Philipp Melanchthon: "Den Glanz der Künste und Wissenschaften mehren"
Philipp Melanchthon als glühender Humanist traute dem Menschen und der Bildung viel zu. Friedrich Schorlemmer fragt, was uns Melanchthon im Jahr 2010 zu bedenken gibt - und wie Bildung auch die dunkle Seite des Menschen erreichen kann.
| Den Glanz der Künste und Wissenschaften mehren I. Menschenbildung und kulturelle Bildung - von der Heiligkeit des Lehrens und Lernens II. Was von Melanchthons Ansätzen bedenkenswert bleibt Ganzer Aufsatz als PDF-Datei: mehr |
I Menschenbildung und kulturelle Bildung - von der Heiligkeit des Lehrens und Lernens
Der folgende Text ist die leicht überarbeitete Fassung der Rede, die der Publizist Friedrich Schorlemmer zum 450. Todestag von Philipp Melanchthon am 19. April 2010 in Wittenberg gehalten hat. Der Artikel wurde zuerst veröffentlicht in "forum Erwachsenenbildung" 1/2010 der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung e.V. (mehr).

Ein 21-Jähriger kommt nach Wittenberg
Was da heute als Tageslosung "ausgelost" worden ist, passt trefflich zu Melanchthon. "Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten" (Jesaja 1,17). In dieser kleinen Stadt hat dieser kleine Mann, der 1,50 Meter groß war, Großes bewirkt.
1,50 Meter! Und mit soviel innerer Energie ausgestattet, aber er hat wohl im Unterschied zu Luther zu wenig Bier getrunken. Deswegen ist er ein bisschen trocken. Bei Luther war das anders. Schon wegen des Sinngenusses. Er ist ein völlig anderer Typ.
Da kommt so ein ganz kleiner Wicht hierher nach Wittenberg, hält mit 21 Jahren - also was heißt hier Juniorprofessor heute? - eine atemberaubende Vorlesung, ist so klein, so schmächtig und hat einen Sprachfehler ...

Das Gemeinwesen als Laterne, die himmlische Lehre als das Licht
Er entwickelt sein wissenschaftliches Programm. Größe bemisst sich eben nicht an Körpergröße. In seiner späteren Rede, zur ersten feierlichen Promotion von Doktoren der Theologie in Leipzig 1543, sagte er - nein, er sagte es nicht: Er war der Redenschreiber für den Hebraisten dort. Das gab es damals auch schon. Er selbst hat die Rede dort nicht gehalten - aber der sie gehalten hat, hat großen Applaus bekommen. Er galt dem Autor aus Wittenberg! Wir müssen uns einmal vorstellen: Unsere Politiker hätten heute solche Redenschreiber!
Er ließ durch den Hebraisten Burkhard Ziegler u. a. sagen:
"Wenn ich über das gemeinschaftliche Leben nachdenke und mir nachts zuweilen ein Diener mit einer leuchtenden Laterne vorangeht, dann kommt mir oft in den Sinn, daß die Gemeinwesen der Laterne gleichen, die himmlische Lehre aber dem Licht. Und wie die Laterne bei Dunkelheit ohne Licht nutzlos ist, so sind auch die festen Mauern der Städte unnütz, wenn die Erkenntnis Gottes und die Lehre von den guten Dingen erlischt."
Also, was nutzt es, wenn wir uns äußerlich schützen und drinnen ist nix.
"Groß und bewundernswert ist Gottes Schöpfungswerk, jedoch nicht weniger die Wohltat, daß er sich selbst enthüllte und zu den Menschen kam und sich freundlich mit uns unterhielt."

