Wenn keiner lacht. Die misslungene Ironie eines Wahlwerbespots

Von Alexander Gajic - Ein Wahlwerbespot der merkwürdigen Art sorgte in der vergangenen Woche für einen kleinen Sturm im Wasserglas. In dem auf YouTube veröffentlichten Video, das von Friedrich Küppersbuschs Firma Probono produziert wurde, erklären mehr als 30 Promis vor weißer Leinwand, dass Politik sowieso "Kappes" ist und sie deswegen nicht wählen gehen. Gipfel der Unverfrorenheit schien "Tagesschau"-Sprecher Jan Hofer zu sein, der mit ernstem Blick verkündete: "Sie werden mir das vielleicht nicht glauben, aber ich gehe nicht wählen."

Wenn Probono und die Webseite politik-digital.de, die hinter dem Clip steht, für ein bisschen Aufregung in dem Land sorgen wollten, in dem "Comedian" ein Fremdwort und "Komiker" eher eine Beleidigung ist, gelang ihnen das. Denn die Medienlandschaft stieg prompt drauf ein, nicht zwangsläufig entrüstet, wie man es vielleicht erwarten könnte, sondern vor allem stöhnend. Wär ja wohl klar, dass das Ganze nicht ernst gemeint ist, aber die bezweckte Ironie käme auch nicht so ganz durch, war der allgemeine Tenor. Das Blog "Spreeblick" lieferte die Parodie zur Parodie und ließ seine Autoren deklamieren: "Geh nicht raus, wegen Pollen und Sonne und so."

Die meisten Kommentatoren kannten das amerikanische Original. Dort stehen ebenfalls Promis wie Leonardo DiCaprio und Jennifer Aniston vor weißem Hintergrund und fordern erstmal: "Don't Vote!" Schauspieler Jonah Hill meint: "The economy's in the toilet. Who gives a shit? I don't care. I've got so much money." Bald jedoch wandelt sich die Botschaft: Wenn dir der Krieg, Bürgerrechte und das Gesundheitssystem nicht egal sind, solltest du vielleicht doch wählen, sagen die Filmstars. Und verweisen dann darauf, dass man sich für die Wahl im Internet registrieren muss. Der Humor fließt reibungslos mit. Die Comedienne Sarah Silverman weist zum Beispiel darauf hin, dass man sich sogar auf dem Klo als Wähler registrieren kann - wenn man einen Laptop hat.

In Deutschland wurde die Auflösung am Montag nachgeklappt. Natürlich soll man - welche Erleichterung! - doch wählen gehen. Auch Jan Hofer wurde rehabilitiert und durfte staatstragend die Begründung liefern: "Ich lese fast jeden Tag die Meldungen, dass Menschen ihr Leben geben würden, um wählen gehen zu können." U- und E-Kultur prallten wieder einmal schallend mit den Köpfen zusammen.

Viel origineller wäre doch gewesen, wenn auch Jan Hofer den Boah-Krass-Ey-Stil der diversen Rapper und Aso-Comedians im Spot übernommen hätte, so wie das Hamburger YouTube-Phänomen Buddy Ogün, dem die gehnichthin.de-Webseite sogar ein eigenes "Special" für seine schizophrene Nummer widmet, in der er von jetzt auf gleich von Proll-Pöbelei auf hochdeutsche Telefonstimme umschaltet. Wenn hingegen Sandra Maischberger meint, sie gehe natürlich wählen, weil Nichtwählen bescheuert ist, ist man weniger bei ironischem Humor als bei dramatischer Ironie angelangt. Jenem Phänomen, wenn der Held eines Stückes selbst nicht weiß, dass er sich gerade ins Abseits bugsiert, der Zuschauer aber schon.

Einen Silberstreif am medialen Humorhorizont Deutschlands bietet dafür die Redaktion des Popkultur-Magazins "Spex". Sie erwähnt einen Pastafabrikanten im Impressum und bekommt im Gegenzug eine Tonne Nudeln. Die Aktion müsse in ihrer Absurdität voll durchdekliniert werden, sagte Chefredakteur Max Dax der "taz". Daher würden die sechs Europaletten mitten in die Redaktion gestellt. "Geh nicht hin!" kann man nicht durchdeklinieren. Es fehlen die Substantive.

epd medien

 

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Kommentare

Verfasst von Pit am 4. August 2009 - 12:18.

Wahlbeteiligung

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Ich glaube das solch virales Marketing und die Horst-Schlämmer-Partei http://www.waehle-schlaemmer.de die Wahlbeteiligung gerade bei Jungwählern positiv beeinflussen wird. 

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