Demokratisierung der Bildung und evangelischer Bildungsbegriff

Peter Steinacker, ehemaliger Kirchenpräsident der EKHN, über: Demokratische Bildung und das dahinter stehende Menschenbild, Melanchthon und Luther und die Verpflichtung zu Bildungsarbeit als Gottes Gebot, Gottesebenbildlichkeit und die Bedeutung der Tradition.


Inhalt:
1. Die Wurzeln: Wandel der Erziehung in der antiken Welt
2. Erziehung in Humanismus und Reformation
3. Pädagogische Konzepte der Neuzeit
4. Freiheit als Voraussetzung und Begründung von Erziehung
5. Der evangelische Beitrag zur Bildung
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1 Die Wurzeln: Wandel der Erziehung in der antiken Welt

 

1.1 Heranwachsende mit der Welt der Erwachsenen vertraut machen

Erzogen wurden die Menschen schon immer. Die Jungen mussten mit der Welt der Alten vertraut gemacht werden. Sie mussten lernen, was zu tun war, damit man sein Dasein gegenüber den Gefährdungen durch die Natur, durch sich selber und die anderen Menschen fristen konnte, wissen was gut und böse, erlaubt und verboten, tabu war. Sie mussten wissen, woher man kam, wohin man nach dem Tod ging und was man tun muss, um die dunklen Mächte und Gewalten, das unverfügbare Schicksal günstig zu stimmen, um das endliche Dasein bewältigen zu können und über Gewissheiten zu verfügen, welche die Grundlage von Handlungen sind.

Sie wurden aufgeklärt, was der Mensch ist, warum es Männer und Frauen gibt, was Ehe und Familie, das Erbrecht usw. bedeuten und wie die Rollen in der Gesellschaft verteilt sind. Sie mussten zwischen Zufall und Notwendigkeit unterscheiden lernen, um mit beiden umgehen zu können. Und sie mussten wissen, wie man es anstellen musste, um gut und glücklich leben zu können.

Dazu musste man die Gewohnheiten, die Sitten und Gebräuche kennen und natürlich die Zwangsmassnahmen der Moral, die ja doch dem sich stets selber verfehlenden Menschen zum wahren Leben helfen .

1.2 Erziehung als Angelegenheit von Familie und Stamm

Diese Erziehungsaufgabe der Alten an den Jungen war vor Zeiten eine Angelegenheit des ganzen Stammes und der dazu besonders beauftragten Personen, bisweilen der Priester und Schamanen. So gehörte schon immer Erziehung quasi zum Menschsein des Menschen.

Das kann man am Beispiel Griechenlands gut verfolgen. Im Klassischen Griechenland war die Erziehung Aufgabe der Großfamilie, und sie spielte sich im Haus (oikos) ab, was sich noch in unserem Wort Ökonomie niedergeschlagen hat. Dort wurde all das gelernt, was zum Überleben des Einzelnen und des Stammes oder des Sippenverbandes notwendig war.

Im Unterschied zur Bildung ist Erziehung irgendwann beendet. Meist signalisieren kultische Riten, dass die Zeit der Erziehung nun für den Menschen vorbei ist. Ab dann können sie die jeweiligen Rollen übernehmen, die ihr Gesellschaftssystem für sie bereithält. In homerischer Zeit, also im 7. Jahrhundert vor Christus, gab es "Bildung" weder als Sache, noch als Wort.

1.3 Erziehung als öffentliche Aufgabe

Das änderte sich im 4. Jahrhundert vor Christus, als sich in Griechenland die Polis demokratisierte. Hatte vorher der Adel, bisweilen auch der Geldadel, die Richtung und die Ziele des Gemeinwesens in der Hand, gingen nun Macht und Herrschaft auf alle Bürger über - allerdings nur auf die sogenannten Vollbürger, nicht etwa auf die Sklaven, auch nicht auf die Frauen.

Die Grundsätze des alten Adels wurden entwertet und die Verantwortung für das Gemeinwesen zur Sache aller. Adelige Geburt spielte keine Rolle mehr. Damit Macht und Herrschaft nun aber demokratisch auch organisiert werden konnten, mussten die künftigen Bürger so erzogen werden, dass sie auch in der Lage waren, diese öffentliche Verantwortung zu tragen, und das bedeutete, sich für ihre Taten vor den anderen rechtfertigen zu können.

