Ein Bruder wird begraben

Pfingsten kam der Heilige Geist auf die Jünger herab, und zu Pfingsten starb Ekkehart Valentin Q. Ein sonderbarer Mann Anfang dreißig, ein Fahrradunfall auf dem Weg vom Schwimmbad zur Kneipe.

Seine Schwester erzählt von diesem Tod. Die Autorin Roswitha Quadflieg ist wohl, fast, diese Schwester, jedenfalls hat sich fast alles so zugetragen, wie sie es in diesem „Bericht“ erzählt. Er heißt „Der Tod meines Bruders“, und so nüchtern ist er auch, dieser Bericht: vom Telefonat am Pfingstabend, wo die Schwester erfährt, dass Ekkehart Valentin verunglückt ist und zum Sterben in einem Krankenhaus liegt, von den Gesprächen, die sie mit der Mutter, dem inzwischen anderweitig verheirateten Vater (dem Schauspieler Will Quadflieg) und den Geschwistern führt, bis zur Beerdigung in dem Dorf, wo der Bruder als Busfahrer gearbeitet und auf einem Bauernhof gelebt hatte.

Die Autorin, damals 36jährig, hat das schmale Buch 1985 geschrieben, jetzt, 25 Jahre später, hat es der Stroemfeld Verlag neu herausgebracht. Das erste Buch von Roswitha Quadflieg, die sich durch Illustrationen und durch ihre Raamin Presse einen Namen gemacht hatte, bevor sie als Schriftstellerin hervortrat. Es besticht durch Unaufgeregtheit. Und durch eine schön durchgehaltene Ambivalenz von Nähe und Distanz. In der Familie, die da am Sarg des Bruders zusammenfindet, scheint es viel Fremdheit zu geben – aber Kälte weht nicht durch die Zeilen, das nicht. Man war einander fern, jetzt ist man beieinander, das wirkt ungewohnt. Trauer um den Bruder? Bedingt. Irgendwas ist richtig an diesem Tod.

Und irgendwas ist richtig an diesem Buch. Bevor die Erzählerin richtig loslegt, erklärt sie uns ihren Plan. „Ich möchte versuchen, seinem Leben durch die Beschreibung eines Phänomens auf die Spur zu kommen, das sich einstellte, als Ekkehart Valentin Q. verunglückte und starb. Des Phänomens, dass sich plötzlich Menschen, die sich zum Teil jahrelang nicht mehr gesehen und gesprochen hatten, zu ihm gehörig fühlten und an ihn dachten, sich seiner erinnern wollten und dadurch... für drei Tage und drei Nächte entdeckten, dass sie alle irgendwie irgend etwas miteinander zu tun hatten. Ja, dass sie in ‚Kindertagen’ einmal eine Familie gewesen waren, richtig mit Vater und Mutter und fünf Kindern.“

So hat sie es dann gemacht. Genau dieses Phänomen offenbaren ihre sachlich geschilderten Beobachtungen. All die Mühe und Verunsicherung, die das mit sich bringt, die Fehlschläge und die kleinen Erfolge, wenn „der Vater“ doch unerwartet am Arm „der Mutter“ hinter dem Sarg hergehen will, wenn „der Bruder“, der andere natürlich, sich verhalten darüber amüsiert, dass Ekkehart nun neben einer Frau Fleischfresser begraben wird.

Ein schönes Buch. So schmucklos, vielleicht so haltbar wie der Grabstein, den die Schwester schließlich mühsam auf einer Karre durch den Sand zum Grab zieht. Für den Bruder der Tod, das Ende – für die Schwester aber markiert das Buch heute einen Anfang. Den Anfang als Schriftstellerin.

Roswitha Quadflieg: Der Tod meines Bruder. Ein Bericht. Stroemfeld Verlag, 120 Seiten, 14,80 Euro
 

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