Better on the other side

Von Harald Sommerfeld - Am vergangenen Donnerstag, 25. Juni 2009, starb einer, der für viele Menschen eine Legende ist – Michael Jackson, der „King of Pop“. Sein plötzlicher Tod steigerte die Verehrung, die ihm schon zu Lebzeiten entgegengebracht wurde, ins Unermessliche. Die Betroffenheit seiner Fans und Freunde wurde zu einer weltweiten Welle.

Whos Michael Jackson,
Your Michael Jackson,
Im Michael Jackson,
We all Michael Jackson,
I guess what Im asking is everybody bow their head for a legend

Der Rapper The Game in “Better on the other side – Tribute to Michael Jackson”

Legenden hat die Menschheit zu allen Zeiten hervorgebracht. Sie scheinen einem urmenschlichen Bedürfnis zu entsprechen und tragen geradezu religiöse Züge.

Michael Jackson war zweifellos ein genialer Musiker und Entertainer, der die Geschichte der Pop Musik bleibend verändert und viele Musiker geprägt hat. „Jacko“ war auch der erste afroamerikanische Künstler, der alle Schichten der Gesellschaft begeisterte. Al Sharpton, ein schwarzer Prediger und ehemaliger Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur, nannte ihn einen „Wegbereiter, lange vor Tiger Woods, lange vor Oprah Winfrey, lange vor Barack Obama".

Doch nicht nur außergewöhnliche Leistung spielt bei der Legendenbildung eine Rolle. Charismatische, schillernde oder geheimnisvolle Persönlichkeiten verleihen ihrem Lebenswerk einen zusätzlichen Nimbus. Und es scheint kaum einen Umstand zu geben, der einer Legendenbildung mehr Nachhaltigkeit verleiht als ein tragischer oder vorzeitiger Tod – man denke nur an James Dean, Marylin Monroe, Elvis Presley, John Lennon und Kurt Cobain.

Auch im Fall von Michael Jackson hat der plötzliche Tod die Bewunderung in so etwas wie Heiligenverehrung umschlagen lassen. The Game, Chris Brown, Diddy und andere bekannte Musiker veröffentlichten kurz nach der Nachricht vom Tod ihres Kollegen und Idols einen Michael Jackson Tribute Song, der in den letzten Tagen hunderttausendfach aus dem Internet heruntergeladen wurde.

In ihrem Schock und ihrer Trauer schließen sich die Menschen zu „Gemeinden“ zusammen, die diese Zeit tiefer emotionaler Betroffenheit gemeinsam durchleben und verarbeiten wollen. Teils tun sie das in klassischer Manier, indem sie sich an „Kultstätten“ treffen – an Orten, die irgendwie mit der Geschichte Jackos verbunden sie, wie dem Eltern- oder letzten Wohnhaus, oder dem Apollo-Theater in New York, wo seine Karriere begann. Einige Fans versuchten sogar, das Krankenhaus zu stürmen, in dem sein Leichnam lag. In Berlin stellte das Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds das Abbild des Verstorbenen in den Eingangsbereich und legte ein Kondolenzbuch aus.

Doch der eigentliche Versammlungsplatz der Trauergemeinde ist, wie Sandra Bils schrieb, das Internet, das fast in die Knie ging, weil so viele sich dort informierten, ihren Gedanken und Emotionen Ausdruck verliehen und sich gleichzeitig durch Downloads von Songs und Bildern ihre Reliquien sicherten.

Man liest die Berichte enger Freunde und Weggefährten (wie den Blogeintrag, den Lisa Marie Presley, Jacksons geschiedene Frau, zu seinem Tod schrieb). Und man sucht nach „letzten Worten“ der Legende, die in diesem Fall nur in Form rarer Interviews vorliegen.

Das alles ließe sich als ein für unsere Mediengesellschaft typischer Hype einordnen, wenn dahinter nicht eine noch tiefere Dimension erkennbar würde. Michael Jackson ist für viele Menschen ein Teil ihres Lebens geworden.