Damit trat neben die Erziehung die Bildung als öffentliche Aufgabe. Alle, und nicht nur eine bestimmte Familie oder ein Stamm oder ein Clanchef, mussten - und durften - dafür sorgen, dass das Gemeinwesen intakt blieb, Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand erhalten, gemehrt oder verteidigt wurden. Es war eine öffentliche Aufgabe, den Zusammenhang der Generationen herzustellen und einer Gesellschaft ihre Identität zu geben.

Diese Veränderung der Erziehung und ihrer Ziele war so radikal und tiefgreifend, dass man - viel später - vorgeschlagen hat, unter dem jetzt auftauchenden Begriff "Paideia", was mit Bildung übersetzt werden kann, das Gesamtbild griechischer Kultur überhaupt zu erfassen. Bildung wird ein Erziehungsziel. Und es entstehen die ersten wissenschaftlichen Bildungstheorien.

1.4 Die ersten Bildungstheorien entstehen

Dabei überlegten die Griechen, das waren vor allem der Philosoph Platon und der politische Publizist Isokrates - sonst erbitterte Gegner, aber darin stimmten sie überein -, was das eigentlich Menschliche sei, weil Bildung im Unterschied zur Erziehung eine nur Menschen mögliche Angelegenheit ist. Tiere erziehen ihre Jungen auch, aber Bildung ist dem Menschen vorbehalten.

So versuchten sie, den Menschen nicht nur zu beschreiben, wie es die Mythen und auch in der Bibel zum Beispiel der Psalm 8 tun, sondern ihn zu definieren. Der Mensch, so sagten sie, besitzt als einziges Lebewesen den Logos, die Sprache. Und das hebt ihn aus dem Kreis der Lebewesen hervor:
"Der Logos, die Sprache, wurde als das verstanden, womit wir Menschen wechselseitig Rechenschaft ablegen, d.h. unsere Handlungsweise erklären und eventuell rechtfertigen. Tiere können einander keine Rechenschaft geben. Deshalb bezeichnen wir ihr Tun auch als Verhalten und nicht als Handeln. Der Mensch ist das sprachbegabte Lebewesen - diese Definition besagt: er allein ist rechenschaftsfähig und kann handeln. Rechenschaft geben heißt: sein Handeln begründen."

1.5 Menschenbild und dialogisches Geschehen - vier tragende Aspekte

Was bedeutet das für die Demokratisierung der Bildung? Vier Aspekte sind wichtig.

  • Demokratische Bildung setzt ein allgemeines Menschenbild voraus. Menschen sind nicht nur die Athener, die Griechen, die Inder, die Farbigen, die Weißen etc. Das war in der Menschheitsgeschichte nicht immer so, wie wir es gewohnt sind, nicht zuletzt durch die biblische Tradition, die ja den Menschen generell und nicht etwa nur den Israeliten als Menschen bezeichnet (Gen 1, 26 f.).

  • Zweitens geht es dieser Bildung sowohl um die Erweckung und Förderung der in dem konkreten einzelnen Menschen liegenden Potenzen und Gestaltungssehnsüchte als auch um seine Befähigung, sein Handeln auf die Gesellschaft (damals die Polis) zu beziehen und vor der Gesellschaft rechtfertigen zu können. Das heißt: Bildung zielt auf die Befähigung zur Übernahme von privater und öffentlicher Verantwortung.

  • Drittens bedeutet dieses Bildungsideal, die Sprachfähigkeit des Menschen zu fördern und auszubilden. Bildung ist ganz zentral Sprachbildung. Nur so wird der Mensch rechenschaftsfähig. Sprachbildung begründet den Siegeszug des Arguments.

  • Viertens: Bildung ist ein dialogisches Geschehen, eine Wechselbeziehung zwischen Lehrenden und Lernenden. Sie sind miteinander in diesen Prozess verwickelt und sind trotz ihrer Unterschiede in den Graden ihres Wissens gleich im Blick auf Freiheit und Gerechtigkeit und Verantwortung.