Erkennen, dass sich Gott freundlich mit uns unterhält
Melanchthon versteht die ganze Schrift, den Kanon der Bibel als eine freundliche Unterhaltung Gottes mit den Menschen! Deswegen sagt er: "Wir sind dazu geboren, zum wechselseitigen, Erkenntnis fördernden, freundlichen Gespräch."
Man braucht also, um im Bild zu bleiben, funktionierende Gehäuse für das Licht, dass es leuchten kann, aber die Gehäuse sind nicht das Licht.
Das Studium der Schrift, also der überlieferten Zeugnisse, die in jeder Generation neu angeeignet werden, angeeignet werden müssen, weckt die Erkenntnis, dass Gott sich freundlich mit uns unterhält. Ja nun, in welcher Sprache hat er das denn gemacht?
Da sind wir schon bei dem Problem, das Philippus sein Leben lang bewegt hatte: Welches ist die richtige und zutreffende Sprache, wie lernen wir richtig sprechen und wie hilft die Sprache uns, exakt Wirklichkeit so wiederzugeben, dass sie der Wirklichkeit nahe kommt und zwar so, dass wir erst einmal erkennen, was ist und nicht zuerst fragen, "Was können wir damit machen?", sondern "Was ist es eigentlich?"
Auch der Mensch soll zunächst nach sich selbst fragen. Deswegen das Grundstudium, das wir heute wieder haben, aber nur ganz anders gedacht, nämlich so, dass alle Studenten vorher die sogenannten "schönen" Künste als erstes lernen müssen, bevor man zu den praktischen Wissenschaften kommt.

Wissenschaft und Kunst als humanisierende Kräfte
Er wollte den Glanz der Künste und Wissenschaften mehren. Auch das wie ein Euphemismus, so wie man heute sagt: Man kann es noch vervollkommnen, man kann es noch verbessern, oder wir sind schon gut aufgestellt, aber wir sind noch nicht da, wo es hin soll.
Melanchthon aber hat damit gemeint: den Glanz der Künste und Wissenschaften mehren, ja, - aber es war nichts da, er hat nichts gemehrt, aber gesagt, das muss gemehrt werden und nicht etwa: Wir wollen es noch besser machen, als es schon ist.
Geradezu unerschütterlich glaubt Melanchthon an die humanisierende Kraft von Wissenschaft und Kunst. Insbesondere von der Weite und Tiefe des klassischen griechisch-römischen Denkens und der Aneignung der biblischen Zeugnisse war er überzeugt. Melanchthon greift, wie in der Renaissance üblich, auf die sieben schönen Künste zurück, die der Erkenntnis und nicht der Verwertung dienen.
Weil das so ist, also weil diese Wissenschaft und Kunst in ihrer weiteren Tiefe erfasst werden müssen, deshalb gilt es: Zurück zu den Quellen!

Bildung führt den Menschen zu sich selbst, zueinander und zu Gott
Von jüdisch-christlicher Tradition ebenso geprägt wie von griechisch-römischer Sprachkultur und Bildung hatte Melanchthon die Bildung des Menschen an die erste Stelle gesetzt und das ausgehend von seinem Onkel Reuchlin, einem der großen humanistischen Denker. Aber das war ja alles in einer Gegend Deutschlands, die sich ohnehin für gebildet hielt. Alles, was nördlich des Mains war, galt ja denen, die südlich waren, sowieso schon als barbarisch. Aber dann auch noch östlich der Elbe, also Wittenberg, es muss für ihn schon ein unglaublicher Akt gewesen sein, aus der Kulturgegend Deutschlands hierher in den barbarischen Nord-Osten zu kommen. Das ist ja auch so geblieben.
Also die Bildung führt den Menschen zu sich selbst, zueinander und zu Gott. Und Bildung ist weit mehr als Wissen, gar mehr als das Handhabbare, das intellektuelle und das instrumentelle Wissen.
Für Melanchthon gibt es auch noch nicht die später einsetzende Unterscheidung von Natur- und Geisteswissenschaften. Er hatte immer das Ganze der Wirklichkeit im Blick, was sich insbesondere in seiner Vorlesung über das Herz zeigt. Ein Theologe, der eine wissenschaftliche Vorlesung über das Herz hält, also das ist heute undenkbar. Und dann darüber, was das Herz für den Menschen bedeutet, und zwar mehr, als das, was heute der Kardiologe dabei sich denkt. Jene verheerende Trennung, insbesondere seit dem sich durchsetzenden Subjekt-Objekt-Schema des Descartes, war noch nicht vollzogen.