Meike Werkmeister schreibt auf Spiegel Online: „Das ist doch nur ein Popstar, niemand aus meiner Familie, sagen Sie? Stimmt. Aber Michael Jackson hat mich mein ganzes Leben begleitet. Er hat mich mit "Bad" durch die Pubertät gebracht, mit "Keep The Faith" durch die Führerscheinprüfung, mit "Beat It" durchs Abitur. Er hat mich bei schlimmen Liebeskummer Anfang 20 mit "You Are Not Alone" getröstet und Selbstzweifel während des Studiums mit "Man In The Mirror" weggesungen. … Wir hörten seine Songs wie Gebete ...“

Und Claudia Sommer sagt: „Today the music dies. Rest in Peace Mike - We shall miss you, and we love you so much. Thank you for everything. Today is saddest day for millions and the world has lost one of the greatest hearts and the heavens have gained a Saint.“

Hier deutet sich vielleicht der tiefste Grund für Legendenbildungen an. Wir bekommen von denen, die wir verehren, nicht nur Kunst oder Kurzweil, sondern (zumindest vorübergehend) existentielle Erfahrungen wie eine Lebensmitte, Sinn, Zuspruch, Trost, Zugehörigkeit. In ihnen suchen wir einen Glanz, der auch unsere eigene Alltäglichkeit zum Strahlen bringt. Und am Ende haben wir uns in einer Weise mit ihnen verbunden, die sie zu einem Teil von uns werden lassen.

Auch die Bibel weiß von Menschen zu berichten, die zu Lebzeiten und darüber hinaus zu solchen Legenden wurden. Einer, der mir in Verbindung mit Michael Jackson in den Sinn kommt, ist der israelische König David. Beide waren von ganzem Herzen Musiker, hatten schon früh erstaunliche Erfolge und wurden gefeiert. Beide prägten mit ihren Hits / Psalmen nachfolgende Generationen. Beide zeichneten sich durch außergewöhnliche Tanzeinlagen aus (David vor der Bundeslade; MJ z.B. durch Moonwalk und Robot). Und beiden blieb ein großes letztes Ziel versagt (David konnte den Tempel nicht mehr bauen, MJ seine letzte große Konzerttournee nicht mehr durchführen).

Beide waren auch tragische Figuren. Michael Jackson litt unter einer unglücklichen Kindheit, an Vereinsamung und anderen bedauerlichen Lebensumständen, David musste Verkennung, Verfolgung und manch anderes Leid über sich ergehen lassen. Und in Ehe und Familie waren beide auf tragische Weise begrenzt.

Die Tragik Michael Jacksons wird auch deutlich, wenn Lisa Marie Presley von einem Gespräch mit Jackson über den Tod ihres Vaters berichtet:

„At some point he paused, he stared at me very intensely and he stated with an almost calm certainty, "I am afraid that I am going to end up like him, the way he did."
I promptly tried to deter him from the idea, at which point he just shrugged his shoulders and nodded almost matter of fact as if to let me know, he knew what he knew and that was kind of that.“

(„Irgendwann hielt er inne, starrte mich intensiv an und sagte mit beinahe ruhiger Gewissheit: "Ich fürchte, ich werde wie er enden." Ich versuchte sofort, ihn von der Idee abzubringen, doch er zuckte einfach mit den Schultern und nickte beinahe sachlich, als wolle er mir sagen, er wisse, was er wisse, und damit sei die Sache abgeschlossen.“)

Und schließlich wird an beiden deutlich, dass menschliche Legenden immer begrenzt und gebrochen sind. Wer zu großer Leistung fähig ist, ist auch zu großer Schuld fähig. David hatte seine Schattenseiten, die bis zu Mord und Ehebruch führten.

Über Michael Jackson schreibt Lisa:

„He was an incredibly dynamic force and power that was not to be underestimated.
When he used it for something good, It was the best and when he used it for something bad, It was really, REALLY bad.“

(„Er war eine unglaublich dynamische Kraft, die man nicht unterschätzen durfte. Wenn er sie für etwas Gutes einsetzte, kam das Beste heraus, doch wenn er sie für etwas Schlechtes nutzte, dann war es WIRKLICH schlecht.“)

Hier zeigt sich die Ambivalenz menschlicher Legenden. An ihrer Bildung sind dieselben Bedürfnisse und Kräfte beteiligt, die letztlich auch das religiöse Leben der Menschen in Gang halten. Doch egal, welche großartigen Momente sie uns verschaffen und welche Bedürfnisse sie decken, sie bleiben doch auch selbst bedürftig.

