Eider, Treene, Sorge

„Mein Zaunkönig teilt den
Winter mit mir fremde Gäste
Lassen sich nieder blitzen
Aus den reifigen Büschen.
Die Tintenzüge aus meiner Feder
Mit ihren Füßchen und Krönchen
Fallen her übers weiße Papier
Krächzen wie Raben.

Sarah Kirsch wird  im April 75. Zum Geburtstag erscheint jetzt schon mal ein neues Buch von ihr, gerade noch dünn zu nennen. Auch deshalb, weil viele Seiten nur mit ein paar Zeilen beschrieben sind: Tagebuchnotizen aus den 80er Jahren. Krähengeschwätz, so heißt das Buch, Moorgeschrey ist auch dabei, knarrende Dohlen, sprechende Katzen. „Graureiher flogen uns über die Köppe. Die Moorlilie blühte.“ Im Sommer riecht es nach Kamille und Phlox, im Winter wird „die Venus groß wie ne Stalllaterne“, es schneit und der Abfluss friert ein. Bald fühle ich mich wie zu Hause bei der Dichterin in Tielenhemme, weit hinterm Nordseedeich, einer Gegend, wo die Flüsse Eider, Treene und Sorge heißen, ganz bedenklich zwischen Moor, Marsch und Geest und ziemlich wenigen Menschen. Da lebt sie oder lebte sie in einem alten Schulhaus, mit dem Tonsetzer oder Il Compositore und einem Schuljungen namens Maurizio, mit Schafen, die auch alle hübsche Namen haben und jedes Jahr Lämmer kriegen, mit Robert dem Hund und Loulou der Katze.

Sie dichtet, oft ohne Punkt und Komma, schwelgt in den poetischen Namen der Geschöpfe, Schachtelhalm, Geißblatt, sie liebt ihre Rosen, liebt das grüne Gewebe ihres Gartens und die Kopfweiden, hackt dann ihre Sätze ab mit einem Hieb urbanen Slangs aus Berlin. Damit es nicht albern wird. Bleibt aber doch sehr poetisch und wie aus der Welt gefallen.

„Am Pfingstsamstag wurden die Schafe geschoren, vor unserer Küchentür auf einem alten Tisch. Kamen sie vor der Hitze noch aus den Pelzen. Die Lämmer schrien bis in die Nacht, sie standen neben ihren Müttern und erkannten sie nicht, da sie nun kleiner und eckiger waren. Ihr Inbild war zerstört, runde weiche Wolken schwebten ihnen lange noch vor... Igor der Schnuckenbock sieht wie im Nachtgewand aus unter seinen gewaltigen Hörnern. Als Gespenster stehen die Tiere nachts auf dem Deich und leuchten. Oh wie gut es mir geht! Ich besitze geschorene Schafe, einen Esel, einen Wagen mit Gummirädern an mein Fahrrad zu hängen und ein Dutzend weißgoldener Kaffeelöffelchen.“

In der zweiten Hälfte der 80er war Sarah Kirsch ungefähr so alt, wie ich jetzt bin, und was führte sie da für ein Leben! Immer die Schafe, immer was zu tun, immer in Stiefeln in ihrem Matschedonien unterwegs, Zäune reparieren, Rosen pflegen, schreiben. Nachrichten von Flugzeugentführungen und aus Tschernobyl dringen hinein in dieses Leben und verschwimmen wieder. Unterbrochen der gleichmäßige Fluss von Lesereisen (ich bin wieder auf Mission, sagt sie), von denen sie immer erleichtert zurückkehrt. Fast eine Idylle.

„Es ist ein schöner warmer Tag, sagte der Esel, ich will mich ein Weniges in die Sonne legen. Sehr angenehm, sagte ich und zog meine Zigaretten hervor. Rauchst du wieder, fragte er mich. Die Welt langweilig, tödlich langweilig, sagte er, es lohnt sich nicht ein Mensch zu sein.“

Sarah Kirsch: Krähengeschwätz. Deutsche Verlags-Anstalt, 17,95 Euro

 

Eigene Bewertung: Keine Durchschnitt: 4.5 (2 Bewertungen)

© 2009 - 2012 evangelisch.de  |  Tel: 069 58 098 - 189  |  Fax: 069 58 098 - 418  |  Kontakt  |  Impressum  |  Presse  |  Datenschutz  |  AGB