Die Rückkehr der krummen Dinger

Ab sofort dürfen Gurken wieder krumm sein. Heute wird die 1988 eingeführte Gurken-Norm der EU abgeschafft.
Die Agrarkommission sieht keinen Sinn darin, Gurken wegzuschmeißen, nur weil sie die falsche Form haben.
Auch anderes Obst und Gemüse wie zum Beispiel Melonen, Pilze und Spargel dürfen nun wieder wild wachsen und dann so verkauft werden.
Spötter ließen sich reihenweise über den Regulierungswahn der EU aus, doch die "Verordnung zur Festsetzung von Qualitätsnormen für Gurken" sei damals von den Handelsunternehmen gefordert worden, um sich mögliche Streitereien mit Lieferanten und unzufriedenen Kunden zu ersparen.

Aha.

Natürlich ist man jetzt in Brüssel ausschließlich der Vernunft gefolgt, weil die massenweise Vernichtung von Ernte-Erzeugnissen wegen kleiner Formfehler moralisch nicht vertretbar sei - während weltweit 850 Millionen Menschen hungern.
Es hat ganz sicher nichts mit dem Bio-Boom zu tun, bei dem der ein oder andere Dreckfleck und komische Formen Markenzeichen frischer und reiner Bionahrung sind.
Eine rein rationale Entscheidung ist gefällt worden, keine wirtschaftliche. Oder kann man das etwa auch anders sehen?

Monk'sche Züge scheint der Mensch im Laufe seiner Geschichte immer wieder zu zeigen: Symmetrisch und gerade muss es sein!
Welche Auswirkungen die Begradigung von Flussbetten hat, wissen wir längst von den jährlich wiederkehrenden Bildern schrecklicher Überschwemmungen.
Die Natur holt sich dort zurück, was wir ihr genommen haben. Zu oft haben wir schon in die Schöpfung eingegriffen. Und fast immer stellt sich unser Handeln im Nachhinein als falsch heraus.

Ein Glück für alle Männer, dass die Gesetzgeber noch nicht darauf gekommen sind, das Geschlechtsteil zu normieren. So manche Branche hat schließlich keine Hemmungen, aus Verdienstgründen gesellschaftlichen Druck aufzubauen, zumindest nicht, was die Brust der Frau betrifft. Hier wurde längst ein medizinisches Notprogramm zu einem angeblich der Ästhetik geweihten Wirtschaftszweig umfunktioniert.
Wir schlagen der EU mal folgende Norm vor: Die Würde der Natur ist unantastbar.
Dann wäre dem Handel eine klare Linie vorgegeben, sich doch lieber um Schälmesser zu kümmern, die sich der Form der Gurke anpassen und nicht umgekehrt.
Ganz ehrlich:

Meine Mutter hat einen großen Garten und es gibt dort keine genormten Formen, die aufgrund komischer Regeln in den Abfall segeln. Dort gilt nur die älteste Weisheit der Welt, die bis heute noch jedem gefällt. Und mit diesem Satz würde das Verordnungsbuch der EU auf einen Schlag abgespeckt. Es muss dort nichts weiter stehen als:

Hauptsache es schmeckt.

Wer den Gurken-Paragraphen einmal durchlessen möchte, klicke hier.

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Kommentare

Verfasst von UTC am 7. Juli 2009 - 10:14.

Wenn es so einfach wäre

Lieber Andreas, das wäre schön, wenn es nur die Regel gäbe "Alles was schmeckt...

Lieber Andreas, das wäre schön, wenn es nur die Regel gäbe "Alles was schmeckt". Bei Deiner Kritik an der EU hast Du aber leider Henne und Ei verwechselt. Es waren die Verbraucher und der Handel, die eben keine krummen Dinger wollen, die kein Gemüse mit ein paar Flecken kaufen wollen und die unförmiges Obst einfach links liegen lassen. Schau Dich doch einmal kurz vor Ladenschluss in einem Supermarkt um? Das, was da noch rumliegt schmeckt alles noch, aber kaufen wird das keiner mehr. Oder greift Du da beherzt zu? Mir schmecken die schrumpeligen Tomatensorten aus meinem Garten viel besser, als die roten Wasserbomben aus der Plastikschale. Aber die Menschen kaufen mit dem Auge und nicht mit der Zunge. Also: nicht nur auf den Normierungswahn der EU schimpfen, auch einmal kritisch das eigene Verbrauchsverhalten hinterfragen. Das übrigens ist typisch evangelisch, erst einmal zu fragen, ob die Schuld vielleicht auch bei mir selbst liegt.

Verfasst von Ismael am 8. Juli 2009 - 8:08.

Abgegriffen!

Zitat Andreas Reinwart: Ein Glück für alle Männer, dass die...

Zitat Andreas Reinwart:

Ein Glück für alle Männer, dass die Gesetzgeber noch nicht darauf gekommen sind, das Geschlechtsteil zu normieren.

