Der Mann in Boxershorts

Wie kann man überhaupt das eigene Leben als Geschichte erzählen? Es sind doch viele Geschichten, schnell erzählte, sie ploppen aus dem Nichts auf oder aus dem anderen, es sind Bilder, Fragmente, und dazwischen immer die Stücke, die keiner erzählt, auch nicht der Autor eine dicken Autobiografie.

Kim Thúy, Kind wohlhabender Bürger aus Saigon, floh als Zehnjährige mit ihren Eltern in den Westen. „Der Klang der Fremde“, heißt ihr Buch, ein Roman, sagt der Verlag, und was sie erzählt, ist in seiner Fremdheit romanhaft, aber ein Roman ist das eigentlich nicht. 30 Jahre nach ihrer Flucht geht Kim Thuy, inzwischen Rechtsanwältin, Kanadierin, ihren Erinnerungen nach, soweit sie gerade tragen, vor und zurück, Glieder einer Kette, die sich verwickelt und auflöst in ihrer eigenen Logik und Schönheit. Bilder aus dem palastartigen Wohnhaus ihrer Großfamilie in Vietnam, aus dem dunklen Bauch des Schiffes, in dem die boat people nach Malaysia treiben, vom ersten Schnee in Quebec, von geschenkten, übereinander gezogenen Kleidern, von Onkel zwei und Schwiegertante sieben, von einer Teedose mit zehn gefalteten Zetteln, einem rosa Kinderarmband, in das Diamanten eingeschweißt sind. Schönes Buch. Leseprobe:

„Wir wussten nicht, wo wir waren. Wir hatten das erstbeste Festland angesteuert. Als wir uns dem Strand näherten, rannte ein Asiate in hellblauen Boxershorts auf unser Boot zu und schrie immer wieder auf Vietnamesisch, wir sollten von Bord gehen und das Boot zerstören. War er wirklich Vietnamese? Waren wir nach vier Tagen auf See wieder an unserem Ausgangspunkt? Niemand stellte sich die Fragen, glaube ich, wir sprangen alle ins Wasser, als wäre eine Armee aufmarschiert. Der Mann verschwand in diesem Chaos, für immer. Ich weiß nicht, warum mir sein Bild so deutlich im Gedächtnis geblieben ist, wie er im Laufschritt durchs Wasser kam, die Arme in der Luft, mit der Faust ins Leere boxte und einen Schrei ausstieß, den der Wind nicht bis zu mir trug. Ich erinnere mich so genau an das Bild wie an das von Bo Derek, die im hautfarbenen Badeanzug aus dem Wasser gelaufen kommt. Dabei habe ich diesen Herrn nur ein einziges Mal für einen Sekundenbruchteil gesehen, ganz im Gegensatz zu dem Bo-Derek-Plakat, das mir monatelang tagtäglich begegnete.
Alle die auf dem Deck standen, haben ihn gesehen. Doch niemand würde wagen, dies mit Gewissheit zu behaupten. Vielleicht war er einer der Toten, die gesehen hatten, wie die Schiffe von den lokalen Behörden aufs Meer zurückgeschickt wurden. Vielleicht war er ein Gespenst, das uns erst retten musste, um selbst ins Paradies zu gelangen. Vielleicht war er ein schizophrener Malaysier. Vielleicht auch ein Tourist aus den Club Méditerranée, der aus der Monotonie seiner Ferien ausbrechen wollte.“

Kim Thúy: Der Klang der Fremde. Kunstmann Verlag, 158 Seiten, 14,90 Euro. Ab 1. September im Buchhandel
 

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