Die Schule als Veredelungsanstalt
Melanchthon sieht die Schule als eine Art Paradies an und der lernende Adam, der da anfängt im Paradies - was macht der als Erstes? Er gibt den Dingen erst einmal einen Namen. Also wenn ich Pferd sage, dann weiss der andere auch: aha, Pferd. Dann erst lässt sich überhaupt etwas verabreden, erst wenn man es sprachlich benennt und dann auch kategorisiert. Die Eiche und der Baum - das ist ja dann das große philosophische Problem später zwischen den Realisten und den Nominalisten, also was ist wichtiger: der Baum oder die Eiche? Also das Abstraktum für alle Bäume, oder diese Eiche dort?
In der Politik und in der Ethik dann später: Sind wichtiger die Menschen oder der Mensch? Und eine Gesellschaft, die die Menschen und die Menschheit erlösen will, macht es immer auf Kosten des Menschen. Aber eine Gesellschaft, die nur den Menschen als einzelnen will, vernachlässigt die Gemeinschaft, in der wir schließlich auch füreinander verantwortlich sind, wo nicht jeder nur fragen kann, wie er nur zu seinem Recht kommt.
Also Adam ist der glücklichste Mensch, sagt er. Wenn Melanchthon von der Jugend als dem Saatgut des Staates spricht, so versteht er sich selbst als jemand, der im Seminar mit jungen Leuten tätig ist. Und Seminar bedeutet schließlich nichts anderes als Pflanzschule oder Baumschule, also die kunstvolle Veredlungsanstalt (lat. seminare: Säen). Kunstvoll einander veredeln, so dass dann also nicht die Wildkirsche, sondern diese richtig schöne große saftige Sauerkirsche draus wird.
Kant hatte später einmal formuliert: "Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das erzogen werden muss. Unter Erziehung nämlich verstehen wir die Wartung, Disziplin und Unterweisung nebst der Bildung. Demzufolge ist der Mensch Säugling, Zögling und Lehrling."

Vernunft lernen für das menschliche Überleben
Säugling - Zögling - Lehrling! "Die Tiere gebrauchen ihre Kräfte, sobald sie diese nur als solche haben, regelmäßig, das heißt in der Art, daß sie ihnen nie selbst schädlich werden. Ein Tier ist schon alles durch seinen Instinkt. Eine fremde Vernunft hat bereits für dasselbe gesorgt." Also eine Vernunft steht dahinter, dass das so ist.
Der Mensch aber braucht eine Vernunft. Das Problem, das Melanchthon auch schon erkannt hat, ist, dass der Mensch einige Instinktgebundenheit verloren, aber noch nicht genug Vernunft dazu gewonnen hat. Wir Menschen sind einerseits noch ganz Naturwesen, andererseits schon Vernunftwesen.
Wir Menschen im 21. Jahrhundert wissen wohl, dass Bildung eine lebensdienliche und orientierende, eine Gefahren anzeigende und Grenzen setzende Boje ist, aber eben keine Garantie gegen Barbarei abgibt. Tiere sind natürlicherweise so konditioniert, dass sie instinktmäßig sich so verhalten, dass der Lebenskreis, in dem und von dem sie leben, erhalten bleibt. Der Mensch, der die Maßstäbe vorloren hat, verliert auch die Mehr-Generationen-Perspektive. Seine Bildung ist allenfalls eine Boje, aber keine Garantie gegen Barbarei, also gegen Stranden und auf Grund laufen.
Der Öltanker in den Korallenriffen vor Australien ist nur ein Symbol für eine verfahrene Wirklichkeit, für eine alle Bojen überfahrendes Verhalten gegenüber der Natur, die vom Menschen - gedankenlos vernutzend und an Eigeninteressen fixiert - beherrscht und dabei zerstört wird.
Wir sprechen jetzt schon von großem Glück bei diesem Tanker. Doch die Korallenriffe brauchen trotz der Verhinderung "des Schlimmsten" zwanzig Jahre, mindestens, bis sie sich wieder erholt haben. Wie aber wäre es gewesen, wenn der Tanker auseinandergebrochen wäre? Und der Kapitän kriegte eine Strafe von 20.000 Euro. Das sind die Dimensionen struktureller Verantwortungslosigkeit.
Wir wissen wohl, wie Kunst den Menschen veredeln kann, wie aus Natur Kultur wird und die Kultivierung im Grunde ein weiser Umgang mit der Natur ist. Kultivierung ist weiser Umgang mit der Natur unter Berücksichtigung der Gesetze der Natur, sie erkennend und dann nutzend.