------------------Zitat Ende-------------------

Allüberall wird man mit derartigen inzwischen ziemlich "abgegriffenen", platten und deswegen obszönen Anspielungen konfrontiert. Das wird der Sache nicht gerecht, - erst recht nicht der Sexualität des Menschen.

Ich würde mir wünschen, wenn auf dieser Seite darauf verzichtet werden könnte.

Es muss doch irgendwo einen Ort geben, wo man von solchen Plattitüden verschont bleibt!

:-<  Ismael

Verfasst von Andreas Reinwart am 8. Juli 2009 - 17:32.

Plattitüden

Ich denke, es gibt kaum einen Bereich, der unter einem solchen Idealisierungs-...

Ich denke, es gibt kaum einen Bereich, der unter einem solchen Idealisierungs- und Normierungszwang steht, wie der menschliche Körper und seine Sexualität.
Der Druck der hier von Seiten diverser Industriezweige aufgebaut wird, schlägt deutlich sicht- und hörbar bis ins Kindheitsalter durch. Leider.
Das Bild, das der Gesellschaft heute als das Ideal des Körpers präsentiert wird, wird der Menschheit ganz sicher nicht gerecht. Und genau dieses Problem ironisch mit einer der unsinnigsten Normen der EU in Verbindung zu bringen, empfinde ich persönlich nicht als Plattitüde.
Wenn sich im Bezug auf Sexualität oder ideale Körper zuerst in der Gesellschaft ein "Ideal" in den Köpfen festsetzt, dann wird vielleicht auch eines Tages ein Gesetzgeber auf die Idee kommen, darauf zu reagieren. Sind wir bei der Debatte um die Gentechnik und die Möglichkeiten durch Genmanipulationen noch vor der Geburt Krankheiten und "Fehler" auszuschließen nicht genau diesen scheinbar "platten" oder "banalen" Dingen bereits einen Schritt näher gekommen?
Den Herzfehler reparieren ist in Ordnung, die Haarfarbe auswählen nicht...Wo wird in Zukunft die Grenze gezogen? Wer entscheidet über diese Dinge?
Diese Frage soll hier zwischen den Zeilen zu lesen sein.

are

Verfasst von Andreas Reinwart am 8. Juli 2009 - 17:53.

Es könnte einfach sein

Nun, da ich gleich am Ende des ersten Abschnitts erwähne, dass diese Norm...

Nun, da ich gleich am Ende des ersten Abschnitts erwähne, dass diese Norm einst auf Druck des Handels eingeführt wurde - und ich am Ende der EU zur Zügelung des Handels eher eine andere Norm vorschlagen würde, sind Henne und Ei wohl am richtigen Platz.
Um die Sache kurz weiterzuführen: Es war der Handel. Denn in genormte Kisten passt dann immer die gleiche Anzahl an genormten Gurken. Das spart Zeit bei der Berechnung von Transportplatz und Preisen. Es ging also wie immer um's Geld.
Der Bio-Boom macht, vermute ich, deutlich, dass noch mehr Menschen über die Nahrung aus dem Garten so denken, wie Sie und ich. Sehen Sie es nicht so, dass in den Bio-Supermärkten genau die genormte Ware, z.B. Kartoffeln, an denen kein einziges Sandkorn mehr klebt, eher skeptisch betrachtet würde? Ich denke, so mancher Kunde im Bio-Laden würde wohl einen Angestellten fragen, ob dass denn wirklich Bio ist.

Meine EU-Kritik liegt also eigentlich darin, ob die Normgeber in Brüssel denn nun wirklich den Paragraphen abgeschafft haben, weil er unsinnig war oder ob man bloß wieder einmal dem Kapital folgt, weil Bio eben genau das bringt: Geld.

Im Fall von "Bio" haben wir aber diesmal ein Verbraucherverhalten, dass man ausnahmsweise nicht unbedingt kritisch hinterfragen muss, auch wenn man das ebenso könnte.

Die Anmerkung zur Schuldfrage finde ich dagegen sehr passend.

are
 

Verfasst von Ismael am 9. Juli 2009 - 7:40.

Nachhilfe ;->

Zitat Andreas Reinwart: "Diese Frage soll hier zwischen den Zeilen zu...

Zitat Andreas Reinwart:

"Diese Frage soll hier zwischen den Zeilen zu lesen sein."

----

Das kam bei mir nicht so rüber.

Danke für die Erklärung!

Ismael

 

 

Verfasst von Andreas Reinwart am 9. Juli 2009 - 10:04.

Heute passend zum Thema...

...vermeldet u.a. die netzzeitung, britischen Forschern sei es erstmals...

...vermeldet u.a. die netzzeitung, britischen Forschern sei es erstmals gelungen, künstliche Spermazellen in einem Reagenzglas zu züchten.

Bedenklich!

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