Geschüttelt, nicht gerührt

Von Sabine Horst - Was ist eigentlich aus den Filmen für die kleinen Kinder geworden? Gibt es nichts Kuscheliges, Lehrreiches oder Unterhaltendes, das sich ein Sechsjähriger im Kino ansehen könnte? Und was treibt einschlägig erfahrene Firmen wie Disney und Pixar um - was verstehen die heutzutage unter einem "Familienfilm"? Gerade haben mein Sohn Nick und ich den 3D-Hit "Oben" nachgearbeitet. Was man den Kritiken so entnehmen konnte, war, dass es sich dabei um einen Film der Kategorie allgemeinverträglich, eher nett und nachdenklich handelt. Fängt ja auch beschaulich an. Hübsch altmodisch die Bildwelt, trotz moderner Animationstechnik. Ernsthafte Konflikte – um einen gebrechlichen alten Mann, der einem ungelebten Traum und seiner verstorbenen Frau nachtrauert, und einen übergewichtigen Jungen, für den keiner so richtig zu sorgen scheint. Knuffige, verletzliche und ein wenig beschädigte Typen sind das – Leute, um die man wirklich Angst haben muss.

Diese beiden nun setzt der Film mitsamt einem schwebenden Haus, das sie bereits durch einen Blizzard transportiert hat, nach einer halben Stunde in einer gottverlassenen Gegend aus, zwischen kilometertief abfallenden Klippen und dunklen Höhlen. Verfolgt von einem misanthrophischen Spinner, der eine Meute von Bluthunden kommandiert. Der Showdown spielt in und auf einem Luftschiff, dauert gefühlte zwanzig Minuten und schleudert unsere sympathischen Helden von einer lebensgefährlichen Situation in die nächste: Wham! – die Treppe runter, bam! – gegen die Wand, zack – 'rauf, zing – 'runter. Also: Schneewittchen lebt hier nicht mehr. Eher schon erinnert dieses Universum an einen Neunziger-Jahre-Action-Kracher. Man würde sich nicht wirklich wundern, wenn plötzlich der Sylvester Stallone aus "Cliffhanger" – "es war Nasenbluten und Kopfschmerz" – in der Kulisse auftauchte. Nick ist zehn und steckt so was weg. Aber die kleineren Kinder im Kino haben vor Erleichterung geschrien, als es dem Team mit der Gehhilfe und den Schokoriegeln endlich gelang, den Schurken ins Bodenlose zu schubsen.

Ich habe das Kino eher geschüttelt als gerührt verlassen und mich gefragt, ob das wirklich so ist: dass sich im Familienfilm, auch und gerade unter den geprüften Labels, die Standards erheblich verschoben haben. Natürlich stecken unsere Märchen und Sagen voller gewalttätiger Momente, und ich wäre die Letzte, die die Geschichte vom Trojanischen Krieg aus dem Bücherschrank verbannen würde. Auch im Kinderkino und besonders in den Zeichentrickklassikern von Disney hat es immer fiese, miese und furchtbar traurige Szenen gegeben – für mich waren das der Waldbrand in "Bambi" und die zickigen Siamkatzen in "Susi und Strolch". Doch seit wir mit Nick ins Kino gehen, ist echt Achterbahn angesagt. Aus dem "Kleinen Eisbären", den wir eigentlich für total safe hielten – wir kannten die Bücher –, mussten wir mit unserem Sohn raus, als das schwarze Monsterschiff zu wummerndem Sound den Titelhelden verfolgte. "Findet Nemo" hat Nick nach einer halben Stunde abgebrochen – "ist mir zu spannend". Kein Wunder, der Kassenschlager fängt mit einem Massenmord an – erinnern sie sich an die Muräne, die den kompletten Clownsfisch-Laich frisst? - und geht mit einer Kindesentführung weiter. Klar haben wir Nick darauf aufmerksam gemacht – das halten wir für ein Basic verantwortungsbewusster Medienerziehung –, dass jedes elektronische Gerät einen Aus-Schalter hat und jedes Kino eine Tür, durch die man es verlassen kann. Aber, mal ehrlich, der Sinn der Sache kann das auf Dauer ja nicht sein.

Alle Filme, von denen ich hier spreche (außer dem Stallone), sind ohne Altersbeschränkung gelaufen. Das heißt: Die FSK rät nicht unbedingt zu – Altersfreigaben sind keine Empfehlungen -, signalisiert aber Unbedenklichkeit. Wahrscheinlich, und das weiß die FSK natürlich auch, sind es gar nicht mal so sehr die Themen und Motive, die an diesen Filmen beunruhigend wirken. Es ist die Machart. Es ist das Tempo, der schnelle Schnitt, es sind die fingierten Reißschwenks und Zooms. Das Kino kann heute, technisch gesehen, fast alles; es ist, mit oder ohne dreidimensionale Effekte, sehr leicht geworden, Angst und Schrecken zu verbreiten, Thrills zu erzeugen. Und manchmal scheint es, als wäre ein Kinobesuch nichts mehr wert ohne den verschärften Adrenalinausstoß, ohne dieses Gefühl, durch die Mangel gedreht worden zu sein. "Pettersson und Findus" ist für Nick nicht die Lösung. Aber wenn Sie kleinere Kinder haben, schauen Sie doch mal, was dieser alte Mann und seine Katze so treiben.
 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4 (1 Bewertung)

Kommentare

RE: Geschüttelt, nicht gerührt

Die Filme die Heute gemacht werden auch in den Zeichentrick-Studios sind Gewalttätiger als früher,und sie gehen auch viel mehr in den bereich Okkultismus.Möchte damit Sagen das Tom&Jerry auch Popeye Gewaltverheerlichent sind aber es war würde ich mal Sagen weniger,und damit bin ich der Meinung das Zeichentrickfilme lustig sein sollten aber nicht Gewalttätig.

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