Buch einer Generation: Der Fänger im Roggen
Von Henrik Schmitz - Es ist schon eine Weile her, dass ich den "Fänger im Roggen" gelesen habe. Ich hatte das Glück, den Roman nicht in der Schule lesen zu müssen. Dinge, die man freiwillig tut, machen in der Regel mehr Spaß. Lesen gehört dazu.
Ich gestehe, der "Fänger im Roggen" hat bei mir vielleicht nicht die Wirkung hinterlassen, die er bei vielen vor allem jugendlichen Lesern gezeigt hat, die sich mit dem Ich-Erzähler Holden Caulfield identifizieren konnten. Und doch ist der "Fänger im Roggen" für mich ein lesenswertes Buch, das – zugegeben – mit rund 270 Seiten nicht so richtig dünn ist, aber nun auch nicht gerade dafür sorgt, die Bretter eines billigen Regales durchzubiegen.
Holden ist 16 Jahre alt, stammt aus ziemlich gutem Hause und ist mal wieder von der Schule geflogen. In dem Roman berichtet er von seinen Erlebnissen in den drei Tagen, die zwischen seinem Verlassen der Schule und der Rückkehr in sein Elternhaus liegen. Aus Eifersucht streitet er sich mit einem Klassenkameraden, betrinkt sich in einer New Yorker Bar, geht mit einer Prostituierten aufs Zimmer (reine Konversation!), trifft sich mit einer Freundin und einem Freund, besucht einen ehemaligen Lehrer und landet schließlich mit seiner Schwester auf einem Karussell im Zoo. Ganz nebenbei wird aus dem pubertierenden Holden ein erwachsener Holden, der einen neuen Anlauf auf einer neuen Schule wagen will. Man darf annehmen, er wird es diesmal schaffen.
Holden schreibt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: in einer Jugendsprache bzw. einer Jugendsprache der 50er Jahre. Interessant ist seine Sicht auf die Welt. Er hat hohe moralische Ansprüche und ärgert sich etwa über seinen Bruder, der ein begabter Schriftsteller ist, sein Talent aber in Hollywood "verkauft". Holden verabscheut alles "Piefige" und "Affektierte", schätzt stattdessen seine Exfreundin Jane und vor allem seine Schwester Phoebe, mit der er tanzt und, nachdem er den ganzen Roman über ziemlich depressiv war, glücklich ist: "Ich hätte beinahe geheult, so verflucht glücklich war ich, falls das jemand interessiert." Holden ist ein mitfühlender Mensch (er schenkt sogar zwei Nonnen ziemlich viel Geld) und er schätzt mitfühlende Menschen.
Am Ende des Buches schenkt uns Holden bzw. J.D. Salinger traurig schöne letzte Sätze, welche die ganze Melancholie und Schönheit des Buches wiedergeben: "Ich weiß eigentlich nur, dass mir alle irgendwie fehlen, von denen ich erzählt habe. Sogar Stradlater und Ackley, zum Beispiel. Ich glaube, sogar dieser verdammte Maurice fehlt mir jetzt sogar. Komisch. Man sollte nie jemand etwas erzählen. Sonst fangen sie alle an einem zu fehlen."
Wer den "Fänger im Roggen" schon gelesen hat, dem sei vielleicht noch der Film „Forrester – Gefunden“ empfohlen. Sean Connery spielt darin den Schriftsteller William Forrester, dessen Figur an J.D. Salinger angelehnt ist. Am Ende des Films gibt es ein wunderschönes Lied, das hier als Abschiedsgruß für J.D. Salinger stehen soll, dem wir ein wunderbares, beinahe dünnes Buch verdanken.
"Der Fänger im Roggen", Rowohlt Tb. (2004), 269 Seiten, 8,95 Euro
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