Der selbst gemachte Mann
Eine Frau war so schön und so klug, dass alle sie heiraten wollten. Die Männer kamen von überall, aus England, aus Holland, aus Grönland und aus Samarkand. Sogar ein als Mann verkleideter Eisbär war dabei.
Natürlich wollte die Frau einen Gatten, der zu ihr passte, einen, der schön, klug und jung war.
Sie schaute sich einen Mann nach dem anderen an. Der erste war blond wie ein Prinz. Beim Gehen aber kamen ihm die Beine durcheinander. Der zweite entschuldigte sich und entschuldigte sich und man wusste nicht, wofür. Der dritte sah aus, als hätte er vorne und hinten dicke Kissen in die Hose gestopft. Zudem war er strohdumm. Als die Frau ihn fragte: Wieviel ist dreimal drei?, da begann er an seinen Fingern zu zählen und verzählte sich. Und auf die Frage: Welches Tier reimt sich auf Nil?, antwortete er: das Nilpferd. Der vierte redete so viel, dass die Frau nicht zum Fragen kam. Der fünfte redete gar nicht.
Der sechste, der verkleidete Eisbär, war ihr zu haarig am Hals und im Gesicht. Die Frau schickte ihn fort. Sie wollte ungestört weinen können. Der Eisbär gab ihr seine Adresse. Für alle Fälle, sagte er auf Englisch, verbeugte sich und ging.
Ach, schluchzte die Frau, so viele Männer und keiner darunter, der zu mir passt.
Da sie nicht nur schön, klug und jung, sondern auch tapfer war, fasste sie sich rasch wieder. Sie rief:
Also gut, also gut, also dann,
mach ich mir selbst meinen Mann!
Und ging an die Arbeit. Sie sägte, schraubte, schabte, sie klebte, nähte und stopfte.
Nach einer Woche stand der Mann fertig da. Sehr schön, sehr jung und frisch rasiert. Nur klug war er natürlich noch nicht, aber das sollte er werden.
Die Frau brachte dem Mann alles bei, was sie selber wusste – über Tiere und Pflanzen, über fremde Länder, über alte Zeiten. Sie lehrte ihn Lesen, Schreiben und Rechnen. Bald war er so klug wie sie.
Wieviel ist dreimal drei?
Neun.
Welches Tier reimt sich auf Nil?
Das Krokodil
Die Frau war stolz auf ihren Mann und war verliebt ihn ihn.
Wann heiraten wir?, fragte sie.
Er sagte: Nie. Ich muss in die Welt hinaus. Zum Nil, zum Mississippi, zum Amazonas. Ich muss dahin, wo der Pfeffer wächst und der Pfefferminz, rief er und war weg.
Die Frau weinte so lange, bis alle Taschentücher aufgebraucht waren. Also gut, also gut, also dann, sagte sie und wusste nicht weiter. Also gut, also gut –
Weiter ging es erst viele Monate später, als sie beim Wegräumen alter Papiere auf die Adresse des Eisbären stieß. Sie schrieb ihm einen langen Brief. Und er schrieb einen kurzen zurück. Darin stand: Ich komme!
Mit dieser Schöpfungsgeschichte beschloss der Autor Jürg Schubiger eine Rede, die er 2008 auf dem Frankfurter Campus hielt. „Was mir beim Schreiben vorschwebt“, hieß die Rede, und sie gibt Einblicke in den Schöpfungsprozess eines Schriftstellers, es geht um Einstiege und Tonfälle, Anstöße und Anläufe, Muster und Motive, Überraschungen und Sackgassen. Gedruckt ist die Rede wirklich dünn, ein Heftchen nur, eine Jahresgabe vom Freundeskreis des Instituts für Jugendbuchforschung. Ein kleiner Schatz, wohl nicht zu kaufen. Aber der selbstgemachte Mann lohnt sich ja auch so zu lesen... Obwohl ich nicht sicher bin, dass es mit dem Eisbär tatsächlich ein Happy End gibt.
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