In Piratengewässern

Von Sabine Horst - Wie unterhält man einen Zwölfjährigen, der schon alles gesehen hat?  Einen Jugendlichen, der Computer nicht nur benutzt, sondern auseinanderbaut und wieder zusammen. Der LAN-Partys veranstaltet und natürlich weiß, dass es so was wie dubiose Games gibt, wobei er gerne im Vagen lässt, wo er selbst schon Hand angelegt hat. Wenn Tim zum Buch greift, dann ist es "Harry Potter", weil er die Filme kennt. Und wenn er ins Kino geht, muss Action drin sein – am besten, es steht "Will Smith" drauf.

Tim ist der Cousin unseres Sohnes Nick, 8. Als er zum ersten Mal übers Wochenende bei uns war und es anfing zu regnen, dachten wir, das könnte jetzt schwierig werden. Unsere PC-Spiele waren kalter Kaffee, Schach und Mühle irgendwann auch durch. Und wenn es ein Film sein sollte, dann bitte einer, den Nick mitgucken könnte – "I am Legend" oder "The Day After Tomorrow" kamen nicht in Frage.

"Ich mach das schon," sagt Nick plötzlich, merkwürdig zuversichtlich. Und schiebt eine Kassette in den Videorekorder. Ja, eine Kassette, eine gute alte VHS, reichlich angemackelt, die Handschrift auf dem Etikett längst verblasst. Es fängt an zu rauschen und zu ruckeln, eine Dame mit Fönwelle und Schluppenbluse macht die Ansage. "Nee", sage ich, "'Der rote Korsar'? Das ist nicht Dein Ernst!" Tim guckt vorsorglich gelangweilt. Dann schwingt sich Burt Lancaster als Kapitän Vallo durch die Takelage eines Zweimasters, pumpt seine schön modellierte Brust auf – das Wort workout gab es damals doch noch gar nicht – und grinst in die Kamera: "Alle Mann an Deck! Ihr seid zur letzten Reise des Roten Korsaren geschanghait worden. Er hat sie vor langer Zeit im karibischen Meer unternommen… auf einem Piratenschiff, in Piratengewässern, in einer Piratenwelt. Stellt keine Fragen, glaubt nur, was Ihr seht … Nein, glaubt nicht einmal die Hälfte davon!" Fünf Minuten später, die erste große Prügelei hat gerade angefangen, ist der Nachmittag gerettet. Zwei Kinder und zwei Erwachsene sitzen vor dem Fernseher und gucken einen bonbonbunten Film aus den fünfziger Jahren, in dem ein Typ in gestreifter Stretchhose taucht, turnt und tanzt. Als wir ausschalten, sagt der Zwölfjährige, der schon alles gesehen hat: "Cool." Mehr nicht.

Hat aber gereicht. Wenn Sie mich fragen: Ich glaube seitdem nicht mal mehr die Hälfte von dem, was über das Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen heute so behauptet wird. Ich glaube nicht mehr, dass man Stormtroopers mit Laserwaffen schicken oder das Empire State Building in die Luft sprengen muss, um die Aufmerksamkeit minderjähriger Mediennutzer zu binden.

Der "Rote Korsar" ist immer ein Lieblingsfilm von Nick gewesen; er hat ihn mindestens zwanzigmal geschaut, von vorne, von hinten, als Best-of in Ausschnitten – so lange, bis er Kapitän Vallos stummem Kumpel Ojo die unausgesprochenen Worte vom Gesicht ablesen konnte. Und wir haben ihn an anderen Kindern getestet, an Nicks Peer Group, die ihre Freizeit normalerweise mit Bluetooth-Handys und Wii-Konsolen verbringt. Hat ganz gut funktioniert. Vielleicht, weil in der Geschichte um den Piratenkapitän, der auf einer sonnenbeschienenen Insel für die Freiheit einer kleinen Fischer-Community kämpft, einfach alles steckt. "Der rote Korsar" erzählt davon, wie man Partei ergreift. Wie lächerlich die Macht aussehen kann, wenn man sich weigert, sie ernst zu nehmen. Dass Rollenmuster durchlässig sind und ein Mann auch in Leinenschläppchen und Goldbrokat tapfer sein kann. Es ist ein Film voller Action, voller Energie und Tempo. Ein Abenteuer eben. Ein Aufbruch in Piratengewässer. Und wenn man aus Kindern solche Piraten machen könnte, die unsere Bilderwelten nach ihren Bedürfnissen plündern – egal auf welcher "Plattform", egal, ob es Mainstream ist oder pädagogisch zertifiziert –, dann wäre das doch was.

Den "Roten Korsaren" von Robert Siodmak (USA 1952)  gibt es natürlich inzwischen auf DVD (Warner Home).

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Kommentare

RE: In Piratengewässern

Stimmt - unter den Top 10 der am meisten geliehnen DVDs meiner Schulbibliothek - Grundschule - sind der Zeichentrickfilm "Die kleine Hexe" und "Pinguine in der Antarktis". Gut, Tiere ziehen ja immer. :-) Klar, es ist auch sowas wie "Shrek" oder "Ice Age" da...
Ad Astra

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