1.6 Klarheit über Ziele und Normen des Handelns gewinnen

Auf diesem Hintergrund entwickeln Platon und Isokrates sehr unterschiedliche Konzepte, die uns jetzt nicht zu interessieren brauchen. Beiden geht es darum, mit Hilfe der Bildung Klarheit über Ziele und Normen des Handelns zu bekommen, also um Orientierung und Handlungsfähigkeit. Das sind die Ziele demokratischer Bildung.
Allerdings ruht die Demokratisierung der Bildung im 4. Jahrhundert in Griechenland nach wie vor auf der Sklavengesellschaft. Die Gemeinschaft der gebildeten Polisbürger ändert daran auch nichts, selbst wenn wir einige sehr gebildete Sklaven aus diesen und späteren Zeiten der Antike kennen.

2 Erziehung in Humanismus und Reformation

 

2.1 Der Mensch im Mittelpunkt

Der zweite Schub zur Demokratisierung der Bildung ereignet sich am Ausgang des europäischen Mittelalters durch den Humanismus und die Reformation. Hat man früher bisweilen wegen des Streites zwischen Erasmus und Luther die Reformation als Abkehr vom Humanismus verstanden, so sieht man heute deutlicher, dass der Humanismus die Voraussetzung der Reformation gewesen ist und sie ihn partiell fortgeführt und ihn sich anverwandelt hat.

Der Humanismus wandte sich mit seinem Programm "Ad fontes", zu den Quellen, der antiken Bildung und vor allem den klassischen Sprachen Hebräisch, Griechisch und Latein zu, um unabhängig von den letzte Autorität beanspruchenden Dekreten der Kirche zu sein. Humanismus wird diese Bewegung genannt, weil sie den Menschen, seine Bildung und seine Kräfte und Tugenden in den Mittelpunkt stellte und mit ihrem Programm und der neuen historisch-philologischen Methode eine Tendenz zur Relativierung überkommener Autoritätsstrukturen verband.

Mit ihrer philologischen Entdeckung, dass die sogenannte konstantinische Schenkung des Kirchenstaates an den Papst und die damit verbundene Übertragung der Papstgewalt über alle Kirchen des Weltkreises ein Fälschung des frühen Mittelalters war, der zentrale Autoritätsanspruch des Papstes also auf einer historischen Lüge beruhte, hat er die Kritik des 16. Jahrhunderts an der Autorität der römischen Kirche beflügelt.

2.2 Tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen im ausgehenden Mittelalter

Wichtig ist, dass sich einzelne Bildungstheoretiker des europäischen Humanismus sich nicht nur vorstellen können, dass auch Frauen ein Recht auf Bildung und nicht nur auf Erziehung haben. Tatsächlich haben, wenn auch wenige, Frauen in Schulen und Universitäten auch unterrichtet. Comenius hat die Geschlechtergleichheit im Bildungsanspruch theologisch mit dem Bild-Gottes-Sein beider Geschlechter begründet.

Im humanistischen Bildungsideal spiegelt sich aber auch die tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung dieser Zeit und das Ende des Mittelalters. Das späte 15. und das frühe 16. Jahrhundert sind getragen von einer allgemeinen ökonomischen und demographischen Prosperität vor allem auch in den Städten, die dringend besser ausgebildete Menschen brauchte.

Die explosionsartige Entwicklung des Druckgewerbes löste eine "Medienrevolution" aus, die von der "Bildungsrevolution" verstärkt und stabilisiert wurde. Die Folge war, dass "zu keiner Zeit der älteren deutschen Geschichte...jemals so viele Menschen an kulturellen Gütern, traditionellem, aber auch neuem Wissen teilzuhaben Gelegenheit gehabt (haben), wie in den Jahrzehnten am Vorabend der Reformation."

2.3 Bildung aller Stände als Programm der Reformatoren

Diese Entwicklung kommt der Reformation entgegen und wird von ihr noch einmal vorangetrieben. Vor allem aber überwindet die Reformation die doch auch bei den Humanisten trotz aller kritischen Interventionen immer noch zu beobachtende Zurückhaltung gegenüber einer, modern gesprochen, nicht mehr klassengebundenen Bildungsanstrengung.

