Verschwörungstheorien im Netz: Michael Jackson lebt!
Ist Michael Jackson wirklich tot? Einige Internetseiten vermuten bereits, der „King of Pop“ sei quicklebendig. Egal ob Elvis Presley, James Dean oder Marilyn Monroe: Stirbt ein Star einen frühen Tod, suchen Fans Halt in Verschwörungstheorien. Sind diese eine Ersatzreligion?
Dass es Verschwörungstheorien gibt, hat dem Philosophen Karl Popper zufolge einen einfachen Grund: Die Menschen hätten Gott „abgeschafft“ und bräuchten nun etwas, das an seine Stelle trete, schrieb er in seinem Buch „Vermutungen und Widerlegungen“. Und tatsächlich suchen viele Menschen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche, Krisen, Katastrophen und Tragödien nicht mehr nur Halt in der Religion, sondern auch in der Verschwörungstheorie. Stirbt ein Star einen frühen Tod, folgt bald die passende Verschwörung dazu und findet mitunter viele Anhänger: Elvis und James Dean leben, Marylin Monroe und Lady Diana wurden ermordet. Das Unerklärliche wird durch die Verschwörungstheorie umgedeutet, vereinfacht und mitunter in einen großen Kontext gebracht. Nun auch bei Michael Jackson.
Nur wenige Stunden nach dem Ableben des „King of Pop“ waren erste Internetseiten online, in denen der Tod Jacksons bezweifelt wurde. Jackson habe seinen Tod nur vorgespielt, um der Dauerbelagerung durch die Medien und seinen horrenden Schulden zu entkommen, so der Grundtenor der meisten Verschwörungstheorien. Belegt wird die Jackson-lebt-These durch angebliche Bilder des Popstars, die nach dessen Tod entstanden sein sollen. Als entscheidender „Beweis“ dient ein Ausschnitt eines TV-Berichts, der den Abtransport der in einen Leinensack gehüllten Leiche Jackons durch einen Hubschrauber zeigt. Deutlich zu sehen sei darauf, dass sich der Leichnam nach Abheben des Hubschraubers auf der Bahre aufrichte, Jackson also lebe, argumentieren die Verschwörungstheoretiker.
Der Vorteil der Verschwörungstheorie ist, dass sie Ereignisse auf eine simple Weise erklärt. Der Mensch hat den Wunsch, eine klare und eindeutige Antwort auf eine gegebene Situation zu bekommen. Er braucht eine Struktur, die es ihm ermöglicht, eine Situation einzuschätzen. Die Verschwörungstheorie liefert diese Struktur. Sie beantwortet die Frage nach dem „Warum“, die den Trauernden umtreibt, die Religion aber nicht so leicht beantworten kann. Dass der Tod eines geliebten Stars Gottes Plan sein soll, ist für einen Menschen schwer nachzuvollziehen. Zumal in einer Gesellschaft, in der Vernunft (Ratio) und Wissenschaftlichkeit höher geschätzt werden als Emotion und Spiritualität, der Logos stärker als der Mythos geschätzt wird; in einer Gesellschaft, in der Menschen ein Stück ihres Urvertrauens, vielleicht auch ihres Gottvertrauens, verloren haben.
Verschwörungstheorien beziehungsweise Verschwörungstheoretiker appellieren an den Verstand ihrer Rezipienten. Diese werden aufgefordert nachzudenken und zu erforschen, was plausibel und logisch ist, um dann bestimmte Schlüsse zu ziehen. Ein Toter kann sich nicht auf der Bahre aufrichten, also muss Jackson leben. Andere Deutungen, etwa dass es sich beim dem Filmausschnitt um eine optische Täuschung handelt, die sich aus der Kombination aus Kameraperspektive und Bewegung des Hubschraubers ergibt, werden ausgeblendet.
Die Verschwörungstheorie erweist sich so als Meister der Vereinfachung. Jedes lose Ende einer Geschichte wird mit dem Vorhandensein einer Verschwörung erklärt. Gegenbeweise der Theorie werden in der Regel als Fälschungen derer deklariert, die hinter der Verschwörung stecken. Und der Urheber der Verschwörung ist stets der, dem sie nützt. Nur so ist zu erklären, dass es sogar Theorien gibt, nach denen der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad Jackson habe ermorden lassen. Schließlich käme es dem Präsidenten sehr gelegen, dass die Medien nun eher Jackson als die Unruhen im Iran im Focus hätten, argumentieren die Verschwörungstheoretiker.
Nach Außen präsentiert sich die Verschwörungstheorie stets als auf Logik und Verstand basierend. Ihren Erfolg verdankt sie aber letztlich der Tatsache, dass sie den Menschen auf einer emotionalen Ebene erreicht. Die Verschwörungstheorie ist zwar nicht unbedingt Ersatzreligion, aber sie ist ein Ersatzmythos. Mit dem Mythos versteht man die Welt, d.h. das Chaotische hat eine Ordnung gefunden und drückt sich in Bildern aus. Mythen dienen der Bewältigung der Angst vor einer übermächtigen Welt und versuchen, die Welt zu erklären. Mythen sind das, was als Fundament einer bestimmten Weltauffassung nicht in Frage gestellt wird. Zudem begegnen uns Mythen in Form von Erzählungen – ganz so wie die Verschwörungstheorie.
