Nach Hause kommen

Nicht mehr lange, und in den Zeitungen und im Fernsehen wird rauf und runter das Ende des Krieges 65 Jahre her sein. Wie war das damals? Ein Jammer oder eine Befreiung? Eine Frage der Lage. Valentin Senger jedenfalls hatte allen Grund, erleichtert zu sein.

Der Frankfurter Jude und seine Familie hatten Faschismus und Krieg mitten in seiner Heimatstadt versteckt überlebt, und er hat darüber das Buch „Kaiserhofstraße 12“ geschrieben. 1978 ist es erschienen. Es wurde ein Bestseller und später verfilmt. Noch später, gut 50 Jahre nach dem Mai 1945, gab er als alter Mann seiner „Verwunderung über die Nachkriegszeit“ Ausdruck, das Bändchen heißt „Der Heimkehrer“ und ist das kommentierte Tagebuch seiner Flucht aus einem Klosterlazarett bis nach Frankfurt, von März bis Mai 1945.

Senger hatte doch noch zum Militär gemusst, aber ein Fleckfieber rettete ihm das Leben: Er kam nicht an die Ostfront, wie sein Bruder, sondern zu den Ursulinen in Fritzlar und versuchte dann – die Amerikaner waren bereits im Land – sich nach Frankfurt durchzuschlagen. Das dauerte, er war auf Hilfe angewiesen, aber oft wurde sie ihm von den Deutschen nur gewährt, wenn er sich als Frontheimkehrer ausgab. Bei den amerikanischen Soldaten musste er sich allerdings anders darstellen, was nicht immer gelang. Senger, der sich damals nicht als Jude begriff, sondern vor allem als Kommunist, geriet erstmal an drei Frauen, „zwei Fabrikantenfrauen aus Kassel und eine Generalsfrau aus Wiesbaden“, die ihm in einem Jagdhaus ein Versteck anboten und von ihm, in den Wirren des „Zusammenbruchs“, Leibwächterdienste erwarteten. Eigentlich ein ordentlicher Deal, sie aber „konnten sich partout nicht von der Vorstellung lösen, Juden und Zigeuner seien minderwertige Menschen und ihre vom Staat verfügte Isolierung, so die Ausdrucksweise der drei Frauen, gut zu verstehen.“ Dann erlebte Senger mit, wie die Amerikaner in den Augen seiner Mitbewohnerinnen alsbald zu Freunden mutierten, die Russen hingegen nicht. Er zieht weiter, mit amerikanischen Passierschein, hört Dolchstoßlegenden, trifft stolze Ritterkreuzträger, er spürt immer noch den „scharfen Wind von Herrenmenschentum, Ausländerhass, von Blut und Eisen“, und er spürte ihn auch, als er das alles in den 90er Jahren aufschrieb.

In Allendorf traf der Heimkehrer eine Frau, die ihm Essen und Unterkunft anbot, die „froh über das Ende“ war, aber doch traurig, „dass alles umsonst war.“ Er fragte sie nach den Juden im Dorf, die seien alle ausgewandert, bekam er zu hören. Später bemerkt er, wie die Leute sich schnell arrangieren, hört immer öfter, dass man doch immer dagegen gewesen sei, gegen die Nazis, gegen den Krieg, und fast jeder will dann auch mal einem Juden etwas Gutes getan haben, unter den Nazis. In Frankfurt angekommen, lernt er den Hunger wieder kennen und den Schwarzmarkt, findet Arbeit bei den Amerikanern: in der Bäderverwaltung des Offizierskasinos. Wie alle tut der junge Mann, was er tun muss, um zu überleben, klauen, alles Mögliche vermitteln, oder auch aufpassen, „dass niemand die amerikanischen Offiziere stört, wenn deutsche Jungen sie unter der Dusche abseiften.“ Letzteres gehörte sowieso zu seinem Job.

Zum „peinliche Schauspiel des Opportunismus“ gehörte auch, so Senger, was er und andere zurückgekehrte Juden später in Frankfurt erlebten: „dieses servile Grüßen, das Schulterklopfen der alten Bekannten, diese ganze übertriebene Judenfreundlichkeit....Oder auch die scheinheilige Versicherung, unzählige Male wiederholt, nichts gewusst zu haben.“

Valentin Senger wurde später Journalist, nach seinem Bruch mit dem Kommunismus arbeitete er beim Hessischen Rundfunk. Die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt er erst 1981 – wegen seiner Vergangenheit als Kommunist! Er starb 1997.

„Der Heimkehrer“ ist im Moment nicht lieferbar zu sein, man findet das Buch aber im Internet oder in der Bibliothek. „Kaiserhofstraße 12“ erscheint demnächst neu im Verlag Schöffling & Co.

 

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