Bildung aller Stände, also nicht nur Adel und Bürgertum gehört aus genuin theologischen Gründen zuerst zum Programm der Reformatoren. Luther hat in seiner Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation" aus dem Jahr 1520 die damalige Obrigkeit dringend zu einer umfassenden Reform des Universitäts- und Schulwesens aufgefordert.

Das hat eine theologische Voraussetzung und eine mindestens ebenso wichtige soziologisch-politische Folge. Zunächst liegt Luthers Forderung die Lehre vom zweifachen Wort Gottes zugrunde, mit dem Gott uns in Gesetz und Evangelium nahe kommt.

Gott regiert die Welt auf zwei Weisen, nämlich weltlich und geistlich. Über beide Formen des Heils- und des Welthandelns Gottes gibt die Offenbarung in der Heiligen Schrift Auskunft. Die Selbsterschließung Gottes hat sprachliche Gestalt, und daraus ergibt sich der Bildungsauftrag.

Denn wenn sich Gott den Menschen in Jesus Christus aus lauter Gnade zugewandt hat und das Evangelium (und das Gesetz) in der Heiligen Schrift festgehalten wird, damit es in Predigt und Sakrament zugesprochen und empfangen werden kann, und die Kirche nicht die Vermittlerin, sondern lediglich Verkünderin dieses Heils ist, jeder gläubige Mensch also eine direkte, wortvermittelte Beziehung zu Gott haben kann, dann muss jeder Christ in der Lage sein, sich selbständig durch das Lesen der Schrift der Liebe Gottes und seiner Gnade zu versichern. Daher muss jeder Christ und jede Christin lesen können.
Auch in diesem selbständigen Zugang zu der Quelle und Norm der Theologie besteht die Freiheit eines Christenmenschen.

2.4 Luther überträgt Bildungsaufgabe an den Staat

Die soziologisch-politische Folge ist die Übertragung der Bildungsaufgabe an den Staat. Das ist neu gegenüber dem Humanismus, jedenfalls in Deutschland. Die Reformation entdeckt theologisch die Weltlichkeit der Welt. Luther überträgt der weltlichen Obrigkeit die Verantwortung für die Schule.

Bildung ist etwas rein Weltliches, denn sie befähigt den Menschen, seiner - von Gott - im Gesetz an ihn herangetragenen Herausforderung im Beruf treu und zuverlässig nachzukommen. Insofern enthält Luthers Bildungsdenken "eine säkularisierende Tendenz" , die es im Humanismus so nicht gab. Wenn später, eigentlich bis 1919, das Schulwesen in den deutschen Staaten in kirchlicher Hand war und die allgemeine Schulpflicht für beide Geschlechter in Deutschland auch erst in diesem ersten Jahr der Weimarer Republik eingeführt wurde, ist das eine restaurative Entwicklung, die Luther so nicht vor Augen hatte.

Allerdings hatte er keinen Zweifel daran gelassen, dass nach seinem Verständnis das gesamte Bildungswesen christlich geprägt sein sollte. Diesem Ziel diente die Zentralstellung des Studiums bzw. der Lektüre der Heiligen Schrift in Universität und Schule.

2.5 Melanchthon: Verpflichtung zu Bildungsarbeit als Gottes Gebot

Bedeutsamer noch als Luther ist freilich Philipp Melanchthon für das reformatorische Bildungswesen geworden. Er hat nicht nur mit seiner Schulordnung von 1527 das Muster des bis heute von vielen favorisierten dreigliedrigen Schulsystems entworfen, sondern er hat bewusst und gezielt die humanistische Bildungsbewegung in die evangelischen Kirchen hinübergerettet.

Wie Luther, aber noch schärfer hat er die Obrigkeit an ihre von Gott gegebene Pflicht erinnert, für die Bildung der Kinder und der Jugend zu sorgen. Diese theologische Radikalität, die Bildungsarbeit als Verpflichtung durch Gottes Gebot zu verstehen, war ein Novum in der europäischen Bildungsgeschichte.

