Mensch, was bist du?

T.C. Boyle und eine Kaspar-Hauser-Geschichte! Meine Kollegin Renate Kortheuer-Schüring war wirklich ziemlich überrascht, als sie unter den Neuerscheinungen des Frühjahrs "Das wilde Kind" entdeckte.

Der amerikanische Erfolgsautor hat dicke Romane über das Hippieleben, Sex und andere Obsessionen geschrieben ("Drop City", "Dr. Sex", "Die Frauen"). Jetzt aber folgt ein "dünnes Buch" - eine Erzählung, in der alles Epische und Ausschmückende, auch jede Ironie zurückgenommen und die Sätze ganz einfach werden angesichts der brutalen Realität eines ausgesetzten Kindes.

Und doch ist es endlich mal wieder eine richtige Geschichte - keine erzählerische Konstruktion von Gedankenspielen - und es ist eine der anrührendsten, die ich in letzter Zeit gelesen habe: Boyle schildert das historisch verbürgte Schicksal des völlig verwilderten "Wolfskindes" Victor von Aveyron, das um 1773 in Frankreich aufgegriffen wurde. Der französische Regisseur François Truffaut hat den Stoff 1970 verfilmt ("L'Enfant sauvage"/"Der Wolfsjunge").

Als Fünfjähriger von seiner Stiefmutter im Wald ausgesetzt und schwer verletzt, überlebt das Kind und ernährt sich von Nüssen, Pilzen, Beeren und allem, was nicht schnell genug wegrennen oder -fliegen kann. Völlig verwildert, zähnefleschend und um sich beißend, wird "l'animal" (das Tier) schließlich gefangen. Die lange und erschütternde Geschichte seiner Zähmung beginnt.

Victor, wie er später genannt wird, weil er nach vielen Jahren gelernt hat, den Vokal "O" zu sagen, ist ein monströses Wunder für seine Zeitgenossen. Mehrere Erzieher versuchen sich an ihm, besonders der junge Arzt Itard, der ihm Sprache, Kultur und Anstand beibringen möchte.

Was macht den Mensch zum Menschen? Das ist die Frage, die Boyle interessiert. Doch als pädagogische Versuchsanordnung erscheint sie verfehlt: Das wissenschaftliche Experiment, das Victor für seine Zeitgenossen darstellt, kann zu ihrer Klärung nichts beitragen; philosophische Thesen und Menschenbilder zerschellen am furchtbaren Schicksal des ausgestoßenen Wesens. Rousseaus naturbelassener "edler Wilder"? Forget it. Zu abstoßend tierisch verhält sich der Junge, der gern schon mal Mäuse und Frösche roh hinunterschlingt. Erziehung, Kultur, Zivilisation - machen sie den Menschen aus? Den pädagogischen und durchaus auch liebevollen Bemühungen des Arztes um Victor sind eindeutig Grenzen gesetzt.

Letztlich ist Victors - so schwer deformiertes - Menschsein geheimnisvoll und unverfügbar: Er ist ein Kind, das über Schnee jubeln kann - eine der bewegendsten Szenen. Und jubelt er wohl auch nur, weil er angesichts der Kälte nicht mehr um seine Existenz fürchten muss, sondern aus dem warmen Haus hinaus nackt ins Schneegestöber laufen kann. Oft "hängt" er den Wolken nach, im unbestimmten Sehnen nach etwas. Er ist als Pubertierender in der Lage, aus Liebe ein Brot abzugeben - wobei Speise ihm das Wichtigste überhaupt, das Leben schlechthin, bedeutet.

"Eine unmenschlichere Strafe könnte nicht erfunden werden, als dass man - wenn dies möglich wäre - in der Gesellschaft losgelassen und von allen ihren Mitgliedern völlig unbeachtet bleiben würde", schrieb vor einem guten Jahrhundert der US-amerikanische Psychologe William James (1842-1910). T. C. Boyle schildert auf ergreifende Art, was in diesem Fall mit einem kleinen Kind passiert.

Urspünglich sollte seine Erzählung ein Unterkapitel des Thrillers "Talk Talk" werden. Gut, dass Boyle es dann doch anders fügte. "Das wilde Kind" steht für sich - eindrücklicher, als manch dicker Roman. Boyle fügt der bekannten Geschichte kaum Neues hinzu, aber wie er sie erzählt - voller Mitgefühl für die gequälte Kreatur und voller Respekt vor dem unangepassten Naturwesen, das von der Gesellschaft schließlich ein zweites Mal aufgegeben wird - vergisst man nicht so schnell.

Renate Kortheuer Schüring

T. Coraghessan Boyle: Das wilde Kind. Erzählung. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München 2010. 112 Seiten, 12,90 Euro.
 

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