Freiheit! - Vom Spazieren von H.D. Thoreau

Von Anne Buhrfeind - Was, schon wieder am Computer? Jetzt aber raus mit Ihnen!

"Ich glaube, dass ich meine körperliche und geistige Gesundheit nur bewahre, indem ich täglich mindestens vier, gewöhnlich jedoch mehr Stunden damit verbringe, absolut frei von allen Forderungen der Welt durch den Wald und über Hügel und Felder zu schlendern. Und an was, so wird man mich gewiss fragen, denke ich dabei? Zuweilen denke ich dabei daran, dass die Handwerker und Ladenbesitzer nicht nur die Vormittage, sondern auch die Nachmittage in ihren Werkstätten und Läden verbringen, viele von ihnen auch noch mit gekreuzten Beinen – als wären Beine nicht zum Stehen und Gehen, sondern zum Sitzen gemacht –, und dann finde ich, diesen Menschen gebühre eine gewisse Anerkennung, weil sie ihrem Leben nicht schon längst ein Ende gemacht haben. Ich kann keinen Tag in meinem Zimmer verbringen, ohne Rost anzusetzen, und zuweilen, wenn ich mich um vier Uhr nachmittags, gewissermaßen um die elfte Stunde, zu einem Spaziergang fortgestohlen habe, zu spät, um das Tagwerk noch zu retten, da die Schatten der Nacht sich bereits mit dem Licht des Tages mischen, habe ich ein Gefühl, als hätte ich eine Sünde begangen, für die ich büßen muss. Und doch bin ich, wie ich gestehe, verblüfft über das Beharrungsvermögen und vor allem die moralische Gefühllosigkeit meiner Nachbarn, die sich Wochen und Monate, ja ganze Jahre von früh bis spät in Büros und Werkstätten einschließen. Ich weiß nicht, aus welchem Stoff die gemacht sind, die um drei Uhr nachmittags dasitzen, als wäre es drei Uhr morgens. Bonaparte hat von der Tapferkeit um drei Uhr morgens gesprochen, doch die ist nichts im Vergleich zur Tapferkeit, die man braucht, um sich um drei Uhr nachmittags frohen Mutes an die Belagerung der eigenen Person zu machen, mit der man bereits den ganzen Vormittag verbracht hat...“

Das war Henry David Thoreau, der große amerikanische Waldphilosoph, in seinem Essay "Vom Spazieren", ein dünnes Buch, 1862 in Boston erschienen. Und ich geh dann jetzt mal an die frische Luft!

H.D. Thoreau: Vom Spazieren. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Diogenes Verlag, 87 Seiten, 6,90 Euro

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Kommentare

Verfasst von Janek am 22. Oktober 2009 - 18:48.

RE: Freiheit! - Vom Spazieren von H.D. Thoreau

Und auf dem Spaziergang sieht man vielleicht das "Zittergras", wozu...

Und auf dem Spaziergang sieht man vielleicht das "Zittergras", wozu einem ein Gedicht aus einem anderen sehr dünnen Buch einfällt:

"Warum am lichten Sommertag
das Zittergras wohl zittern mag?

Im Erdreich fühlts den Höllenwurm,
in Lüften Gottes Atemsturm.

Du, Mensch, mit deinem Hirngewicht,
du spürst das nicht."

Aus:
Karl Heinrich Waggerl: Heiteres Herbarium. Blumen und Verse.
Otto Müller Verlag Salzburg 1986
52 Seiten - davon die Hälfte sogar Bilder und die Gedichte sind kurz - da bleibt noch genügend Zeit für den Nachmittagsspaziergang á la Thoreau. :-)

Verfasst von Fritzie am 14. Oktober 2009 - 12:29.

RE: Freiheit! - Vom Spazieren von H.D. Thoreau

Hey - ich find die Idee mit den kurzen Büchern prima, man hat ja nicht...

Hey - ich find die Idee mit den kurzen Büchern prima, man hat ja nicht immer so lange Zeit. Die Hemmschwelle ist doch auch kleiner, so mal eben reinzuspitzeln in diese "kleine" Versuchung. Eines meiner Lieblingsbücher ist die Kassandra von Christa Wolf. Auch "alles" Wichtige eher in Nuce, zusammengefaltet und nicht breitgewalzt. Mich regt das kurz gefasste eher zum eigenen Weiterdenken an.

Ich bin gespannt auf weitere Tipps

 

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