Er hat auch für nahezu alle Wissensgebiete seiner Zeit Lehr- und Schulbücher geschrieben und ist damit über Jahrhunderte hinweg in bestimmter Weise ein Lehrer der Christenheit geworden. Man hat ihn daher auch schon zu seinen Lebzeiten als Praeceptor Germaniae (Lehrer Deutschlands) tituliert.

3 Pädagogische Konzepte der Neuzeit

 

3.1 Rousseau: Wiederherstellung der ursprünglichen, guten Natur

Der dritte Schub ist umfangreicher und viel schwieriger ab- und einzugrenzen. Im Grunde reichen die Neuentwicklungen nämlich vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Schon im 18. Jahrhundert beginnt sich die neuzeitliche Pädagogik zu entfalten und dafür steht der Name Jean Jacques Rousseau natürlich im Mittelpunkt. Anders als noch in der pessimistischen - meines Erachtens aber realistischen - Anthropologie der Reformatoren, welche die Natur des Menschen als durch die Sünde verderbt ansehen, versucht Rousseau die ganze Bildungsarbeit auf die Wiederherstellung der ursprünglichen und guten Natur des Menschen zu konzentrieren.

Denn der Mensch ist durch eine kreatürliche Güte ausgezeichnet. Und diese soll in der Erziehung jedes einzelnen Menschen ungestört entfaltet werden.
Rousseaus Roman "Emile" enthält sein Bildungsideal, in dessen Mitte er die undogmatische natürliche Religiosität und die Moralität im Gewissen, das gebildet werden soll, zusammenführt. . Demokratisch ist diese Theorie in einem eher weiten unpolitischen Sinn, dass eben der einzelne Mensch, und zwar jeder, sowohl Subjekt wie Objekt aller Bildungsarbeit ist. Pestalozzi und Fröbel sind noch als bedeutende Pädagogen zu nennen.

3.2 Bildungskonzepte in Aufklärung, Idealismus und Romantik

Aufs Ganze gesehen kann man in diesem Schub der Moderne drei verschiedene Konzepte miteinander verwoben erkennen.

Die Aufklärung definiert den Menschen als Bürger, der für sich und sein Gemeinwesen verantwortlich ist und darum durch Bildung seiner Selbstständigkeit und seiner Urteilskraft zur Mündigkeit gebildet werden soll. Kants kategorische Imperative zeigen den Menschen als Vernunftwesen, dessen individuelles Handeln durch den Verweis auf ein allgemeines Sittengesetz vergemeinschaftet wird. Die Maxime des eigenen Handelns sollen so sein, dass sie auch ein allgemeines Sittengesetz sein könnten.

Im Kern der Bildungsideals des Idealismus steht die lebenslange Arbeit an der Vervollkommnung der eigenen Person und man ist der Überzeugung, dass "Bildung als Selbstvervollkommnung zugleich der beste Dienst an der Gesellschaft bzw. dem Staat sei".

Wilhelm von Humboldt versteht den Bildungsprozess als Wechselwirkung des ganzen Menschen als Subjekt mit der Welt. In seiner Forderung nach der Einheitsschule überwindet er nicht nur die Konfessionalität, sondern setzt das wesentliche demokratische Prinzip der Gleichheit aller Bürger gegenüber dem Staat an oberste Stelle seines Bildungsbegriffs.

In der Romantik schließlich wird Rousseaus Naturbegriff auf das Kind übertragen, das als der nichtentfremdete Mensch gesehen wird, dessen Anlagen befreit und zum Ausdruck gebracht, eben gebildet werden sollen.

Dieses romantische Motiv spielt später in der sogenannten Reformpädagogik eine besondere Rolle. Gegenüber der Schule rückt das Spiel als Bildungsmedium in den Vordergrund des Interesses. Gleichwohl wird in allen diesen drei Konzeptionen ein wesentliches Merkmal moderner demokratischer Bildung nicht prinzipiell ausgeschlossen, nämlich die Kinderarbeit.

