Tschüß, Livius!

von Anne Buhrfeind – „Livius!“ murmelt mein Mann, und er murmelt mit Ausrufezeichen. „Der zweite Punische Krieg.“ Nachdenklich blättert er in dem Reclambändchen, das ich gerade auf einen bereits gefährlich hohen Stapel gelegt habe. 

Der Livius ist soeben aussortiert worden, endgültige Ablage, adé. Draußen stürmt und regnet es, es ist Sonntagnachmittag, ich hatte ein bestimmtes Buch gesucht und dabei mal wieder festgestellt: Es sind zu viele. Es müssen welche weg. Ich möchte keine Bücherberge neben dem Regal mehr sehen, sondern alles jetzt mal schön nebeneinander und ordentlich und staubfrei in Reih’ und Glied. Wenigstens vorübergehend. Also raus mit dem Kleingedruckten aus den siebziger Jahren, raus mit den immer noch eingeschweißten Leseexemplaren aus den Achtzigern, raus mit den geerbten rororo-Bändchen aus den frühen Sechzigern – obwohl! Die sehen so schön aus, ist doch viel zu schade, sie zu entsorgen. Peter Hofstätters „Gruppendynamik“, das ist doch ein Klassiker!

 Das Spannende an solche Aktionen ist die Frage: Endet es diesmal mit Variante A oder Variante B? Variante A läuft so, dass ich in einen Rausch des Lesens gerate. Ich lese mich fest. Ich bin begeistert von meinen eigenen Schätzen. Ich will jetzt alles von Amos Oz lesen, ich will endlich Richard Brautigam lesen und die Leipziger Buchpreisrede von Richard Kapuczinski aus dem Jahre 1994, und dieser Klappentext eines philippinischen Romans klingt plötzlich ganz unwiderstehlich. Ein neuer Stapel bildet sich auf dem Couchtisch – mit den Büchern, die unbedingt jetzt gleich gelesen werden sollen. Variante B hingegen versetzt mich in den Rausch des Wegwerfens. Wie in Trance reiße ich nie gelesene, längst gelesene Schinken aus dem Billy-Regal, Kissingers Memoiren, Hebbels „Maria Magdalena“ in Fraktur, trenne mich von Wilhelm Busch, Erich Kästner, brauch ich alles nicht mehr. Hey, so geht das nicht! Weder A noch B funktionieren, und so beende ich meinen aktionistischen Sonntagnachmittag auf halbem Wege. Wie immer.

 Für einen Gang zum Container reicht die Ausbeute allemal. Aus dem Keller höre ich die Stimme meines Mannes. „Eine Kulturgeschichte des Alltags!“ ruft er. „Traditionen, Sitten und Gebräuche! Das kann man doch noch gebrauchen!“ C’est la vie...  

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Kommentare

Verfasst von Fritzie am 26. November 2009 - 13:33.
Kommentar auf: Tschüß, Livius!

RE: Tschüß, Livius!

Oh, wie ich das kenne!!!!  Genauer :  da stecke ich gerade mittendrin...

Oh, wie ich das kenne!!!!  Genauer :  da stecke ich gerade mittendrin! Und immer miss ich bedenken, dass meine Bücher nicht nur mir gehören, sondern auch meinen Kindern, und dass ich die immer noch fragen muss, ob noch irgendwer Interesse hätte. oK-Kinderbücher wegsortieren ist alllerstrengstens verboten, aber Krimis braucht man meist nur einmal lesen, und was ich bis jetzt nicht geschafft habe-dafür muss es einen Grund geben, die Zeit wird nicht mehr und für dieses Buch bei mir nicht mehr kommen (oder warte mal, der Klappentext war doch ganz nett, mal eben mittenreingucken...- ... ahem...vleicht doch auf den Nachttisch...)

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