Vom Spielfilm zum Film-Spiel
Von Sabine Horst - Da ist ein Klingone im Wohnzimmer. Nicht in echt - auf dem Fernsehschirm. Aber er spricht mit uns, direkt. Wir sitzen am Wohnzimmertisch, zwischen den Jahren, haben Ferien – und mal wieder ein paar gute alte Brettspiele herausgekramt. Brettspiele? Nun ja. Dem "Star-Trek"-Titel, den wir gerade in Bearbeitung haben, liegt ein Video bei. Das müssen Sie einschieben, nachdem Sie ihre Figuren aufgebaut haben. Und dann kommen die zu Ihnen, die Klingonen. Sie haben die Enterprise besetzt. Und führen sich auf, wie Klingonen sich manchmal aufführen. Kommandieren rum. Versklaven Ihre Spiel-Pins. Verlegen Ihnen den Weg. Und wenn Sie nicht rechtzeitig über die Runden kommen … Bang. Beziehungsweise zosssch.
Das Spiel mit dem Video ist zwar schon nicht mehr so ganz frisch auf dem Markt, wird aber von unserem Sohn und seinen Freunden häufig nachgefragt. Anders als Mühle, Dame, Halma oder Kniffel. Die verstauben im Regal. Im Zeitalter des bewegten Bilds und der interaktiven Medien ist das klassische Gesellschaftsspiel ganz schön unter Druck geraten. Ein paar Würfel, ein paar Steine… so geht das heute nicht mehr. Mindestens müssen die Spiele mit ihren Figuren und Plots an Filme oder Comics angedockt sein. Klassiker werden deshalb in Sondereditionen herausgebracht. "Monopoly" haben wir etwa in einer Disney-Variante, mit Schneewittchen, Pinocchio und Straßen, die nach Filmen heißen. Die Schloßallee als Inbegriff des Investitions-Drive gibt es für moderne Kinder nicht mehr – auf dem Feld tummeln sich "101 Dalmatiner".
Bei "Stratego" läuft es ähnlich. Da waren früher Typen in Bärenfellmützen aufmarschiert, und es wurde mit Kanonen geschossen. Inzwischen kämpfen die X-Men gegen die Superschurken, mit allerhand übersinnlichen Extra-Effekten. Oder "Risiko", Sie wissen schon... Das Imperialisten-Spiel mit den fiesen Dienstanweisungen: Vernichten Sie die rosa Armeen. Falls Sie selbst die rosa Armeen besitzen, erobern sie 24 Länder Ihrer Wahl… "Risiko" also wird heute mit Transformers-Figuren in einer Science-Fiction-Welt gespielt. Und wer glaubt, dass die Menschheit unterm Einfluss der Unterhaltungsindustrie verblödet, sollte mal die Anleitungen zum "Herr-der-Ringe"-Spiel von Rainer Knizia (der achtzig Prozent aller deutschen Brettspiele zu kreieren scheint) oder zu "Marvel Heroes" lesen… Also, den Rosetta-Stein zu entschlüsseln kann echt nicht schwerer gewesen sein.
Neben den Lizenz-Spielen, die mit Filmcharakteren und -settings arbeiten, gibt es aber auch solche, bei denen sich die Medien auf allen Ebenen verschwägern. Bei denen der Spielraum sich nach außen zu stülpen scheint und das Wohnzimmer zum Holodeck wird. Unser Video-Klingone war nur ein Vorbote dieses Trends. Vor ein paar Jahren kamen von Ravensburger die ersten Brettspiele mit Computer-Einheiten und touch pads. "King Arthur", bei Nicks Freunden als "das sprechende Spiel" verbucht, wusste, auf welchem Feld sich gerade ein Ritter der Tafelrunde bewegt und wieviele Punkte er gesammelt hatte; außerdem schickte die Einheit virtuelle Drachen oder Schurken ins Feld, an denen man sich geräuschvoll abarbeiten konnte: Argh! Das Blöde war nur, dass wir am Anfang dauernd an der Hotline hingen, weil die Kontaktpunkte nicht funktionierten, wenn man beispielsweise gerade viel Kaffee getrunken hatte – der trocknet die Haut aus, und dann wird der Impuls nicht mehr weitergeleitet, oder so ähnlich. Naja, das zweite Spiel der Serie, "Die Insel", hatte dieses Problem überwunden, und wenn Sie das mal irgendwo kriegen: Kann ich nur empfehlen. Hochspannend. Und pädagogisch wertvoll. Weil man nämlich gegen die Monster in diesem an die "Insel des Dr. Moreau" erinnernden Abenteuer nur gewinnen kann, wenn man sich als Kollektiv organisiert – Einzelkämpfer ruinieren den Spielablauf.
Zur neuesten Generation von Gesellschaftsspielen gehört zweifellos Nicks Weihnachtsgeschenk. Dabei handelt es sich ganz klar um das Missing Link zwischen Mühledamehalma und Playstation. Heißt "Yvio" und ist eine – leider ziemlich preisintensive - Kombination aus einer Konsole und verschiedenen Brettspielen, vom Quiz bis zum Adventure. Wir haben das Adventure "Tarascon" mit den Drachen gewählt (empfohlen ab 12, geht aber auch früher), und ich muss sagen, das hat was. Man braucht keine Anleitung auswendig zu lernen, weil das Spiel mit interaktivem Tutorial kommt. Es ist sehr gesprächig, und in den Geschichten, die ganz offensichtlich von Fantasyfans da eingespeist wurden, wimmelt es von komischen Monstern, Mooswichteln und Schleimkram. Man muss nichts erobern, sondern das Überleben einer bedrohten Spezies – der Drachen eben – sichern. Und man kann das Hirn angeschaltet lassen – tatsächlich hat es bisher noch keiner von uns geschafft, genug zukunftssichernde Dracheneier auszubrüten, bevor die Runenhöhlen einstürzen. Nicht mal die Hotline haben wir bisher gebraucht. Vielleicht ist das die Zukunft der Unterhaltung. Das monumentale Jahresend- Spielfilmprogramm im Fernsehen jedenfalls ist an uns komplett vorbeigerauscht.
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RE: Vom Spielfilm zum Film-Spiel
Und ich dachte ich hätte am Star-Trek-Merchandising nun schon wirklich alles gesehen - aber das Spiel mit dem Video ist mir irgendwie entgangen. Star-Wars-Monopoly, klar. Aber dann ohne Schnickschnack multimedial gesehen. Und pst, die Anleitungen zu diesen Heroes-Figuren sind tatsächlich noch die einfachere Variante - da muss man ja nur unten diese Drehscheibe mit den Punkten drehen. Das geht noch unheimlich komplizierter: Nennt sich dann Table-Top und kommt mit Unmengen von Würfeln, Formularen und Zollstöcken. :-)
Ad Astra