"Hier stehe ich - ich kann zwar anders, will aber nicht."
Hat Luther eigentlich sagen wollen: "Hier steh ich, ich kann zwar anders, will aber nicht anders"? Auch Margot Käßmann hat deutlich gemacht: Sie wollte nicht anders. Entscheidungen zu treffen, verlangt Maßstäbe, Weitblick und Mut. Das beschreibt Claude Heiser, Bildungsverantwortlicher in Luxemburg.
Entscheidung als Weichenstellung - Bildung als Empowerment für bewusstes Entscheiden
Denn jede Entscheidung, die wir treffen "zerstört alle anderen kollateralen Möglichkeiten und verwandelt die einzelne, gewählte Möglichkeit in einen unwiderruflichen Punkt auf der Zeitachse meines Lebens." Sie betrifft nicht nur uns, sondern in der Regel auch andere Menschen.
Wer vor einer Entscheidung steht, muss die "Prämissen erwägen, die realen bzw. moralischen Konsequenzen ausloten und dafür geradestehen". "Das verlangt konsequentes Denken und Handeln, die Fähigkeit zu erwägen und abzuwägen, den Mut, Verantwortung zu übernehmen, die Zivilcourage, auf Widerstand zu treffen und diesen zu konfrontieren."
Bildung will Menschen stark machen und befähigen, ihre Entscheidungen auf Grundlage von Überzeugungen und Werten, verantwortungsbewusst und mutig zu treffen.
Claude Heiser: Hier steh ich und kann nicht anders.“ (Luther)
Über den Mut und die Angst, Entscheidungen zu treffen - mehr
Claude Heiser, Dr. phil., Jahrgang 1973, ist beigeordneter Direktor des Athénée de Luxembourg und Lehrbeauftragter für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität des Saarlandes. Er studierte Germanistik und Geschichte in Bonn und Saarbrücken und schloss sein Studium ab mit einer Dissertation zum Thema "Das Motiv des Wartens. Eine Analyse des Prosawerks Ingeborg Bachmanns unter besonderer Berücksichtigung der Philosophie der Existenz".
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Kommentare
Lutherzwerge
Machen wir uns doch nichts vor: Aus Luther sind in der Gegenwart Lutherzwerge geworden. Lutherbroetchen , Lutherbier, Luthersocken und schliesslich die Gedenkfeier anlaesslich von Luthers Sterbestunde machen das aus, was bei uns Evangelischen an oeffentlicher Aufmerksamkeit betr. Luther heutzutage noch uebrig geblieben ist. Wir gefallen uns darin, die Heilige Schrift zu veraendern und sogar zu verfaelschen und wundern uns dann, wenn niemanden mehr unser voellig belanglos gewordenes und zum Teil sogar unertraeglich gewordenes Geschwaetz interessiert, weil wir faktisch nicht mehr auf dem Boden des heiligen Wortes Gottes und des Evangeliums stehen, sondern unser Heil in der Befriedigung der Forderungen des Zeitgeistes suchen. Zugleich haben wir vollstaendig vergessen, dass die Kirche tatsaechlich mit der rechten Lehre von der Rechtfertigung - als dem Artikel stantis et cadentis ecclesiae - steht oder eben faellt. Und so machen wir denn auch aus Luthers Gewissensentscheidung ein "so oder vielleicht auch anders", was zu eroertern absolut muessig ist. Sicher war Luther nicht unfehlbar. Aber er hat uns auf den gekreuzigten und auferstandenen Christus hingewiesen, die reformatorischen Grundprinzipien: sola gratia, solus Christus, sola scriptura sind heute genauso gueltig wie damals. Moegen auch wir, so wie zu seiner Zeit Philipp Melanchthon aufgezeigt hat, wieder von den Pfuetzen zu den reinen Wasserquellen des Heils zurueckkehren.
Ich bin ueberzeugt, dass wir in diesem Fall auch auf Aktionen wie die "Lutherzwerge" gut und gerne verzichten koennen.
Vielen Dank!
D.A.
800 Lutherzwerge auf dem Wittenberger Marktplatz
Hallo, D.A.,
vielen Dank für Ihren - kritischen! - Beitrag! Weil vielleicht nicht alle die Aktion kennen, hier eine Zusammenstellung von Informationen: http://www.evangelisch.de/themen/blogs/luther-blog/2010/06/03/aktion-800-lutherzwerge-auf-dem-marktplatz-in-wittenberg
Herzlichen Gruß - Julia Born
will nicht anders...
Hallo,
Da hat Claude Heiser doch den Mut zu fragen "Hat Luther aber wirklich nicht anders handeln können?" um daraufhin zu behaupten: "Luther versteckt sich vielmehr hinter dem Deckmantel des Gewissens, des Glaubens". Er legt noch eins drauf und schlussfolgert, dass Luther "aufrichtiger gewesen (wäre), wenn er behauptet hätte: „Hier steh ich, kann zwar anders, will aber nicht anders.“" Diese Entscheidung Luthers hatte Konsequenzen für ihn selbst wie für die gesamte Welt.
Diese Überlegungen von Heiser sind höchst pertinent, ganz besonders weil er dann über die Angst vor Entscheidungen nachdenkt! Verantwortungsbewusste Entscheidungsträger(innen) stehen immer wieder vor ihrem "freien Entschluss, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen, die einen „point of no return“ darstellen, und ggf. für diese geradezustehen." Geradestehen, genau das fürchten viele (unter uns)! Deshalb haben wir sowohl in unsern Kirchen als auch in der Politik so viele Wendehälse und Hampelmänner, die lediglich ihre eigenen Karriere sehen, sich hinter Paragraphen verstecken und nicht zu Entscheidungen mit allen Konsequenzen fähig sind.
Ich kann nur Heiser zustimmen: "Das Treffen von Entscheidungen fällt in letzter Instanz auf den Einzelnen zurück (...) Er muss – Ausdruck des Zwangs – eine Wahl treffen, seine Freiheit wahrnehmen, im ständigen Widerspruch leben, dass die Freiheit der Entscheidung die Unfreiheit des Zwangs hervorruft: sich für etwas entscheiden und sich von allem anderen verabschieden müssen."
Dem brauche ich nichts hinzuzufügen, außer ein Danke für diese Einsichten
Jo Wolf