Sex and the Universe
Im Grunde dreht sich ja alles darum, besonders die Literatur. Und je oller der Schriftsteller, je doller. Okay, das gilt nicht für alle. Für wen aber auf jeden Fall? Für Philip Roth!
Ich hab ihn doch immer so gern gelesen. „Der menschliche Makel“, „Portnoys Beschwerden“, „Mein Leben als Sohn“, sein präziser, oft selbstironischer Blick auf die Welt, auf die Natur der menschlichen Beziehungen, seine großartigen Figuren, das Format seiner Geschichten, die immer an ihren Schauplatz gehören und doch so weit darüber hinausweisen...
Aber jetzt scheint Philip Roth nurmehr ein einziges Thema zu haben. Sex. Sex im Alter, die Angst vorm Verlust, vorm Machtverlust, und er schreibt dagegen an mit Alt-Männer-Sex-Geschichten, immer wieder, immer mehr und absurder. Ja, ich weiß, es ist die Angst vorm Tod, die hier die Feder führt (brillant, natürlich, bei Philip Roth), das ist nicht irgendein Thema, es ist überhaupt DAS Thema, und trotzdem mag ich’s nicht mehr hören, nicht so. Roth komplettiere eine Liste der sexuellen Unwahrscheinlichkeiten, hat ihm schon „Literaturen“ vorgehalten, wir verraten den aktuellen Stand der Dinge: 65jähriger abgehalfterter Schauspieler mitten in der Krise wird von 40jähriger Lesbe verführt, die noch nie einen männlichen Liebhaber hatte. Und ja, es ist Liebe, jedenfalls ein Jahr lang, dann kommt der Teil, der der Geschichte ihren Titel gibt: „Die Demütigung“.
Im Grunde ist aber wohl schon das Altwerden die Demütigung. Das Einzeln- und Sinnloswerden. Ulrich Greiner denkt in der „Zeit“ darüber nach, dass für den Gläubigen die Religion Sinn und Zusammenhang stiften mag, für Roth und seinen Helden es diesen Sinn aber nicht gebe. „Was bliebe dann? Die Nähe zu einem Menschen, bei der man den anderen spürt und damit sich selber. Deren innigste Form ist der sexuelle Akt, und vielleicht deshalb spielt er im Werk von Philip Roth eine so bedeutende Rolle. Im selben Maß aber, in dem die Sexualität Sinn stiften soll, gewinnt jene Abhängigkeit an Gewicht, die mit dem Abstand wächst: mit dem Abstand des Alters und dem des Begehrens.“
Goethe, Walser, Roth. Welche Hybris muss das mal gewesen sein, dass sie sich am Ende so erschrecken kann, dass sie so wortgewaltig davonschleichen und sich vorher noch mal richtig feiern muss... Und doch werde ich die Bücher von Philip Roth wieder und wieder lesen. Sie werden übrigens immer genauer, konzentrierter, brauchen immer weniger Ausschmückung. Sie werden immer dünner.
Philip Roth: Die Demütigung. Hanser Verlag, 144 Seiten, 15,90 Euro
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Kommentare
Soll man das nun lesen oder nicht?
Die angekündigte "Antwort" bleibt aus: soll man das Buch nun lesen oder nicht???
Oh, hatte ich eine Antwort
Oh, hatte ich eine Antwort versprochen? Die muss ich wohl schuldig bleiben, denn ich bleibe dabei: Ich mag's nicht mehr hören, aber ich werde Philip Roth immer wieder lesen.