Luther reloaded: Fünf Thesen
Glauben und Menschenbild - Reformation und Bildung
Was hat Luther mit uns Menschen heute zu tun? Eine ganze Menge, finden vier Bildungsarbeiter aus dem Bereich der Kirchen. Und haben obendrein Gemeinsamkeiten zum Web 2.0, dem Mitmachnetz entdeckt. Zum Reformationstag 2009 finden Sie hier fünf Thesen - "Luther reloaded". Ihre Ergänzungen, Fragen, Kommentare sind willkommen!
1. These: Sich in der Community vernetzen
"Aus Liebe und Eifer, die Wahrheit ans Licht zu bringen, soll über das, was hier niedergeschrieben ist, in [diesem BLOG]* ... diskutiert werden. Deshalb bitten wir die, die nicht anwesend sein und mündlich mit
uns debattieren können, dieses in Abwesenheit schriftlich zu tun. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi, Amen." (1).
Reformation ist mehr als Martin Luther. Luther stand im Zentrum einer Community, die eine umfassende Erneuerung des christlichen Denkens und Lebens suchte. Die Mitglieder dieses sozialen Netzwerks nutzten für die Verbreitung ihrer Ideen und Gedanken das schnellste und modernste Medium ihrer Zeit, den Buchdruck mit beweglichen Letter
n. Das schnellste Medium der Gegenwart ist das Internet.
2. These: Gott vertrauen
"Also ist dies Leben nicht ist eine Frömmigkeit, sondern ein fromm werden; nicht eine Gesundheit, sondern ein gesund werden; nicht ein Wesen, sondern ein Werden; nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sinds noch nicht, aber wir Werdens; es ist noch nicht gethan und geschehn, es ist aber im Gange und Schwange. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg." (2)
Leben ist nicht Sein, sondern Werden, nicht Kontinuität, sondern Umbruch, nicht Kontrolle, sondern Chaos. Leben ist eine einzige Herausforderung, erst recht im 21. Jahrhundert. Und doch steht in und
hinter und über allem Leben die Zusage Gottes, dass er es gut mit uns Menschen meint. Das Vertrauen darauf lässt Chaos, Werden und Umbruch aushalten.
3. These: Herausforderungen annehmen
"Du musst dir vielmehr ohne alles Wanken, ohne alles Zweifeln Gottes Willen üb
er dich vor Augen stellen, so dass du fest glaubst, er wird und will auch mit dir große Dinge tun. Dieser Glaube lebt und bewegt dich. Er dringt durch und ändert den ganzen Menschen." (3)
"Gott glauben" ist nicht ein Besitz, ein Zustand oder ein hermeneutisches Werkzeug. Gott glauben ist die feste Überzeugung, dass Gott dich will und dass er mit dir etwas Großartiges vor hat. Dieses Großartige gilt es zu suchen und zu tun und zu verwirklichen. In diesem Sinne ist "Gott glauben" eine Sichtweise auf das eigene Leben, auch im Scheitern. Eine sehr moderne Sicht.
4. These: Überzeugt handeln
"Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen." (4)
Das Gewissen ist der Ort, in dem wir uns selbst, Gott und der Welt gegenüber treten. So erkennen wir, wo wir herkommen und wo wir hingehen. Auf dieser Grundlage nehmen wir die Herausforderungen auf, die uns begegnen. Irritationen und Umwege begreifen wir nicht als Makel, sondern als Chance.
5. These: Sich gegenseitig stark machen
"Es gehört zu einem Amtmann, dass er weise sei und nicht dasitze wie ein Stock und Klotz, denn Narren soll man nicht über Eier setzen; sie zerbrechen dieselben. Darum gehören zum Fürsten- und Regierungsstande weise und kluge Leute, welche die Welt regieren sollen. Gewalt und Macht wollen das nicht tun, sondern Weisheit."(5)
Wenn den Amtmännern, den Fürsten und Regierenden zu misstrauen ist, dann muss die Lebensklugheit des Einzelnen und das Netzwerk der Vielen stark werden oder besser: gebildet werden. Unsere Welt, ein rohes Ei, braucht vorsichtige, sensible, kluge Amtmänner und Amtfrauen. Unsere Bildung muss politisch sein - und unsere Politik gebildet. Bildung muss die Einzelnen klug, stark und barmherzig machen, damit sie die Verantwortung für sich und die Welt übernehmen können.