4 Freiheit als Voraussetzung und Begründung von Erziehung

 

Ich kann die Geschichte des Bildungsbegriffs natürlich nicht weiter ausführen. Daher will ich nun versuchen, den Ertrag des Rückblicks auf diese drei Schübe zusammenzufassen.
Demokratisch kann nur etwas genannt werden, das mindestens die drei Bedingungen erfüllt, die in den Werten der Französischen Revolution 1789 und in der berühmten Gettysburg Rede Abraham Lincolns von 1863 niedergelegt worden sind.

4.1 Staatliche Verantwortung für die Bildung

Die Aufgabe, für die Bildung der Menschen zu sorgen, ist eine weltliche Angelegenheit und wird vom Staat verantwortet, der in einer Demokratie Ausdruck der Volkssouveränität ist. Darum stellt der Art 7,1 unseres Grundgesetzes das gesamte Schulwesen unter die Aufsicht des Staates, gewährleistet aber das Recht zur Errichtung von privaten Schulen.

Ziel der Bildung ist die Befähigung zur Mündigkeit, das heißt zur Legitimationsfähigkeit und Verantwortlichkeit für Handeln und Partizipation an allen öffentlichen Angelegenheiten. Darum steht die Sprache und ihre Beherrschung als Lesen, Schreiben und Sprechen im Zentrum aller Bildungsbemühungen. Darin ist im weitesten Sinn des Wortes auch die Ausbildung für berufliche Perspektiven mitbedacht.

4.2 Recht auf Freiheit und Selbstverwirklichung

Insofern hat alle Bildungsanstrengung Freiheit zu ihrer Voraussetzung und ihrer Begründung. Indem der Mensch sich bildet und gebildet wird, verwirklicht er seine Freiheit und nimmt sein Recht auf Selbstverwirklichung gegenüber dem Staat und allen anderen Mächten wahr. Dieses Recht räumt der Staat allen Bürgern im Artikel 2, 1 des Grundgesetzes ein. Es findet seine Grenze da, wo die Rechte anderer verletzt werden und gegen die Verfassung und das Sittengesetz verstoßen wird.

Demokratische Bildung setzt damit ein stets neu auszutarierendes Gleichgewicht von Gleichheit und Ungleichheit voraus. Weil alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, haben sie unterschiedslos das Recht auf Bildung. Wegen dieses Gleichheitsgrundsatzes fallen alle biologischen, religiös-weltanschaulichen, sozialen, politischen, und in Herkunft oder der Hautfarbe liegenden möglichen Unterschiede als Begründungen für einen Ausschluss vom Bildungsprozess aus.

Die Gleichheit aller vor dem und durch das Gesetz als Prinzip staatlicher Gerechtigkeitsgarantie findet hier ihren Ausdruck im staatlichen Handeln. Demokratische Bildung muss Chancengleichheit möglich machen.

4.3 Recht auf Individualität

Zugleich ist mit der vom Staat für alle zu gewährleistenden Freiheit des einzelnen die Freiheit zur Individualität, und das heißt zur Ungleichheit mitgesetzt. Die Lebensziele der Menschen müssen nicht gleich sein. Ihre weltanschaulich-religiösen, politischen wie auch ihre biologischen und andere Unterschiede und Fähigkeiten begründen das Recht, sich auch unterschiedlich entfalten zu können.

In den Bildungsprozessen spiegeln sich diese Unterschiede in den unterschiedlichen pädagogischen Konzepten, welche die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse der Menschen, nicht nur respektieren, sondern im Sinn des Freiheitsgewinns auch fördern. Solche Ausdifferenzierung findet selbstverständlich keine Einschränkung bei den Lebensaltern, sondern vielmehr an der sozialen Verträglichkeit, der dritten Zielrichtung demokratischer Bildung.

4.4 Prinzip der Solidarität

"Brüderlichkeit" hat die Französische Revolution das Prinzip der Solidarität genannt. Alle Bildung in einer Demokratie darf nicht übersehen, dass ein Zusammenleben in Staat, Gesellschaft und anderen Gruppen und Organisationen nicht möglich ist ohne Respekt der Menschen vor dem Daseinswillen der anderen und der Bereitschaft zur Solidarität in allgemeinen und individuellen Krisenzeiten.

