Schuld und Sühne, nur dünner

Draußen steht die Hitze und die Mücken surren, aber dieses Buch lässt einen frösteln. Ein armseliges Zimmer, ein einziger Sessel, und die Schneeflocken setzen sich auf die Fensterscheibe wie Insekten an die Wand. So fängt es an.

Changarnier ist am Ende. Arm in einer schäbigen Welt, reinen Herzens, hochfahrend, hochmoralisch, tief gefallen. Von seinem letzten Geld will er einen Bettler einladen, mit seiner letzten Kraft will der Fiebrige der Verzweiflung irgendwie entfliehen. Violette, eine ebenso elende junge Frau, folgt ihm mehr, als dass sie ihn begleitet.

„Aber wohin gehen wir denn überhaupt?“ will sie von ihm wissen. Egal, erwidert Changarnier, „Wir gehen einfach vor uns hin und hoffen, dass uns etwas widerfährt... Was bleibt Unglücklichen wie uns anderes übrig, als voranzugehen in der Hoffnung, dass uns etwas Neues passiert? Wir gehen, solange die Kräfte reichen, bis wir nicht mehr können, und dann wird man weitersehen, uns kann ja nichts Schlimmes mehr passieren. Sind wir denn nicht das Mittelmäßige, das Kranke, das Schwache dieser Welt? Wir müssen gehen, Violette.“

Auf ihrem ziellosen Weg durch das nächtliche Paris heftet sich ein Unbekannter an ihre Fersen. Changarnier stellt sich vor, dass er diesen Mann umbringt, dass er verhaftet wird, dass er dem Untersuchungsrichter begreiflich zu machen versucht, dass er die Tat nicht vorsätzlich begangen hat. Der Richter glaubt ihm nicht – eine Phantasie, das Ganze, doch Changarnier kann davon nicht lassen. Er, der eben noch auf der Suche nach Geld war, nach Glück und Leben, will sich stellen, er muss sich stellen, er muss ein Geständnis ablegen, eine Schuld bekennen, das würde ihn erlösen. Violette kann ihn nicht davon abbringen, auch nicht, als tatsächlich ein Verbrechen geschieht und die beiden verhaftet werden. Changarnier aber besteht auf der Freiwilligkeit, er muss sich stellen, er darf nicht gestellt werden, er will, dass man ihm glaubt, er fleht und weint mal wie ein Tobsüchtiger, mal wie ein Kind um sein „Recht auf Gerechtigkeit“. Schuldig will er sein, sühnen will er unbedingt, aber vor allem dringt er auf Wahrnehmung.

Das hat etwas Abstoßendes, Wahnsinniges – und etwas Heiliges. Die größte Schuld auf sich geladen zu haben und zur größten Reinheit fähig sein, das macht ihn zu einem Dostojewskischen Helden. Und so heißt die Novelle von Emanuel Bove im Original denn auch „Un Raskalinikoff“.

Emanuel Bove wurde 1898 in Paris geboren, sein Vater war ein jüdischer Einwanderer aus Kiew, ein Lebenskünstler ohne festen Beruf, seine Mutter eine deutschsprachige Luxemburgerin, die als Dienstmädchen arbeitete. Bove ging in England, Paris und Genf zur Schule, lebte mit dem Vater und dessen Freundin, einer reichen Engländerin, manchmal auch bei seiner Mutter. In Paris und anderen Orten schlug er sich als Straßenbahnfahrer, Kellner, Hilfsarbeiter bei Renault, als Taxifahrer durch, bis zu seinem literarischen Durchbruch mit dem Roman „Mes amis“. Die Angst vor der Armut, vorm Absturz hat ihn wohl nie verlassen. Er starb 1945.

Emmanuel Bove: Schuld. Roman. Lilienfeld Verlag 2010, 122 Seiten, 17,90 Euro
 

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