Als Community, Gemeinschaft der Heiligen, setzen wir uns ein für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.
Das Luther-Blog:
Karl-Heinz Maischner, Evangelische Erwachsenenbildung Sachsen, Mario Reinhardt, ThILLM Thüringen, Andreas Ziemer, PTI Drübeck, Julia Born, rpi-virtuell - mehr
Quellen
(1) 95 Thesen, 1517. WA 1, 233/1-9. *Der Begriff BLOG ersetzt "in Wittenberg"
(2) WA 7, 336,31-36.
(3) Auslegung des Magnificat, 1521. WA 7, 553/31-34.
(4) Luther vor dem Kaiser in Worms, 1521. WA 7, 838/7-9.
(5) Predigt über Dtn 1,13, leicht gekürzt. WA 28, 525/29-526/13.
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Kommentare
RE: Luther reloaded: Fünf Thesen
Hallo,
ich hatte mich zu dem Thema geäußert, aber an anderer - an falscher - Stelle, ich möchte diesen Kommentar, leicht abgeändert, hier einfügen, wo er hingehört:
In der dritten These heißt es u.a.:
"Gott glauben ist die feste Überzeugung, dass ... er mit dir etwas Großartiges vor hat. Dieses Großartige gilt es zu suchen und zu tun und zu verwirklichen."
Das ist, denke ich, doch sehr irreführend. Ich kann mir zwar denken, was die Autoren im Sinn haben, wenn sie von "Großartigem" sprechen, aber man kann das zu leicht im Sinne der modernen "Selbstverwirklichung" missverstehen. Von der spricht die Bibel nun ganz gewiss nicht. Was Gott mit mir vorhat, ist, dass er mich Christus gleichförmig machen will, und er tut das nicht zuletzt durch Leid, Übungen in Sachen Demut (im modernen Denken ein Unwort, im christlichen aber zentral) und dadurch, dass er mir meine Grenzen aufzeigt, mich die Zerbrechlichkeit meiner Existenz spüren lässt. Und das bedeutet im geistlichen Sinne, wenn es im Glauben und in der Nachfolge geschieht, zwar Seligkeit, im irdischen oder weltlichen Sinne aber oft genug Scheitern, Schmerz und sogar Untergang. Das alles ist im weltlichen Sinne gesprochen ganz sicher das glatte Gegenteil von dem, was die meisten Menschen sich unter "großartig" vorstellen. Es ist überhaupt nicht "großartig", jahrelang unter großen Opfern die kranke Schwiegermutter zu pflegen, die dafür womöglich nicht einmal Dank zeigt, aber es ist, wenn es aus Liebe geschieht (und ohne auf einen Gewinn zu schielen), ganz sicher christlich. Es ist selten "großartig", Tag für Tag das Leben der Gemeinde mitzuleben und mitzuleiden, ohne auf das eigene Bedürfnis nach Ruhe zu achten, aber es ist Dienst - am nächsten und an Gott. Deshalb muss die These drei anders und viel genauer formuliert werden, finde ich. Die anderen Thesen sind ok.
Raskolnikov
RE: Luther reloaded: Fünf Thesen
Für die freundlichen Rückmeldungen und Denkanstöße in Ihren Kommentaren bedanke ich mich auch im Namen meiner Kollegen sehr herzlich! Über Ihre Beiträge haben wir uns sehr gefreut.
Einen herzlichen Gruß und eine gesegnete Adventszeit - Julia Born
RE: Luther reloaded: Fünf Thesen
Leben - eine einzige Herausforderung. Glauben - die Erkenntnis, dass Gott dich will. Irritationen und Umwege - eine Chance. Bildung - den Einzelnen klug, stark und barmherzig machen. Und aus alledem: vernetze dich!
Ich bin schon lange auf der Suche nach einem Elementar-Katechismus - knackig, prägnant, aussagestark und ... in der Kürze liegt die Würze. Diese 5 modernen Thesen zum Reformationstag sind wie ein Wegweiser an der Landstraße:"Hier gehts lang. Komm mit und sieh."
Danke dafür.
Karlo Scholz (www.zwoelff.de)
RE: Luther reloaded: Fünf Thesen
Sprachkurs Evangelisch - Katholisch als Thesenanschlagsergänzung
„Wann spricht der denn mal Evangelisch?“. Meine fünfjährige Tochter war enttäuscht, der befreundete evangelische Pastor war gegangen. Nun war er weg und sie hatte kein einziges evangelisches Wort aus seinem Munde gehört.
