Bild dir deine Meinung lieber selbst

Der Schauspieler Dirk Galuba trennt sich von seiner Frau, weil sie – so zitiert ihn die „Bild“-Zeitung vom 3. September – „über 20 Kilo zugenommen“ habe. Und darum sagt Galuba: „Für mich hat meine Frau ihre sexuelle Attraktivität verloren.“ Unter anderem sei eine Hormontherapie wegen des gemeinsamen Kinderwunsches der Grund für die Zunahme. Das Boulevard-Blatt kommentiert „SPINNT DER?“, nennt Galuba einen Schuft und schreibt, das sei „die gemeinste Scheidung des Jahres“.

So weit, so gut.

Drei Zentimeter tiefer auf der gleichen Seite präsentiert sich Ex-Moderatorin Gundis Zambo „Mega-(k)nackig“ in Playboy-Pose und gibt Ex-DSDS-Sternchen Annemarie Eilfeld „Speck-Weg-Nachhilfe“. Denn Annemarie ist mit ihren 19 Jahren zu dick für den Playboy. Das sagt sie selbst, aber keine Bange: Gundis Zambo ist ja zur Stelle, „mit ein paar einfachen Sporteinheiten“ auf dem Weg zum „Traumkörper“.

Auf der einen Seite rügt die „Bild“-Zeitung also den fast 70-jährigen Schauspieler, der seine Frau verlässt, weil sie zu dick ist. Auf der gleichen Seite gibt das Blatt der 19-jährigen Sängerin Tipps, wie sie sich sexy genug für den Playboy macht, weil sie zu dick ist.

Ja, was gilt denn jetzt? Dick? Darf keine Rolle spielen, weil man darum seine Frau doch nicht verlassen darf, das ist laut „Bild“ eine „Macho-Begründung“! Dick? Darf man doch nicht sein, denn jedes überflüssige Pfund muss weg, nur in Playboy-Maßen ist frau wirklich sexy! Allerdings: Auch Galubas Ex-Frau legt Wert darauf, „dass Sie schreiben, dass ich wieder 58 Kilo wiege“. Und zwar zu ihrer „Ehrenrettung“. Einen neuen Freund zum Heiraten hat sie auch schon, wie die Boulevardzeitung mit großer Genugtuung feststellt.

Wir halten also fest: Im „Bild“-Universum darf ein Mann seine Frau nicht verlassen, weil sie zu dick geworden ist. Dick werden darf eine Frau allerdings auch nicht, aber wenn es passiert, kann sie durch Abnehmen ihre Ehre wieder retten und einen neuen Mann finden.

So einfach ist es also.

Dass sich zwei Menschen aus vielfältigen Gründen auseinander leben können, dass Liebe keine endlose Einbahnstraße ist, sondern stetig gemeinsamer Arbeit bedarf, dass Körperlichkeit zwar wichtig ist, aber nicht ausschließlich entscheidend, dass Beziehungen zum einen Privatsache und zum anderen kompliziert sind – das interessiert die „Bild“ nicht. Da kann man nur hoffen, dass wenigstens einige Leser ihre Idee von Ehe, von Schönheit und von Sex nicht nur aus dieser Zeitung haben.

Übrigens: Keine der Frauen auf den Fotos, die zu den Artikeln gehören, ist auch nur ansatzweise übergewichtig. Aber das Reizwort „dick“ lässt sich der Klatschpresse vermutlich nie wieder abgewöhnen – sonst hätte Deutschlands größte Boulevardzeitung nämlich eine Seite leeres Papier drucken müssen statt der Kombination aus „Bunnymarie“ und der „gemeinsten Scheidung des Jahres“.

(Der Ausriss aus der "Bild", der oben zu sehen ist, stammt aus der Bundes-Ausgabe vom 3. September 2009, S. 10.)

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