Viele haben in den letzten Tagen gespürt, dass am Ende auch eine Legende wie Michael Jackson auf etwas noch Größeres angelegt ist und angewiesen bleibt, und bekannten, dass sie für ihn beten. Auch Lisa:

“I desperately hope that he can be relieved from his pain, pressure and turmoil now.
He deserves to be free from all of that and I hope he is in a better place or will be.”

(“Ich hoffe von ganzem Herzen, dass er nun von Schmerz, Druck und Mühsal befreit ist. Er verdient es, frei davon zu sein, und ich hoffe, er ist nun an einem besseren Ort – oder wird es bald sein.”)

Und seine musikalischen Freunde und Jünger, die ihm den Tribute-Song schrieben, brachten dieselbe Hoffnung zum Ausdruck:

This the type of song that make the angels cry,
i look up in the sky and i wonder why?
why you had to go, go
I know its better on the other side.

 

Über den Autor:

Harald Sommerfeld (56 Jahre) ist verheiratet, Vater von vier erwachsenen Kindern und wohnt in Berlin. Er hat Mathematik und Theologie studiert und als Pastor und Dozent gearbeitet. Gegenwärtig ist er als freiberuflicher Gemeindeberater tätig (www.transformission.de). Als Vertreter des Netzwerkes „Gemeinsam für Berlin“ beteiligt er sich unter anderem an interkultureller Arbeit. Außerdem ist er im Vorstand eines christlichen Hertha BSC-Fanclubs, der die Liebe zum Fußball mit sozialem Engagement verbindet.

Noch keine Bewertungen vorhanden

Kommentare

Ein Schmerzensmann?

Ehrlich gesagt, irritiert mich der Starkult (ich meine, das Wort "Kult" ist hier zutreffend) und die so große Trauer um Michael Jackson.

Was steckt dahinter, was fasziniert so viele Menschen an diesem Musiker? Die Songs, die Musik,  ja bestimmt... Die Bühnenauftritte, die Performance, das auch, sicher! Aber ist das, bei aller künstlerischer Originalität, wirklich so entscheidend für die Fans?

Michael Jacksons Leben als Gesamtkunstwerk?

Oder eher Michael Jacksons Leben als insgesamt künstliches Werk? Jacko als Beispiel eines gebrochenen, letztlich gescheiterten Lebens in der modernen Welt, in dem sich die zerbrochenen Sehnsüchte so vieler wiederspiegeln? Schon eher.

Tausende jubelten ihm zu, - und doch war er einsam.

Er verkaufte so viele Platten, und war doch hoch verschuldet.

Als Schwarzer hatte er so großen Erfolg, auch bei den Weißen. Aber ein Schwarzer mochte er nicht sein, seine Haut ließ er bleichen.

Ewig jung wollt er sein. Doch die vielen kosmetischen Operationen gaben ihm zuletzt das Antlitz eines Gespenstes, Gevatter Tod mit Manga-Nase...

Er liebte die Kinder. Zu sehr?

Er soll mit seinen Kindern sehr liebvoll umgegangen sein. Aber war er, im ganzheitlichen Sinne, ein guter Vater? Ein guter Ehemann?

In Jackos Leben spiegelt sich das Scheitern eines Menschen vor Idealen der modernen westlichen Welt wieder. Das Scheitern so vieler Namenloser bekommt ein Gesicht.

Er ist ein Schmerzensmann, ja.

Aber ein Schmerzensmann, trotz aller Jacko-lebt-Gerüchte, trotz der Inhalte seiner Songs, ohne Erlösungsbotschaft! 

 Ismael

 

Jacko´s Memorial

.... die Trauerfeier fand ich rührend und würdig. Besonders, weil die Dankbarkeit über das Leben mit dem "King of Pop" spürbar war.

Im Anschluß daran wurde auf einem anderen TV-Programm  das Interview mit Ed Bradley gesendet. Ein herbes Kontrastprogramm, das für die Legendenbildung kontraproduktiv ist. Aber ich glaube, das will jetzt niemand mehr sehen.

Trixi

Das Michael Jackson nicht

Das Michael Jackson nicht sehr alt wird, war eigentlich schon länger klar. Ich dachte nur, dass er eher an seinen OPs zerbricht - im wahrsten Sinne des Wortes. Nun ist er nicht zerbröckelt, sondern an Medikamenten gestorben...

© 2009 - 2010 evangelisch.de  |  Tel: 069 58 098 - 189  |  Fax: 069 58 098 - 418  |  Kontakt  |  Impressum  |  Datenschutz  |  AGB