In der Gegenwart hat die Menschheit gelernt, dass die Reichweite der Solidarität nicht auf die menschliche Natur begrenzt sein darf. Moderne Bildung im Sinn der Brüderlichkeit muss auch die stets mitlaufenden Kommunikationsvorgänge der Menschen mit der und ihre Verantwortung für die nichtmenschliche Natur im Blick haben.

Dazu ist es nicht nur nötig, sich moralisch darauf vorzubereiten. Kants Versittlichung der Bildungsbemühungen im Kategorischen Imperativ greift zu kurz, weil sie nur den Menschen im Blick hat.. Es kommt vielmehr darauf an, das Bildungsziel in diese Solidarität auch die - wesentlich nichtsprachliche, nichtrationale - Gemeinschaft von Mensch und Welt einzubeziehen. Das hat ethisch Albert Schweitzer mit seiner nicht mehr vitalistischen Formel von der "Ehrfurcht vor dem Leben" gemeint.

Für den Bildungsprozess bedeutet dies, dass neben der menschlichen Ratio auch seine emotionale Erlebnisfähigkeit entfaltet und die seelische Ich-Stärke mit dem Blick für Freude und Not des anderen und der außermenschlichen Kreatur entwickelt werden soll.

5 Der evangelische Beitrag zur Bildung

 

Was bedeutet das für einen möglichen evangelischen Beitrag für die Demokratisierung der Bildung?
Der zeitgenössische Pädagoge Eckart Liebau bildet aus diesen oben genannten drei neuzeitlichen Entwicklungstraditionen eine "Pädagogik der Teilhabe", in der "politische und ökonomische Mündigkeit, Bildung als Welt- und Selbstvervollkommnung und Entfaltung der Subjektivität… die leitenden Werte (bilden), an denen das Konzept sich zu bewähren hat."

5.1 "Der eigenen Gottesebenbildlichkeit Gestalt geben"

Was das für eine modernen christlichen Bildungsbegriff bedeutet, hat Peter Bubmann beschrieben: Erziehung ist nötig, weil der Mensch seine Kultur selber gestaltet und sie nicht quasi durch göttliches Dekret ihm vorgegeben ist. Der Mensch ist von Gott als "entwurfsoffenes Wesen geschaffen". In diese kontingente Kultur muss der junge Mensch eingeführt werden, damit er Tradition im weitesten Sinn kennt und beibehält und in der Anwendung verändert bzw. entwickelt.

Als Bildungsziel tritt das lebenslange Lernen in den Vordergrund. "Bildung ist nach christlicher Sicht der lebenslange Prozess, der eigenen Gottebenbildlichkeit, wie sie in Jesus Christus endgültig erschienen ist, eine entsprechende Gestalt zu geben. Sie impliziert die bewusste Gestaltung der geschenkten und aufgetragenen Freiheit und die Verantwortung für das eigene Handeln ... Der Geltungsanspruch von Werten und Wertorientierungsregeln (Pflichten) wird kritisch überprüft, aus Zielvorstellungen gerechten und guten Lebens werden entsprechende Normen in kommunikativen Prozessen entwickelt."

5.2 Gottesebenbildlichkeit und Gottesbeziehung bleiben individuell

Es ist deutlich, dass diese für das demokratische Bildungsverständnis so wichtige Gleichheit aller Menschen theologisch in der Lehre von der Gottebenbildlichkeit erfasst wird.

Wesentlich ist allerdings, dass - jedenfalls evangelisch - "die Gottebenbildlichkeit des Menschen nicht durch bestimmte Eigenschaften definiert wird, die der Mensch besitzt oder erwerben soll, sondern durch die Art der Beziehungen - zu Gott, zu dem Mitmenschen und Mitkreaturen sowie zu sich selbst -, zu denen der Mensch bestimmt ist."

Die theologische Anthropologie kennt jedoch auch eine Ungleichheit, die diese stets vorauszusetzende Gleichheit nicht gefährdet, und die sich in der unverwechselbaren Individualität des Menschen in seiner Beziehung zu Gott niederschlägt.