Der bewusste Entschluss, erwachsen und mündig zu werden
Christa Wolf reflektierte 1972 in ihrem großen Essay "Lesen und Schreiben" über die humanisierenden Wirkungen von Prosa. Sie schreibt:
"Aber um einen innersten Verdacht auszusprechen: Vielleicht liegt den Menschen, die heute da sind, nicht wirklich - oder nicht genug - daran, als Gattung zu überleben; vielleicht genügt ihnen die Aussicht auf ein relativ ungestörtes Dasein für eigene Lebensdauer? ...
In der Natur der Dinge oder in der biologischen Natur des Menschen liegt der Humanismus nicht. Er wird uns nicht angeboren. Jedes Individuum muss neu erkennen, was die Gesellschaft in Jahrtausenden als höchste, mühsamste, am meisten gefährdete Leistung hervorgebracht hat. Kein Instinkt verbietet ihm, wie den meisten Tierarten, die Tötung der Artgenossen... Werden die fünf oder sechs Milliarden Lebewesen, die um das mysteriöse Jahr 2000 herum aller Wahrscheinlichkeit nach die Menschheit repräsentieren werden, Lebensformen finden können, auf die das altmodische Wort "brüderlich" passt? ...
Die bürgerliche Ideologie hält den stromlinienförmig konstruierten Menschen für unvermeidlich, der der Technik den geringsten Widerstand entgegensetzt, unbegrenzt anpassbar, unbegrenzt austauschbar ist, dem Freude und Trauer aus mechanischen Reizungen bestimmter Gehirnpartien zufließen; dem schließlich auch Leben nur noch als ein großes ALS OB - zugänglich ist: Klischees konsumieren, zwischen künstlichen Reizen existieren, die man sich selbst verschreibt. Dies, ein geschichtsloser Zustand, wäre zugleich das Ende der Geschichte, das Ende jeder Bindung der Menschheit an ihre Wurzeln und jeder Hoffnung auf eine Zukunft. ...
Prosa soll versuchen, den Kontakt der Menschen mit ihren Wurzeln zu erhalten, das Selbstbewusstsein zu festigen, das so labil geworden ist, daß in hoch technisierten Ländern viele Menschen in den Selbstmord oder in die Sackgasse der Neurosen flüchten. ...
So bleibt der schmale Weg der Vernunft, des Erwachsenwerdens, der Reife des menschlichen Bewusstseins, der bewusste Schritt aus der Vorgeschichte in die Geschichte. Bleibt der Entschluss mündig zu werden..." (Christa Wolf, "Lesen und Schreiben", Aufsätze und Betrachtungen 1972, Seite 220 ff.)

