, dass es nicht so richtig vorangeht in unseren Schulen mit dem kreativen Schreiben. Wenn ich so was betexten müsste: wie der Papa in den Puschen mit der Schrotflinte die Rosinen in den Kuchen schießt … Also, da würde ich sofort eine Blockade kriegen.

Unser Sohn Nick hat sich in seinem ersten Halbjahr am Gymnasium mit mäßiger Begeisterung an diesen Stoffen abgearbeitet. Gibt natürlich auch kein Gesetz, dass Schule Spaß machen muss. Aber ich frage mich, was wäre, wenn sie den Kids mal anderes Material an die Hand liefern würden. Zum Beispiel die Wörter Avatar, Fehlfunktion, verwandeln. Vampir, U-Bahn, chatten. Hermine, Termine, smart… Oder Fotoserien und Mangas, mit den Wilden Fußballkerlen, den Transformers, mit Hannah Montana oder Son Goku aus "Dragonball". Pädagogisch bedenklich? Didaktisch blödsinnig? Nicht geeignet für Leistungsvergleiche, vermute ich mal. Denn natürlich haben nicht alle dieselben Filme gesehen.

Lustiger als Vater und Sohn wäre es aber sicher. Schließlich sind es heute vor allem Kino und Fernsehen, die unserer Kultur die Geschichten zuliefern. Und die folglich auch die Phantasie der Kids beschäftigen. Die Engländer scheinen mit "U" wie Unterhaltung weniger Probleme zu haben als unsere Bildungsspezialisten; auf der Insel wird auch gerne mal in Schmuddelecken herum gegraben. Zum Beispiel habe ich übers Internet gerade ein schmales Taschenbuch aus dem traditionsreichen Penguin-Verlag erworben. Ich dachte eigentlich, es wäre der Roman zum Film. "Jurassic Park III", Sam Neill wird wieder mal von sehr, sehr hungrigen Dinosauriern gejagt, und fragen Sie mich jetzt bitte nicht, warum ich so was bestelle… Egal. Das Buch ist sowieso nicht für mich gedacht. Es stammt aus einer Serie von Englisch-Lektüren, kommt mit 600 Vokabeln fürs zweite Lese-Level "Elementary" aus, dazu gibt’s eine CD und einen Übungsteil ("Woraus kannst Du schließen, dass die drei Männer mit den Gewehren keine Ahnung von Dinosauriern haben?"). Die Handlung des Films ist ganz okay zusammengefasst und mit Blick auf jüngere Leser hat der Autor die blutigen Passagen entschärft. Das Ziel der Buchreihe - in der neben sehr seriösen Titeln auch die "Pirates of the Caribbean" und "The Mummy" erschienen sind - wird so beschrieben: "to provide a step-by-step-approach to the joys of reading for pleasure". Joy, sagen die da, pleasure: Lesen zum Vergnügen. Na, das ist doch mal eine interessante Idee.

Tatsächlich haben die Kinder ja durchaus ihren Spaß an Geschichten. Nur orientieren sie sich nicht am Lehrplan. Neulich hat ein Mitschüler von Nick die obligatorische Buchpräsentation in Deutsch über den "Star Wars"-Band "Darth Bane – Schöpfer der Dunkelheit" gemacht. Am Abend noch wurde mein Laptop konfisziert. Nick braucht den jetzt, um die "Star Wars"-Saga, die George Lucas selbst ursprünglich auf neun Teile angelegt haben soll, endlich fertig zu schreiben. Sein Teil sieben beginnt da, wo der letzte Film aufgehört hat: auf dem Planeten Endor. Luke Skywalker hat gerade damit angefangen, die pelzigen kleinen Ewoks zu Jedis auszubilden, da greifen die übriggebliebenen imperialen Truppen an… Das ist vermutlich nicht das, was man unter Literatur versteht. Aber es wird vielleicht mal welche.

Fanliteratur nämlich. Nick und seine Freunde sind nicht allein. Es gibt da draußen im Internet, in der neutralen Zone zwischen Unterhaltungsindustrie und Underground, eine ungeheure Menge von Freizeitautoren, die finden, dass all die Serien und Filme, die zum Vergnügen der Massen produziert werden, tatsächlich so etwas wie Gemeineigentum sein sollten. Also nehmen sie Mr. Spock und Captain Kirk, Han Solo und Luke, Bella Swan und den edlen Edward, die Hobbits und die Hogwarts-Schüler vorübergehend in Besitz. Und machen sie zu Helden eigener Erzählungen, Gedichte und Dramolette, in denen die wildesten Dinge passieren. Nebenfiguren, die im Kino nur ein paar Minuten im Bild sind, bekommen endlich ein Schicksal. Unterschwellige Konflikte und verborgene Gefühle werden ans Licht gezerrt, heimliche Paare geoutet, Schurken rehabilitiert. Und, hey, wer sagt denn, dass Yoda sterben muss? Sind schon ganz andere wiedergekommen. Zehntausende solcher Fan-Stories finden sich im Web, gut organisiert in Archiven, diskutiert nicht nur von der Gemeinde, sondern von der Kulturwissenschaft; einige der älteren Autoren stehen längst auf den Gehaltslisten der Studios und schreiben offiziell "Star Trek"- oder "Star Wars"-Prosa.

Für den Reizwörter-Aufsatz gibt es in der Szene übrigens auch Äquivalente. Challenge heißt das da, Herausforderung. Da wirft dann ein Autor eine Idee in den Raum, und die anderen müssen dazu dichten. Besonders gelungene Werke bekommen Zuspruch, für Lernwillige finden sich Lektoren. Und das Tollste ist: Wenn bei Ihnen die Zeit rückwärts läuft, der Himmel grün ist und das Gras blau - gibt es keinen Punktabzug.
 

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