Mille Grazie!
Man macht sich auf den Weg nach Rom, um gewisse Fragen zu klären. Man bucht Rom, Fiumicino, und man weiß, man wird am Tiber landen. Aber dann? Wo genau wohnen jetzt die Antworten? Die Adresse, bitte!
Und was war noch mal die Frage? Wir begleiten drei literarische Helden – aus dünnen Büchern – in die Stadt. Augustin Feinlein, Leiter eines psychiatrischen Krankenhauses am Bodensee, steuert auf seiner Rom-Reise in Martin Walsers Novelle „Mein Jenseits“ (auf evangelisch.de schon vorgestellt), die Basilika San Agostino an. Und in der Basilika die „Madonna dei Pellegrini“. Von Caravaggio. Und auf dem Bild die schmutzigen Fußsohlen des Pilgers, auf den die Madonna in „ganz anstrengungsloser Teilnahme“ hinabschaut. Dreckig, die Fußsohlen, aber mit größerer Sorgfalt gemalt als vieles andere auf dem Bild, wichtig gemalt, sie machen die Pilger so wichtig wie die anbetungswürdige Dame, die Gebetskraft hält den Besucher fest. „Rom ist mein Jenseits“ , stellt er fest – und später: „Die Caravaggio-Madonna ist mein Jenseits. An sie zu glauben ist einfach. Durch sie wird die Welt schöner als sie ist.“ Und vorher: „Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt.“
Der Glaube wäre schon fast die Erlösung, und vielleicht gibt es nicht mehr als die Hoffnung darauf und die Sehnsucht danach. Doris Dörries Heldin Bea hat es erstmal mit der Sixtinischen Kapelle versucht und dann mit einem Prada-Shop in der Via Condotti, als sie sich auf die Suche nach ihrem Glauben an den einzigen Gott begab. Sie kam der Sache näher in einer anderen der zahllosen Kirchen, innen eine goldene Höhle, erzählt Bea, darin die Marmorskulptur einer liegenden Frau, der ein Engel mit einem Pfeil das Herz durchbohrt. Die heilige Teresa von Avila: so verzückt, dass sie wünscht, der Schmerz würde nie aufhören. Bea weint. Wie soll das denn gehen. Er ist zu schwer, etwas steht im Weg, etwas ist stärker, aber sie kann ja wiederkommen.
Noch eine Rom-Touristin aus einem wundersamen dünnen Buch: Friedrich Christian Delius schickt eine schwangere junge Frau, Gattin eines evangelischen Pastors, sehr zügigen Schrittes durch die heilige Stadt, in einem einzigen Satz. Es ist 1943, der Pastor ist irgendwo an der Front in Afrika, die junge Frau aber bei Diakonissen in guten Händen, und sie läuft, um rechtzeitig in der Kirche zu sein, in der dann das Konzert beginnt, mit sehr protestantischer Musik. So ziel- und lebenssicher ist die junge Frau auf dem Weg, dass sie gar nicht merkt, wie die Irritationen zunehmen, wie neue Fragen die Antworten bedrängen, kaum bemerkt sie die Pracht um sie herum. Der Lauf ist das Ziel, im Gehen wachsen Zweifel und Erkenntnis – und bei Bachs Musik wachsen sie weiter. Die Adresse ist: vielleicht der Weg.
Martin Walser: Mein Jenseits. Berlin University Press, 119 Seiten, 19,90 Euro
Doris Dörrie: Das erste Gebot. In: Im Boot mit Madonna. Zehn Gebote, zehn Geschichten. Edition chrismon, 152 Seiten, 16 Euro
Friedrich Christian Delius: Bildnis der Mutter als junge Frau. Rowohlt, 128 Seiten, 14,90 Euro
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