Kulturelle Bildung bietet keine Garantie
Wir mussten mit großem Erschrecken zur Kenntnis nehmen, dass die Musik Mozarts im Hause des kinderliebenden Rudolf Höss, des Lagerkommandanten von Auschwitz, eine große Rolle spielte. Und der Massenmörder Karadzic ist von Beruf Psychiater und Lyriker, ein fromm-orthodoxer dazu, der auch noch nach seinen Verbrechen den höchsten Orden seiner serbisch-orthodoxen Kirche für seine geistliche Lyrik bekommen hatte. Deutsche Soldaten in der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts hatten Hölderlin und Nietzsche im Tornister. "Der Pianist", jener so tief bewegende Film um das Warschauer Ghetto, macht das ganze Dilemma menschlicher Existenz unter Extrembedingungen deutlich.
Kultur ist eine Boje, keine Garantie. Und Kultur heißt nicht, Sinfonien gehört und viele gelehrte Bücher gelesen zu haben. Kultur ist eine Lebensform; sonst gerät sie zur tödlichen Schizophrenie.
Max-Frisch schrieb 1948 in Hamburg in sein Tagebuch: "Der Begriff Kultur - eine der großen, dringenden Fragen, die mich immer wieder beschäftigt haben. Eines geht sicher nicht, daß man Kultur reduziert auf Kunst, daß ein Volk sich einredet, es habe Kultur, weil es Sinfonien hat.
Zu den entscheidenden Erfahrungen, die unsere Generation, geboren in diesem Jahrhundert, aber erzogen noch im Geiste des vorigen, besonders während des Zweiten Weltkrieges, hat machen können, gehört wohl die, daß Menschen, die voll sind von jener Kultur, Kenner, die sich mit Geist und Inbrunst unterhalten können über Bach, Händel, Mozart, Beethoven, Bruckner, ohne weiteres auch als Schlächter auftreten können; beides in gleicher Person.
Nennen wir es, was diese Menschen auszeichnet, eine ästhetische Kultur. Ihr besonderes, immer sichtbares Kennzeichen, ist die Unverbindlichkeit, die säuberliche Scheidung zwischen Kultur und Politik, oder: zwischen Talent und Charakter, zwischen Lesen und Leben, zwischen Konzert und Straße. Es ist eine Geistesart, die das Höchste denken kann (denn die irdische Schwere werfen sie einfach über Bord, damit der Ballon steigt) und die das Niederste nicht verhindert, eine Kultur, die sich strengstens über die Forderung des Tages erhebt, ganz und gar der Ewigkeit zu Diensten. Kultur in diesem Sinn, begriffen als Götze, der sich mit unserer künstlerischen oder wissenschaftlichen Leistung begnügt und hintenherum das Blut unserer Brüder leckt, Kultur als moralische Schizophrenie ist in unserem Jahrhundert eigentlich die landläufige. ...
Wenn Menschen, die die gleiche Erziehung genossen haben wie ich, die gleichen Worte sprechen wie ich und gleiche Bücher lesen, gleiche Musik, gleiche Gemälde lieben wie ich - wenn diese Menschen keineswegs gesichert sind vor der Möglichkeit, Unmenschen zu werden und Dinge zu tun, die wir den Menschen unserer Zeit, ausgenommen die pathologischen Einzelfälle, vorher nicht hätten zutrauen können, woher nehme ich die Zuversicht, daß ich davor gesichert sei?" (Max Frisch, Tagebuch 1946-1949, Seite 239 ff.)

Bildung, Kultur und Politik müssen in Wechselwirkung kommen
Max Frisch schärft ein, dass Kunst mit Politik und mit dem realen Verhalten von Menschen als Menschen in der Polis zu tun hat. Politik darf nicht schlechterdings als das Niedrige, das Ordinäre, das Alltägliche verstanden werden, womit sich der geistige Mensch nicht beschmutzen soll.
Politik muss kulturvoll und die Kultur muss politikfähig sein und bleiben, wenngleich immer mit einem Überschuss. Kultur ist zuerst die gemeinschaftliche Grundhaltung jedes einzelnen Staatsbürgers. Bildung und Kultur können helfen zu entgröbern, zu sensibilisieren, empfindsamer und mitempfindungsbereiter, gewissensgeschärfter zu machen, gefahrenbewusstes Wissen schärfen, statt die Gefahr nur immer beim Feinde zu wittern.
Und so kann der Mensch durch das Studium der Geschichte, aber auch durch die Dramen der Literatur, die die Dramatik des Lebens aufgreifen, verdichten und vertiefen, etwas erkennen und dabei auch zur Herzensbildung beitragen. Übrigens gehört auch der Sport genauso dazu wie die Musik. Sport hilft nicht nur, das Herzinfarktrisiko zu vermindern, sondern ist auch Teil des Kampfes gegen die Herzensverhärtung, sofern Sport Fairness-Regeln enthält und einhält.
Wer in der DDR groß geworden ist, erinnert sich vielleicht an das berühmte Bild, auf dem Wladimir Iljitsch Lenin versonnen der Appassionata von Beethoven lauscht. Gorki berichtet in seiner Hommage auf Lenin davon, wie dieser einer Beethoven-Sonate lauschte und sagte:
"Ich kenne nichts besseres als die Appassionata, ich könnte sie jeden Tag hören. Eine erstaunliche, eine nicht menschliche Musik. Ich denke immer voller Stolz, der vielleicht naiv ist: was für Wunder können die Menschen vollbringen!" Und mit zusammengekniffenen Augen und einem kurzen Lachen fügte er nicht besonders fröhlich hinzu:
"Doch kann ich die Musik nicht oft hören, sie greift die Nerven an, man möchte liebevolle Dummheiten sagen und den Menschen die Köpfe streicheln... aber heutzutage darf man niemandem den Kopf streicheln - die Hand wird einem abgebissen, man muß auf die Köpfe einschlagen, mitleidlos einschlagen, obwohl wir, unserem Ideal nach, gegen jede Gewaltanwendung gegenüber Menschen sind." ( in: Gorki "Erinnerungen an Zeitgenossen", Suhrkamp Seite 212)

