Die Wunschmaschine
Von Sabine Horst - Kleopatra, das wissen wir aus den "Asterix"-Heften, hatte einen Vorkoster, der ihre üppigen Mahlzeiten, bis runter zum Dessert, auf Gift testete. Unser Sohn Nick hat einen persönlichen Kino-Vorkoster – mich. Wenn wir unsicher sind, ob ein Film was taugt, gehe ich erstmal alleine gucken. Dann können wir auch besser abschätzen, welche Freunde Nick mitnehmen kann – es gibt schließlich sehr unterschiedliche Toleranzschwellen, und man möchte ja nicht mit fünf Kids samt Popcorneimern nach zwanzig Minuten das Kino verlassen.
Bei Robert Rodriguez muss man sagen: ein bisschen Medienerfahrung sollten die Zuschauer mitbringen. Schon deshalb, weil die Geschichte seines Spielfilms "Das Geheimnis des Regenbogensteins", der jetzt bei uns anläuft, in einzelne, nicht chronologisch arrangierte Episoden aufgelöst ist - um den Plot am Ende richtig zusammenzubringen, muss permanent mitkombiniert werden. Der junge Protagonist, Toe Thompson, lebt in einer sehr amerikanischen Kleinstadt namens Black Falls. Einer Stadt, die am Draht hängt: Der größte Arbeitgeber hier ist die Firma Black Box Industries, die das ultimative Techno-Spielzeug entwickelt hat – eine Kombination aus I-Phone, Gameboy, Staubsauger, Toaster, Babyfon… nun ja, aus ziemlich allem, was das Leben angeblich schneller, komfortabler und unterhaltsamer macht.
Toe kann damit ebenso gut umgehen wie mit der Fernbedienung, mit deren Hilfe er sich durch sein eigenes Leben zappt. Das Leben eines eher schmächtigen Jungen mit Köpfchen und gigantischer Zahnspange, der von einer Bande halbstarker Schüler um die Industriellentochter Helvetica Black gemobbt wird. Als Toe wieder einmal auf der Flucht vor dieser Gang ist, fällt ihm etwas in den Schoß, das viel wirkmächtiger ist als jedes menschengemachte Gadget: ein bunter, durchscheinender Stein, der Wünsche wahr werden lässt. Wobei der Stein es ablehnt, das Gestammel der Wünschenden anders als wörtlich zu verstehen – man muss sich schon sehr präzise ausdrücken, um zu kriegen, was man möchte. Wenn man das überhaupt so genau weiß.
Jedenfalls kommt es bei der Interaktion Mensch-Stein zu Missverständnissen. Ziemlich cool sind noch die winzigen Marsmännchen, die Toes Zähne in Ordnung und die Mobber auf Trab bringen. Nicht mehr ganz so cool wirken die Schlangen und der Monsterpopel, die ein paar Jungs aus der Nachbarschaft versehentlich auf den Plan rufen. Während die Kinder von Black Falls noch rätseln, ob man mit Hilfe des Supertools aus dem All die Klimaerwärmung rückgängig machen oder den Weltfrieden herstellen könnte, greift der Elektronikunternehmer Black nach der Macht. Und die kleine Stadt versinkt im Chaos.
Eigentlich ist Robert Rodriguez – auch das vielleicht ein Grund zum Vortesten – ein Regisseur, der genau weiß, was man machen muss, um KEINE Jugendfreigabe zu bekommen: Mit Quentin Tarantino hat er blutige Horror- und Actionkracher produziert. Darüber hinaus aber ist Rodriguez ein hingebungsvoller Vater von fünf Kindern. Und für die gestaltet er so was wie ein familieneigenes Mitmachprogramm: Bei seinen sicher nicht ganz billigen Homemovies – vielleicht kennen Sie die "Spy Kids" – erledigt er Drehbucharbeit, Kamera, Schnitt und Musik gerne selbst. Und die Rodriguez-Kinder, die so zauberhafte Namen tragen wie Rebel und Racer, tauchen nicht nur in Nebenrollen auf, sondern liefern Ideen – wie die, den Film in Sprüngen zu erzählen. "Wenn mir meine Kids etwas Lustiges zeigen wollen, das sie im Fernsehen gesehen haben," sagt Rodriguez, "verwenden sie den schnellen Vorlauf des Videorecorders, um die guten Szenen anzusteuern, und dann saust die Story an mir vorbei".
Das kenne ich irgendwoher. Wenn Sie mich fragen: "Das Geheimnis des Regenbogensteins" ist ein ziemlich schneller, auf befreiende Weise alberner und sehr zeitgenössischer Film geworden – mit jungen Helden, die sich durchaus in der Mediengesellschaft bewegen können. Es ist aber auch ein Film, der dafür wirbt, den Supertools des 21. Jahrhunderts den ihnen angemessenen Platz zuzuweisen: Der Zauberstein löst so wenig Probleme wie irgendeine von der Elektronikindustrie erfundene „Black Box“. Und ein schlichtes Unplugged-Spiel wie "Wer blinzelt zuerst?" kann spannender sein als jedes PC-Game. Mal schauen, ob diese Botschaft den Geschmack meines Sohnes trifft.
Das Geheimnis des Regenbogensteins, USA 2009, Regie: Robert Rodriguez. Mit: Jimmy Bennett, Kat Dennings, William H. Macy, Jon Cryer, James Spader. Ab 1.10. im Kino, FSK: 6, ff.
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