Klar, es gibt Englisch, Russisch, Französisch, Polnisch, da muss doch auch evangelisch irgendwie anders klingen. Erklären Sie mal einem aufgewecktem Kind, dass Evangelisch nicht die Sprache ist, die in „Evangelistan“ gesprochen wird. Nein, der Pastor spricht genauso wie wir, obwohl er nicht katholisch ist.
Wäre nicht „evangelisch“ eine wunderschöne Bezeichnung für Menschen, die nach dem Evangelium leben? Also nett zu ihren Mitmenschen sind, sich gegen Unrecht auflehnen und versuchen ehrlich und gut durchs Leben zu gehen. „Gottgefällig“ eben.
Dieses „evangelisch“ könnte eine Sprache sein, in der Wort und Tat zusammen klingen; eine Sprache, die die frohe Botschaft der Bibel aktuell ins Heute hinein sagt.
Und die könnten Methodisten und Baptisten genauso gut sprechen wie Katholiken, Orthodoxe und die evangelischen Christen.
Vielleicht würde dann Glauben auch etwas ansteckender sein. Das wäre doch eine wunderschöne Reformation.
Wenn ich nun aber meinen Freunde, die evangelische Pastorenfamilie besucht habe, wird danach deren kleine Tochter ebenfalls fragen: „Wann spricht der denn mal Katholisch?
Wäre nicht „katholisch“ eine wunderschöne Bezeichnung für Menschen, die sich zuallererst als Christen, als Schwestern und Brüder verstehen. Dann wäre das Wort „katholisch“ im besten Sinne ein Einheitswort; und käme damit wieder zu seiner eigentlichen Wortbedeutung, die die allgemeine und umfassende Kirche Christi meint und dabei weit über ein römisch-katholisches Konfessionsverständnis hinausgeht. So wäre die konfessionelle Artenvielfalt viel einfacher als „Reichtum“ eines großen Gartens zu verstehen und nicht als wohlparzellierte Kleingärtnersparte.
Auch das ist eine Reformation, die ich nur wunderschön nennen kann.
Schön ist auch, wenn wir eine ökumenische Vision haben, die an vielen Orten schon werdende und wachsende Realität ist. Wir sind wir uns über die Konfessionsgrenzen hinaus schon so nahe, dass es richtig schwer ist, eine jeweils andere Sprache zu erkennen. Unser christliches Pfingsten hat längst still und leise stattgefunden und wir verstehen uns im Großen und Ganzen sehr gut. Es fällt kaum noch auf, dass es da im Lehrgebäude der Kirchen einige Unterschiede gibt. Für das alltägliche Leben als Christen in unserer Welt haben diese Unterscheidungskriterien, so wichtig und gravierend sie theologisch sein mögen, kaum eine Bedeutung. Wir nutzen unsere Gemeinsamkeiten und haben genug Humor oder Glaubensweisheit uns nicht durch gegenseitige Spitzfindigkeiten Steine auf den Weg des Glaubens werfen zu lassen.
Mein Wunsch für unsere Kirchen:
Wir sollten uns wieder mehr „katholisch“ verstehen und „evangelisch“ sprechen.
Sonst geht es uns wie dem kleinen Jungen, der von seiner Kindergartenfreundin gefragt wird: „Bist du auch katholisch?“ „Nein“, antwortet der Kleine, „ich habe eine andere Konfrontation“.
Guido Erbrich / Leiter Katholische Erwachsenenbildung Sachsen
RE: Luther reloaded: Fünf Thesen
Glückwunsch! Dem kann ich nur zustimmen. Vielleicht schaftt das Web 2.0 ähnliches wie zu Luthers Zeiten der Buchdruck: Die Demokratisierung von Information. Und wir stehen wahrscheinlich erst am Anfang dieser neuen 'Revolution'. Und die Auswirkungen auf Glauben und Kirche sind dabei noch gar nicht abzusehen. Aber wie gesagt: Den Umbruch als Chance begreifen!
Hans Burkhardt
RE: Luther reloaded: Fünf Thesen
Den oben notierten fünf Thesen stimme ich uneingeschränkt zu; sonst ware ich hier in diesem Forum auch nicht tätig geworden.