Menschliche Größe sehen - und das Dunkel in uns wahrnehmen
Melanchthon war, wie der gesamte Humanismus des 16. Jahrhunderts, mehr noch die Aufklärung des 18. Jahrhunderts sowie die humanistische Psychologie des 20. Jahrhunderts, so zuversichtlich, optimistisch und selbstgewiss, dass der Mensch für den Menschen das höchste Wesen sei und dass Literatur und Kultur überhaupt zu Entgröberung, zur Sensibilisierung, zur Gewissensschärfung, zur Herzensbildung, zu gefahrenbewusstem Wissen durch Geschichte - und Drama - führen würde.
Der große Zivilisationsbruch der Nazizeit mit Hitler, Goebbels und Himmler an der Spitze, aber auch die Großverbrecher Stalin, Mao und Pol Pot machen uns sehr viel zurückhaltender und demütiger im Blick auf das, was wir durch Zivilisierung wirklich erreichen können. Und doch bleiben Kunst und Kultur unersetzbare Mittel gegen das, was Melanchthon "Skytisierrung" nennt.
Um auf Luther und Melanchthon zurückzukommen: Im Streit zwischen dem humanistischen Menschenbild eines Erasmus und dem christlichen Menschenbild eines Luther liegen nicht Welten; es ist die eine Welt!
Wir sind gemahnt, das Dunkel, das in uns lauert, wahrzunehmen.
Luther sah den Menschen als Reittier, nicht als Reiter. Und fragte: Wer oder was reitet ihn? Wer oder was reitet uns?
Brechts Fragen aus der Dreigroschenoper bleiben,
"daß er vergessen kann,
daß er ein Mensch doch ist.
Denn wovon lebt der Mensch?
Von Missetat allein!"

"Wage es, weise zu sein!"
In diese menschliche Grund-Situation hinein sind die Einlassungen Melanchthons über den glückhaften Umgang mit der Jugend und ihrer Bildung, wie seine Leiden an den bildungsresistenten jungen Leuten zu sehen. Für Melanchthon hatte alles eine religiöse Dimension, zusammengefasst in einem Satz:
Gott und alles, was sonst gut ist, bekannt zu machen, den Glanz der Künste und Wissenschaften zu mehren, Wahrheit und Gerechtigkeit zu erforschen und zu verbreiten. Das ist die Heiligkeit des Lehrens und Lernens.
Keine Menschlichkeit ohne Mündigkeit, keine Mündigkeit ohne Bildung. Keine Wahrheit und kein Friede ohne die Fähigkeit zum Dialog - nach allen Regeln der Dialektik und der Rhetorik.
Kein Lernen aus der Geschichte ohne die Göttin der Erinnerung, die Mutter der Musen. Erinnerung aber gepaart mit Wahrhaftigkeit und Mut.
Sapere aude! Wage es, weise zu sein! Das war sein Wahlspruch. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. So übersetzt später Immanuel Kant diesen Wahlspruch der Aufklärung. Melanchthon hat einen vornehmen Platz in der Ahnengalerie der Aufklärung. Die europäische Aufklärung hat sein Erbe fortgesetzt und radikalisiert.
Ich komme auf den Anfang meiner Überlegungen zurück: Was bleibt von Melanchthons Ansätzen für eine zeitgemäße Menschenbildung bedenkenswert?

