"Du wärst Achilles, ich Odysseus..."
Von Sabine Horst - Neulich hat Nick seine erste Lateinarbeit zurückbekommen. Wir haben alle erleichtert aufgeatmet. Es war eine Zwei. Was freilich nicht nur an Nicks umwerfender Übersetzungskompetenz lag. Sondern auch an der Tatsache, dass er bei den Zusatzfragen gepunktet hatte: Was war das Zeichen für den Start des Wagenrennens im Circus? Und was zeigte die absolvierten Runden an?
Die Antworten hatte Nick aus "Ben Hur". Wie er überhaupt einen Großteil seiner klassischen Bildung aus Filmen bezieht. Filmen wie "Kampf der Titanen", "Quo Vadis", der Herkules-Serie oder "Troja". Filmen, die sich typischerweise dadurch auszeichnen, dass die Männer rasierte Beine haben und die meisten Namen auf –us oder -eus enden. Filmen, die man sicher nicht zu den Groß- und Hauptwerken der siebenten Kunst rechnen wird. Die aber, bei richtigem Einsatz, erstaunliche Lernprozesse einleiten können. Ganz zu schweigen vom Unterhaltungsfaktor. Breitwandepen mit tausend Statisten, Gladiatorenkämpfen und Monster-Fights können ein großer Spaß sein und echt schlau machen.
Nehmen wir mal "Troja" von Wolfgang Petersen. Ernsthaft betrachtet ist das natürlich ein ziemlicher Schinken. Der Film kriegt die Geschichte nicht auf die Reihe, räumt ganze Sagen-Stränge vom Tisch – hier sterben Leute, die in der Antike noch für x Sequels gut waren – und setzt bei jeder einzelnen Inszenierungsentscheidung auf Quantität statt Qualität: mehr Schiffe, mehr Truppen, mehr Haare, mehr Schmuck, mehr Blut, größere Taten und lautere Schreie als sonst irgendwo. Aber Nick saß mit offenem Mund davor. Und das hatte etwas mit diesem unverschämten Mehr zu tun: es war die schiere Exotik der Szenerie, der Ausstattung und der Bauten – Typen in Batikhemden mit Flechtfrisuren an Gipssäulen und Bronzetüren. Leute, die vollkommen anders aussehen als wir heute, die alles anders machen – sprechen, essen, lieben, beten und kämpfen.
Danach haben wir ein paar Freunden von Nick ausgewählte Szenen aus dem Film vorgeführt, und plötzlich hatten wir lauter neue Waffengattungen im Haus: Weg mit den "Star-Wars"-Lasern, her mit Pfeil und Bogen, Kurzschwert und Schild. Komplizierte Namen machten die Runde: Du wärst Achilles, ich Odysseus… Poseidon, gib mir Kraft, Athene zu mir… wo bleiben deine Myrmidonen? Die Schlacht wurde noch lebhafter, nachdem wir Microsofts "Age of Mythology" als Brettspiel eingeführt hatten, und ägyptische Priester und Sphingen, nordische Walküren und Nidhoggs (immer noch keine Ahnung, was das ist: sieht aus wie ein Krokodil mit Flügeln) auf den Plan zogen.
Wir haben nach dem "System Hollywood" inzwischen ganze Kulturkreise und Geschichtsepochen erschlossen. Nick ist klar, dass ein trojanischer Aristokrat das Missing Link zwischen Kleinasien und der latinischen Kultur ist ("Äneas, Held von Troja"), er kann zwischen einer Republik und einer Diktatur ("Julius Cäsar") differenzieren, weiß, dass es in Rom schon mehrstöckige Mietshäuser gab und die Armee nicht in die Stadt durfte – für Ordnung sorgte die Prätorianergarde ("Gladiator"). Dass die Römer schließlich von den Barbaren überrannt wurden, findet Nick überhaupt nicht richtig – er hat die mediterranen Hochkulturen ins Herz geschlossen. Und das Filmegucken – ja, wir geben zu: "Troja" war ein pädagogischer Trick, nachdem es uns nicht gelungen war, den alten Gustav Schwab ans Kind zu bringen – hat schließlich zu einem heftigen Leseschub geführt. Einmal auf dem Heldentrip, wollte Nick es noch genauer wissen und hat Franz Fühmanns Prosaübertragungen der griechischen Sagen, von der "Titanenschlacht" bis Odysseus, durchgearbeitet. Die kann ich als flankierende Maßnahme nur dringend empfehlen – anspruchsvoller Stoff.
Ein paar Warnhinweise zum Schluss… "Quo Vadis", der Klassiker mit Peter Ustinov als durchgeknalltem Kaiser Nero dümpelt zwei Stunden lang eher unaufgeregt dahin. Und wird am Ende sehr drastisch: Wenn Rom brennt und schließlich die christlichen Märtyrer in der Arena von Raubtieren gefressen werden, hat das einen gewissen Realismus – man sieht verstümmelte Körper, Leichenteile im Sand. Nichts für sehr Sensible. Beim "Gladiator" (in der Kinoversion ab zwölf, der Director’s Cut ist ab 16) würde ich sagen: unbedingt vortesten – ob Ihr Kind die hektisch geschnittenen Kampfszenen "lesen" und einordnen kann, müssen Sie entscheiden. Ein No-Go unter den modernen Sandalenfilm ist die überraschend erfolgreiche Comicverfilmung "300" – Rassismus in Tateinheit mit Schwulenhass, wenn Sie mich fragen. Und sowieso und richtigerweise ab 16. Wenn es unbedingt die Schlacht bei den Thermopylen sein muss, greifen Sie lieber zu Rudolph Matés "Der Löwe von Sparta" von 1962.
Die Antworten auf die Lateinfragen sind übrigens: Das Wagenrennen beginnt, wenn der Senator oder ein anderer römischer Chef sein Taschentuch fallen lässt. Und es sind metallene Fische, an denen man den Rundenstand ablesen kann.
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Kommentare
RE: "Du wärst Achilles, ich Odysseus..."
Wenn Kinder sich für griechische Mythologie interessieren, dann muss man nicht gleich mit Gustav Schwab anfangen. Die Hörbücher von Dimiter Inkiow sind einfach genial und werden wieder und wieder gehört.