Die individuelle Beziehung zu Gott hat zwei Aspekte, die unterschieden werden müssen, obwohl sie sehr eng zusammenhängen. Die heilvollen Gottesbeziehungen der Menschen in Jesus Christus verweisen zwar alle auf die geschenkte Gerechtigkeit Gottes als ihre Grundlage. Jedoch sind ihre Konkretionen nicht uniform, sondern inhaltlich sehr verschieden, wie man den sehr verschiedenen Begegnungen der Menschen mit Jesus im Neuen Testament entnehmen kann. Und die Gottesbeziehung, die dem sündigen Menschen seine Verlorenheit aufdeckt, ist sogar das Individuellste des Individuellen.

Beide Aspekte konvergieren darin, dass sie dem Menschen ein neues, geheiltes und getröstetes - und wiederum in vielen Bereichen sehr unterschiedliches - Leben ermöglichen. Aus dieser Gottesbeziehung erwächst dann eine Lebensform, die ihre konkrete Gestalt auch durch Bildung bekommt und Stetigkeit und Offenheit für neues miteinander verbindet.

5.3 Kenntnis der Tradition als notwendige Voraussetzung

Die Gottesbeziehung, die im Vorgang des Heiligen Geistes lebendige Gegenwart ist, bleibt jedoch auf Tradition angewiesen, um das, was in dieser Beziehung geschieht, zu deuten. Dazu muss man die Tradition kennen. Dies geschieht in der Bildung als Element des Glaubens.

Die Erinnerung der Tradition bildet dann wieder die Grundlage für das Verstehen einer neuen Erfahrung Gottes und einer neuen Gestalt des Glaubens. Auf diese Weise wird dem gebildeten Christenmenschen die Fähigkeit vermittelt, etwas zu wissen, bevor man es selber erfahren hat.

Der Welt- und Glaubenshorizont eines Christen erlaubt eine umfassendere Welterkenntnis als eine, die ihre Grenze nur in der jeweils eigenen Erfahrung zieht. Erinnerung der Tradition und ihre Anwendung, das heißt auch ihre Veränderung, sind dialogische Prozesse, weil sie auf eine allen gemeinsame Gewissheit und kommunikative Normfindung für die Lebensführung und Weltdeutung zielen.

Weil die Gottesbeziehung in Jesu Verkündigung des Reiches Gottes ein transindividuelles Ziel hat, geschieht die Heilsgabe Gottes als Verweis auf eine Gemeinschaft, die den Einzelnen auf die Welt und das Reich Gottes hin überschreitet.

5.4 Hochschätzung der Welt und ihre Überschreitung als Beitrag der christlichen Bildung

Dieser Zielhorizont einer umfassenden Solidarität verlangt eine ständige Kommunikation über Sinn und Ziele des Glaubens, Denkens und Handelns. Die Gottesbeziehung weist den einzelnen Christenmenschen und die Gemeinschaft der Kirche sowohl an, sich der Welt liebevoll anzunehmen, als auch die vergehende Welt unter den eschatologischen Vorbehalt zu stellen.

Die Hochschätzung der Weltlichkeit und Bewahrung der Welt und die Orientierung auf ein Ziel, das die Welt überschreitet und verlässt, beides stellt nur zusammen die Orientierungsleistung christlichen Bildungsverständnisses in einer demokratischen Gesellschaft dar.

Auf diese Weise stellt eine religiöse, näher bestimmt christliche, Bildung einem demokratischen Staats- und Gesellschaftsverband einen Schatz von Normorientierungen zur Verfügung, der mithelfen kann, die sich stets verändernde Welt in Richtung auf Sinn und Ziel von Natur und Geschichte mit anderen gemeinsam lebenswert und lebensdienlich zu erhalten.

Peter Steinacker
Prof. Dr. Dr. h. c. Peter Steinacker ist Pfarrer und war von 1993 bis 2008 Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Peter Steinacker hat eine Honorarprofessur für Systematische Theologie an der Universität Marburg und einen Lehrauftrag an der Universität Frankfurt inne, ist Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages und war Schirmherr des Projekts Bibel in gerechter Sprache.


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