II. Menschenbildung: Was Melanchthon uns zu bedenken gibt
01. In jedem Lehrer muss die Liebe zur Wahrheit glühen, um den Schülern und Studenten Lust zu machen, die schönen Wissenschaften kennenzulernen.
02. Krieg und Gewalt sind immer Feinde der Wissenschaft.
(Deutschland war von jeher in den Waffen erfahrener als in den Wissenschaften gewesen. Sogar Karl der Große hatte, als er die Grenzen des römischen Reiches befriedet hatte, alles getan zur Hebung der Kultur)
03. Man soll sich mit den Quellen der europäischen Kultur, wie sie insbesondere durch die Griechen gelebt worden sind, beschäftigen, statt mit Epigonalem Zeit zu vertun.
"Schöpft die Quellen des Wissens", ruft er den Studenten zu, "lernt Mathematik, Poetik und die Redner, Grammatik, Dialektik, die Rhetorik, durch die man sich im Reden und Denken schult."
04. Eine Trennung in Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften ist dann misslich, wenn sie nicht von einer Philosophie überwölbt wird, wo Sittenlehre und Geschichte sowie die Göttin der Erinnerung einfließen, wenn man denn Menschen haben will, die ein Staatswesen richtig leiten können.
04. Bildung braucht die Kenntnis der Natur (also Wissen) und die Bildung des Charakters (also Selbstbildung). Dazu ist das Studium der Geschichte unentbehrlich.
Aus der Geschichte kann man erkennen, was schön, was hässlich, was nützlich und was unnütz ist.
06. Orientierungswissen ist nötig, um das auszuwählen was zu wissen nützlich ist und wie man das Wertlose aussondert. Dazu gehört ein großer Kraftaufwand, denn das Gute und Schöne sind gewöhnlich schwer zu finden und brauchen allen Eifer.
07. Jeder solle wagen zu wissen und alles zu tun, um der großen Not unseres Jahrhunderts zu wehren.
08. Bildung hilft einem Gemeinwesen, in seinen Sitten und dem allgemeinen Empfinden sanfter und gleichsam gezähmter zu werden - immer der Gefahr ins Auge sehend, durch barbarische Sitten verwildert zu werden oder irgendwie etwas Rohes zu atmen sich anzugewöhnen.
09. Eine allseitige und eine vertiefte Bildung zugleich sind Voraussetzungen für ein gedeihliches Zusammenleben in einem Gemeinwesen, das christlichen Grundsätzen entspricht.
10. Das Christliche bedarf immer der geistigen Weitung und der geistlichen Substanz.
Friedrich Schorlemmer, geboren 1944, ist evangelischer Theologe, Publizist und war aktiv in der oppositionellen Bürgerbewegung der DDR. Er erhielt 1993 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Weiterlesen
-
Ganzer Aufsatz als PDF-Datei: mehr
-
Reden, Aufsätze, Predigten von Friedrich Schorlemmer: mehr
-
Reformation und Demokratisierung
Werner Zager: Wie Martin Luthers Auftritt vor dem Reichstag zu Worms der demokratischen Idee den Weg bereitet hat - mehr -
Demokratisierung der Bildung und evangelischer Bildungsbegriff
Peter Steinacker über demokratische Bildung in Antike und Reformation und den evangelischen Beitrag zur Bildung - mehr -
"Dummheit regiert, wenn Bildung krepiert!"
Barbara Pühl über Martin Luthers Schrift "An die Ratsherren aller Stände deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen" (1524) - mehr
Luther-Blog, 09.09.2010
Profil und Kontakt - mehr
Mitglieder-Login