Der Mensch ist ein Geschichtenerzähler. Der Philosoph und Psychoanalytiker Paul Ricœr hat die Bedeutung der Erzählung für die Geschichtsschreibung betont. Der große Vorteil der Erzählung sei, dass sie zum Verstehen bestimmter historischer Ereignisse beitrage. Mit Hilfe des Plots, der Handlung der Geschichtserzählung, gelinge es dem Rezipienten, die geschichtliche Bedeutung verschiedener Ereignisse zu erkennen.
Das Prinzip, ein historisches Ereignis erzählend zu deuten, ist also erfolgversprechend. Der Mensch hat eine Affinität für Geschichten, die Verschwörungstheorie liefert sie, in der Regel nach dem selben Muster. Der Verschwörungstheoretiker ist der Held, der eine Verschwörung gegen den Widerstand der Verschwörer aufdecken muss. Unzählige Bücher und Filme, zuletzt Dan Browns „Sakrileg“ oder „Illuminati“, funktionieren so.
Anknüpfung an vorhandenes Wissen
Gleichzeitig muss jede Verschwörungstheorie an bereits geglaubte Einstellungen anknüpfen können, um erfolgreich zu sein. Verschwörungstheorien, nach denen die Attentate des 11. Septembers von der US-Regierung selbst in Auftrag gegeben wurden, waren beispielsweise vor allem in solchen Ländern und bei Menschen beliebt, die zuvor schon eine sehr kritische Sicht auf die Politik von George W. Bush hatten. Zwar ist die Elvis-lebt-Theorie insgesamt als erfolgreich anzusehen – sie hält sich immerhin sit 1977 - , einzelne „Verästelungen“ dieser Theorie, nach denen Elvis von Außerirdischen entführt wurde, werden hingegen höchstens von solchen Menschen geglaubt, die auch Ufo-Landungen für realistisch halten.
Vor diesem Hintergrund scheint es wahrscheinlich, dass die Jackson-lebt-Theorie lediglich ein Randphänomen bleiben wird. Denn sein Tod unterscheidet sich letztlich deutlich etwa von denen Elvis Presleys, Lady Dianas und Marylin Monroes. Jackson war in der öffentlichen Wahrnehmung bereits vor seinem Tod ein kranker Mann. Bei seinen letzten Auftritten wirkte er oft gebrechlich und abwesend, was bereits in den Medien zu Spekulationen über einen Medikamentenmissbrauch geführt hatte. Ein Tod des 50-Jährigen als Folge der Einnahme eines Medikamentes ist für die Mehrzahl der Menschen daher kaum unerklärlich, sondern vielmehr logische Folge.
Der mit erst 42 Jahren jünger als Jackson verstorbene Elvis Presley zeigte zwar aus heutiger Sicht ebenfalls vor seinem Tod bereits Verfallserscheinungen, in der öffentlichen Wahrnehmung von damals waren diese aber weniger präsent. Elvis erschien nicht gebrechlich, sondern eher etwas „zu gut ernährt“. Kurz vor seinem Tod absolvierte er einen umjubelten und gelungenen Liveauftritt. Der Tod des „King“ kam daher insgesamt überraschender, ebenso wie bei der mit nur 36 Jahren verstorbenen Marilyn Monroe und dem nur 24 Jahre alt gewordenen James Dean, der noch dazu bei einem Autounfall, also auf unnatürliche Art, ums Leben kam. Auch dass Lady Diana eines unnatürlichen Todes starb und ihr Tod der Königsfamilie scheinbar gelegen kam, hat das Aufleben von Verschwörungstheorien deutlich begünstigt.
Auch wenn die Verschwörungstheorie wie die Religion Menschen in schwierigen Phasen Halt gibt, treten diese in der konkreten Situation der Krise nicht direkt in Konkurrenz. Die Verschwörungstheorie ist eher ein Ausdruck dafür, dass vielen Menschen schon vor der Krise Glauben und Spiritualität abhanden gekommen sind. Wer Verschwörungstheorien bekämpfen will, steht dabei mit rein logischen Argumenten schnell auf verlorenem Posten, weil er die Emotionalität der Verschwörungserzählungen und ihre Bedeutung als Ersatzmythen nicht verstanden hat.
Verschwörungstheorien sind auch Ausdruck der modernen, scheinbar aufgeklärten Welt. Ein Rückgang von Verschwörungstheorien wäre wohl nur auch eine stärkere Rückbesinnung auf die spirituellen Bedürfnisse des Menschen zu erreichen. Hier liegt die Chance der Religion. Sie liefert Erklärung durch Spiritualität und setzt Ereignisse in einen großen Zusammenhang, der auch das Unerklärliche auf seine Weise erklärt. Dabei verzichtet die Religion – und das macht sie für viele Menschen aktuell weniger attraktiv – allerdings auf logische Folgerungen.
Der Halt, den sie gibt, ist dadurch jedoch wahrhaftiger. Sie konstruiert keine Wahrheit, sie lügt nicht, sondern sie greift zurück auf eine Urwahrheit über deren Vorhandensein in jedem Menschen eine Art Restwissen vorhanden ist. Dieses Wissen zu wecken, ist der Schlüssel zur Entzauberung der Verschwörungstheorie. Einen Menschen ruhen lassen zu können, bedeutet dabei mehr Respekt, als ihn zu einem Geist zu machen, dem man mit Kameras und Pseudobeweisen hinterherjagt.
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