Die Liebe in den Zeiten des Krieges
„Jemand im Wagen schrie: ‚Die Flieger sind da!’ In der allgemeinen Aufregung, die die vielen Leiber zu einem einzigen verschmolz, hatte Pierres Hand nach einer anderen Hand gegriffen, die ihn berührte. Als er den Blick hob, sah er, dass sie es war...“
Und sie macht sich nicht los. Im Zug treffen sich Pierre und Luce. Er, achtzehnjährig, weiß, dass er in sechs Monaten an die Front muss. Doch der Krieg ist schon in der Stadt. Romain Rolland lässt seinen kleinen Roman am 30. Januar 1918 einsetzen. In jener Nacht traf der erste massive deutsche Luftangriff Paris, 45 Tote, mehr als 200 Verletzte. Hunderttausende waren da schon auf den Schlachtfeldern gestorben, doch ins Bewusstsein der Pariser drang der Krieg erst wirklich, als die Bomben auf ihre Stadt fielen, schreibt der Übersetzer Hartmut Köhler in seinem Nachwort zu „Pierre und Luce“. Der Roman endet drei Monate später, wieder mit einem schweren Bombenangriff.
In der kurzen Zeit dazwischen entspinnt sich die zarte Liebesgeschichte zwischen Pierre und Luce. Beide sind fast noch Kinder, überwältigt von diesen neuen Gefühlen, erschrocken von der eigenen Bindungslosigkeit an eine Welt, die ihnen aber auch keinen Anker anbietet: Der idealistische, skeptische Pierre erklärt seine braven Eltern und ihre ganze Klasse für unerreichbar – und für mitschuldig am Elend des Krieges. Luce hingegen interessiert sich nicht für die Ereignisse an der Front. Aber sie „öffnete ihrem bürgerlichen Freund die Augen für den mörderischen Krieg, der für die Armen, und insbesondere die Frauen, heimtückisch und unaufhörlich unter der Lüge vom Frieden herrschte.“
Der Schriftsteller und Musikwissenschaftler Romain Rolland (1866-1944) hatte 1915 den Nobelpreis für Literatur erhalten. Er war Kosmopolit und später auch Kommunist, schrieb sich Briefe mit Stefan Zweig, ein unermüdlicher Kämpfer für Frieden und Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen, noch mitten im Krieg. „Pierre und Luce“ entstand, als der Erste Weltkrieg nicht vorüber war, Rolland schrieb die Geschichte in der Schweiz, weil er nach seinem publizistischen Einsatz für den Frieden zu Hause nicht mehr gelitten war – der kleine Roman ist ein anrührendes Zeitzeugnis, wohl keine große Literatur, aber doch ergreifend und lesenswert.
Romain Rolland: Pierre und Luce. Aufbau Verlag, 144 Seiten, 14,95 Euro
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