Internet-Sucht
»Gislis« schrieb mir in ihrem Blog:
hallo stephan, eigentlich brauche ich zur Zeit dringend ein PC- bzw. Internet-Verbot
Als ich vor zwei Jahren nach der Hiobsbotschaft Krebs »Nur noch wenige Monate« und dem ersten Überlebensjahr freudig fast täglich in einem Krebsforum ein öffentliches Tagebuch führte, bemerkte ich nicht, wie abhänigig ich vom Medium Internet wurde.
Nach mehreren Monaten intensiven Postings schrieb ich damals in einem Abschiedsbrief unter anderem:
Viel mehr Sorgen als mein Krebs macht mir mittlerweile eine andere Krankheit: Die »Internet-Sucht«. Was anfänglich so angenehm ist, kann sich bei übermäßigem Gebrauch zur Sucht entwickeln. Und Sucht kommt nicht von suchen, sondern von Siechtum = Krankheit.
Die Grenze zwischen »Sucht« und »Noch nicht abhängig« kann zwar in ihrer Symptomatik nicht klar definiert werden und ist eher fließend. Wer aufmerksam und sich selber gegenüber jedoch kritisch ist (bei Suchtverhalten schon fast wieder unmöglich!), wird aber schnell Mangelerscheinungen an Leib und Seele feststellen können. Ein Indikator kann z.B. unkontrolliertes Surfen im Internet sein. Weitere Indikatoren können sein:
| … | das stetige unüberwindliche Verlangen, sich ins Internet einzuloggen. | |
| … | Verlust der Kontrolle über seine Online-Zeiten, d.h. man bleibt länger „online“, als man sich vorgenommen hatte. | |
| … | sozial störende Abwesenheit im engsten Kreis der Bezugspersonen, wie Freunde, Partner und Familie, daraus resultierende häufige Beschwerden durch eben diese unmittelbaren Bezugspersonen. | |
| … | häufige nachlassende Arbeitsleistung. | |
| … | Verheimlichung und Verharmlosung der Netz-Aktivitäten vor der Umwelt. | |
| … | Nervosität, Aggressivität oder Depression in dem Fall, wenn der Internet-Gebrauch verhindert wird, weitere fehlgeschlagene Versuche, den Internet-Gebrauch einzuschränken. |
Darum wehret den Anfängen! – Leider musste ich bei mir einige der oben beschriebenen Symptome feststellen, deswegen habe ich mir eine Pause auferlegt (die dann doch zwei Jahre gedauert hat!), um wieder unabhängig vom täglichen Klick ins Forum zu werden, der immer viel länger angedauert hat, als ich mir vorgenommen habe.
Nach »meinem Entzug« komme ich vielleicht gestärkt, kontrollierter, aber auch seltener und mit länger einzulegenden Pausen zurück, denn wichtig ist, das wirkliche, reale Leben in den Griff zu bekommen! Und ich denke, es lohnt sich, wenn man denn daran arbeitet – auch und gerade als Krebspatient! Schließlich ist eine lebensbedrohende Krankheit kein Freifahrtschein für unsoziales, unkontrolliertes, Partnerschaft zerstörendes Verhalten.
Vielleicht erkennt sich ja der/die eine oder andere in diesem Beitrag wieder und überlegt sich auch mal eine »Fastenpause«, um die wirklich wichtigen Beziehungen im realen Leben um uns herum nicht zu vernachlässigen und intensiver pflegen zu können: Reale Beziehungen sind und bleiben lebenswichtiger als virtuelle Beziehungen hier im Netz!
Das ist der Nachteil der modernen Kommunikationsmittel: Früher fragte man »Wie geht's Dir?« oder »Was machst Du?« oder »Mit wem hast du heute noch so Kontakt« oder schaute sich gemeinsam Fotos an, über die man sprach, lachte oder lästerte. – Heute dagegen schaut man sich dessen Profil an, erfährt auf seiner Homepage, wie es ihm geht, sieht sich dort die neuesten Fotos an und erfährt durch die verschiedensten Netzwerke, welche Freunde er hat und wie und wo er mit wem zusammen ist. Nur mit jemandem selbst sprechen oder ihn fragen, das braucht man heute absolut nicht mehr.
Herzlich,
Stephan
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© 2009 Stephan Wolters, Autor von: ►»Gras in den Dünen«
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Kommentare
RE: Internet-Sucht
Hallo Stephan,
nun habe ich beschlossen, zum nächst möglichen Zeitpukt ein Buch anzulegen, als kleine Notitzsammlung über meine Fastenpausen im Internet. Solange ich das durchhalte (möglicherweise ja nur eine kurze Zeit lang) sichert das in gewisser Weise die Balance zwischen der Zeit der Internetnutzung und dem anderem Leben.
Nicht unerwähnt lassen möcht ich zwei Dinge:
1.)das Fernsehen ist bei mir stark zurückgegangen zugunsten von Internetnutzung
2.) Die virtuellen Kontakte haben ja bei evangelisch.de für mich reale Bezüge: ich freue mich (echt!) darüber, sie verdrängen in gewissem Maß Einsamkeit. Natürlich nur gut solange die Balance zw. virtuellem und realem Leben stimmt.
Aber die erste Internet-Fastenpause war nicht schlecht - zugunsten des realen Lebens: Ich habe nun 21,5 h ohne den PC hinter mir. Jetzt bräuchte ich einen Emoticon oder wie das heißt für verhaltenen Stolz. Ich schätze mich (momentan) so ein: ich habs einigermaßen im Griff, das kann sich aber auch wieder ändern...
RE: RE: Internet-Sucht
V I E L E R F O L G !
Herzlich,
Stephan