Der französische Luther - Kirchenreformator Johannes Calvin vor 500 Jahren geboren

Von Stephan Cezanne, epd - Auf Johannes Calvin berufen sich heute rund 90 Millionen reformierte Christen weltweit. Der Kirchenreformator kam vor 500 Jahren, am 10. Juli 1509,  und hundert Kilometer von Paris entfernt in Noyon zur Welt - acht Jahre vor Martin Luthers (1483-1546) legendärem Thesenanschlag gegen die Missstände der mittelalterlichen Kirche. Luther legte den Grundstein der Reformation, die das christliche Europa dramatisch erneuerte und zur Gründung der evangelischen Kirchen führte.

 

Calvin, der "französische Luther", gehört zur zweiten Welle dieser religiösen Revolution. Luther und Calvin sind sich persönlich nie begegnet.

Kein Theologe prägte das protestantische Christentum neben und nach Luther weltweit so tiefgreifend wie Calvin, sind sich Kirchengeschichtler einig. Auch die moderne Demokratie,  die Idee der Menschenrechte und die Ökumene wurden von ihm beeinflusst. In seiner berühmten Genfer Kirchenordnung, entwickelt Mitte des 16. Jahrhunderts, sehen viele ein Modell der späteren staatlichen Gewaltenteilung.

 

Der Sohn aus wohlhabenden Haus - sein Vater war bischöflicher Verwalter - erhielt eine klassische Erziehung und absolvierte ein humanistisches Studium, gehörte also zur Bildungselite seiner Zeit. Zunächst galt Calvin als treuer Katholik. Über Freunde fand er offenbar Zugang zu fortschrittlichen reformatorischen Ideen. Wohl Anfang der 1530er Jahre schloss er sich der Reformation an und bekannte sich offen zum evangelischen Glauben.

 

Calvin musste daraufhin aus Paris fliehen. Nach verschiedenen Zwischenstationen in Basel und Straßburg kam er 1541 endgültig nach Genf, um dort den Rest seines Lebens zu wirken. Er verwandelte die damalige Provinzstadt in ein intellektuelles Zentrum Europas und zog Gelehrte, Handwerker und Familien an, die vor der religiösen Verfolgung Schutz suchten. Calvin spendet durch seine Lehre noch Jahrhunderte später Menschen Trost, die unter Unterdrückung und Verfolgung leiden.

 

Der Reformator trug auch zur wirtschaftlichen Dynamik der Region um Genf bei, neben der Uhrenindustrie zeugt auch das Bankgewerbe bis heute davon. Doch gerade die von dem Soziologen Max Weber (1864-1920) attestierte Nähe zwischen Calvinismus und Kapitalismus wirkt bis heute auf viele befremdlich. Webers Rückführung des Geistes des Kapitalismus auf calvinistische Tugenden hält Historikern zufolge allerdings einer kritischen Prüfung nicht stand.

 

Der niederländische Regierungschef und reformierte Christ Jan Peter Balkenende - dessen Land im Calvinismus stark verwurzelt ist - würdigte die Aktualität des Reformators zur Eröffnung der großen Calvin-Schau im Deutschen Historischen Museum Berlin, die noch bis 19. Juli läuft. Der Aufstieg der modernen Marktwirtschaft sei ohne Calvin undenkbar, sagte er: "Hart arbeiten, bescheiden leben waren im Calvinismus ein biblischer Auftrag, der täglich erfüllt werden musste."

 

Kurzfristige Interessen des Einzelnen sind laut Balkenende im Calvinismus allerdings dem langfristigen Interesse der Gemeinschaft untergeordnet. Angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise wäre es "eine gute Sache, wenn sich die Finanzmärkte stärker von diesem Prinzip leiten ließen", urteilte er.

 

Wegen dieses ausgeprägten Arbeitsethos entstand seit dem 16. Jahrhundert das Klischee der lust-, kunst- und lebensfeindlichen Calvinisten. Doch tatsächlich seien reformierte Christen "gebildeter und vornehmer, in der Lebensführung sittlicher" und toleranter als die Lutheraner, bemerkte die deutsche Dichterin und Historikerin Ricarda Huch (1864-1947): "Handel und Gewerbe brachten eine gewisse Weitherzigkeit gegenüber fremden Nationen und Bekenntnissen mit sich."

 

Im Gegensatz zum eher barock wirkenden Wittenberger Reformator Luther ist der auf Gemälden stets hager und streng dargestellte Asket Calvin jedoch heute eher unpopulär. Calvins Schriften zeichnen sich zwar aus durch Eleganz, Klarheit und Scharfsinn, gelten aber als spröde - ganz im Gegensatz zu Luthers oft mit kernigen und derben Sprüchen gespicktem Werk.

 

Calvins Strenge gegen sich und andere ist wohl auch Folge eines von Schicksalsschlägen gezeichneten Lebenslaufes. Zunächst musste er aus seiner geliebten Heimat Frankreich fliehen, 1549 starb Calvins Frau, ein aus der Ehe stammender Sohn überlebte die Geburt nur kurz.

 

Johannes Calvin starb am 27. Mai 1564 im Alter von 54 Jahren in Genf. Der Nachwelt hinterließ er eine Form evangelischer Frömmigkeit und Spiritualität, die nach wie vor Millionen Menschen weltweit fasziniert.

 

 

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Kommentare

Verfasst von Ismael am 13. Juli 2009 - 9:14.

Calvin kritisch neu entdecken

Einige Ideen Calvins sind m. E. kritisch zu betrachten, andere sollten neu in...

Einige Ideen Calvins sind m. E. kritisch zu betrachten, andere sollten neu in den Blick genommen werden.

So war mir seine Prädestinationslehre immer schon suspekt. Ein Gott, der von Anfang an die Gleise meines Lebens gelegt und alle Weichen gestellt hätte, wäre mit zutiefst unsympathisch. Das widerspricht meiner aus der Bibel entspringenden Vorstellung eines dynamischen, lebendigen Gottes, der uns als mündige und freie Partner bei der Gestaltung der Welt begreift und nicht als die Züge einer Modelleisenbahn, deren Fahrplan er allein vorherbestimmt.

Problematisch ist auch die aus Calvins Prädestinationslehre resultierende Lebensprämisse, ein wirtschaftlich erfolgreiches Leben sei ein gesegnetes Leben. Hier ist Calvin all zu oft verkürzt gelesen worden. Richtig verstanden ist Prosperität nur ein Segen, wenn das Wirken des Menschen der Gerechtigkeit dient und dem Gemeinwohl untergeordnet ist. Die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise und die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich müssen uns daran erinnern!

Der auch eine Generation nach den öko-bewegten späten 70er und frühen 80er Jahren immern noch ungezügelte Verbrauch an den Ressourcen der Erde rückt ein weiteres Ideal Calvins neu in den Blick:

Sparsamkeit. Sich freiwillig und vorausschauend in seinem Konsum einschränken. "Der große Gedanke der Askese ist noch nicht gedacht." (Alfred Andersch, Hohe Breitengrade. 1969)

Konzepte für ein nicht an Konsum und grenzenlosem Wirtschaftwachstum ausgerichtetes, aber doch erfülltes Leben sind nur von wenigen Aussteigern erprobt worden. Es wird Zeit, darüber nachzudenken, was wir wirklich brauchen, um glücklich zu sein. Das muss ja nicht in der düsteren, diesseitige Freude verneinenden Atmosphäre geschehen, die der Genfer Reformator ausstrahlt (Ich hasse schwarz eingebundene Bibeln!). Aber schon mit existentieller Rigorosität, darum kommen wir nicht herum!

Ismael

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