Fremdheit und Verrat

Das Buch fängt auf dem Cover an. Eine schöne, junge Frau. Sympathisch? Naja: interessant. Die Haare streng zurückgekämmt, und doch wirken sie immer noch – unbändig. Der Blick: reserviert, verletzt. Die Lippen: zu dunkel geschminkt. Könnte die Heldin des Buches sein. Ist aber die Autorin.

Maeve Brennan, 1917 in Dublin geboren, zog 1934 mit ihrer Familie in die USA und trat, als sie 32 Jahre alt war, in die Redaktion des „New Yorker“ ein, des berühmtesten Magazins der Welt. Als Autorin einer Kolumne „Talk of the Town“ war sie so eine Art Carrie Bradshaw der 50er, und sie sah besser aus. Sie schrieb aber weniger über Sex. Dafür schrieb sie außer ihrer Kolumne Kurzgeschichten, Essays, Rezensionen. „Die Besucherin“ ist der früheste enthaltene Text von ihr, wahrhaft dünne 90 Seiten, und wohl Mitte der 40er Jahre entstanden. Anastasia, eine junge Frau Anfang zwanzig, kehrt zurück nach Dublin, die Stadt ihrer Kindheit, nachdem sie ihre Jugend mit der Mutter in Paris verbracht hat. Die Mutter starb, jetzt sucht Anastasia ein Zuhause bei ihrer Großmutter. Doch dort ist sie nicht wirklich willkommen. Anastasia wird bestraft für eine Entscheidung, die sie im Alter von sechs Jahre getroffen hat – dass sie mir ihrer Mutter fort gegangen war, den Vater in Dublin zurücklassend. Die Großmutter verzeiht das nicht. Es gibt Enttäuschungen, die sind nicht zu heilen, Entfremdungen, gegen die keine Liebe hilft, wenn Engel fallen, egal wie früh, dann sind sie gefallen. Andere erhöht der Fall.

Anastasia besucht eine Freundin ihrer Großmutter, für die auch sie eine gewisse Zuneigung empfindet, die unverheiratete Miss Kilbride, die krank ist und Zigaretten raucht. „Die schaden mir“, sagt sie vergnügt. Und erzählt später, weniger vergnügt als nachdenklich, von einer anderen Verfehlung, einer heimlichen Liebe:

„Ich war immer froh darüber. Ich habe es nie bereut. Ich habe es nie gebeichtet. Es hat mich davor bewahrt, eine alte Jungfer zu werden. Ich bin keine alte Jungfer.“
Sie betrachtete Anastasia mit erschrockener Siegerfreude.
„Sie sind ein Engel“, sagte Anastasia ratlos.

Und doch kann Anastasia der Geschichte dieses ältlichen Engel kein gutes Ende bereiten, obwohl es so einfach wäre. Genauso wenig kommt die Großmutter über ihre Rachsucht und Trauer hinaus. Keiner geht den entscheidenden Schritt aus der Einsamkeit, und die Novelle nimmt ein wahnsinniges Ende. Genau wie ihre Autorin, mehrere Jahrzehnte später. Maeve Brennan, so heißt es im Nachwort des Übersetzers Hans-Christian Oeser, begann nach ihrer Scheidung ein rastloses Wanderleben von Hotel zu Hotel, an der Peripherie bürgerlicher Solidität. Nach einem Nervenzusammenbruch litt sie unter schizophrenen Schüben und wurde mehrfach in psychiatrische Kliniken eingewiesen. Während ihrer letzten Lebensjahre hauste die Journalistin in einer Abstellkammer der Damentoilette in den Redaktionsstuben des „New Yorker“, sie belästigte Besucher und warf eines Tages die Glastür zum Büro des Geschäftsführers ein. Da musste sie auch diese Unterkunft räumen. „Nach einem Jahrzehnt geistiger Umnachtung und materiellen Elends starb Maeve Brennan im November 1993, mittellos, vereinsamt und vergessen, sechsundsiebzigjährig in New York.“

Maeve Brennan: Die Besucherin. Steidl Verlag, Göttingen, 2003, 96 Seiten, 14 Euro (als Taschenbuch sieben Euro) 

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